Globale Erwärmung auf dem Kilimandscharo "Herr Gore war etwas schlecht beraten"

Der Kilimandscharo galt Umweltschützern als Musterbeispiel für die Folgen der globalen Erwärmung. Nun haben Forscher herausgefunden: Seine Eisschmelze hat ganz andere Ursachen.

Von Johannes Kuhn

Als der Berg ganz in Weiß erstrahlte, inspirierte er Ernest Hemingway zu der Erzählung "Schnee auf dem Kilimandscharo". Jüngst erlag auch Al Gore seiner Faszination: "Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird kein Schnee mehr auf dem Kilimandscharo liegen", erklärte der amerikanische Klimaschützer in seinem Film "Eine unbequeme Wahrheit".

Dokumentiert wurde die Aussage durch Fotos, die den Rückgang des Eises über die letzten Jahrzehnte hinweg zeigten: Statt weißem Schnee war auf den Bildern immer mehr grauer Staub zu sehen.

So erschreckend die Geschichte von der verschwindenden Eisschicht sein mag - mit der globalen Erwärmung hat die Schmelze auf Ostafrikas Bergmassiv nichts zu tun. Dies geht aus einer Studie hervor, die Klimaforscher in der aktuellen Ausgabe des American Scientist veröffentlicht haben.

In dortigen Breitengraden, so die Wissenschaftler, herrschten andere Bedingungen. Während die Gletscher der Alpen ins Tal hinabfließen, liegt der Gletscher des Kilimandscharo auf einem Plateau. Dort steht er und sieht beinahe wie ein gewaltiger Eiswürfel aus, mit Wänden, die bis zu 40 Meter hoch sind.

Zu kalt für die Eisschmelze

Würde nun, wie im Gore'schen Szenario beschrieben, die globale Erwärmung für das Abschmelzen verantwortlich sein, müssten die Kanten an den Rändern flüssig werden. Doch auf dem Gipfel des rund 5900 Meter hohen Berges herrschen nur wenige Stunden im Jahr Temperaturen über null Grad - es ist schlicht zu kalt für Tauwetter.

Dass der Gletscher dennoch langsam verschwindet, liegt am Prozess der Sublimation. Dabei überspringt das Eis den flüssigen Zustand und geht direkt in einen gasförmigen Zustand über, es verpufft förmlich. Ähnliche Effekte beobachten wir beim Gefriertrocknen von Lebensmitteln oder beim bekannten Phänomen des Gefrierbrands.

Um sich so schnell zu verwandeln, ist acht Mal so viel Energie wie bei einem normalen Schmelzvorgang nötig - und eine besonders reine Luft. "Die Luft in der ostafrikanischen Savanne ist äußerst trocken und klar, auf einer Höhe von 5000 Metern verstärkt sich dieser Effekt noch", erläutert Co-Autor Georg Kaser von der Universität Innsbruck, "das geht soweit, dass wir können die Sublimation selbst während der Regenzeit beobachten können."

Die Energie für die Änderung seines Zustandes bekommt das Eis durch die Sonnenstrahlung. Die Sonne löst also die Verpuffung aus, die den Gletscher formt. "Diesen Effekt gibt es bereits seit 120 Jahren", sagt Kaser, "der Kilimandscharo würde heute genauso aussehen, wenn sich unser Klima seitdem nicht erwärmt hätte."

Wachstum nur nach oben, nicht in der Fläche

Indirekt fördert die globale Erwärmung das Verschwinden des Eises allerdings doch. So nahmen in den vergangenen Dekaden die Niederschlage in Ostafrika kontinuierlich ab. Dies wiederum hängt mit der Meerestemperatur im Indischen Ozean zusammen, die in den letzten Jahrzehnten übermäßig anstieg.

Eine dickere Schneeschicht könnte das Sonnenlicht reflektieren, die Energieaufladung also bremsen. Gleichzeit würde bei genügend Schneefällen der Gletscher etwas nach oben wachsen - nicht jedoch in der Fläche, da der Niederschlag wegen der vertikalen Wände nur auf oder neben den Gletscher fallen kann. Allerdings sorgen ergiebigere Schneefallphasen, wie sie die Wissenschaftler seit November beobachten, möglicherweise dafür, dass neue Mini-Gletscher zwischen den Resten der Eisblöcke entstehen können.

Ein anderer Effekt wäre, dass auf den Seitenhängen wieder mehr Schnee zum Liegen kommen würde. "Bis der Gipfel des Kilimandscharo wirklich eisfrei ist", schätzt Kaser, "kann es 30 bis 50 Jahre dauern - an den Hängen könnte sich die Eismasse sogar stabilisieren." So könnte einmal das bizarre Bild entstehen, dass das Gipfelplateau staubig, die Hänge des Berges aber weiß sind.

An den Erkenntnissen der Klimaforschung, betonen die Wissenschaftler, rütteln ihre Ergebnisse freilich nicht - eher an der allzu plastischen Gleichung, dass jeder Gletscherrückgang ein Zeichen der globalen Erwärmung ist. "Herr Gore war wohl etwas schlecht beraten", sagt Kaser. "Es gibt hunderttausende Gletscher, die durch die globale Erwärmung schmelzen." Nur eben der Kilimandscharo nicht.