Geburtshilfe:Unfug im Kreißsaal

Wo es immer mehr ältere Schwangere oder Frauen mit Übergewicht gibt, sei eine besonders intensive Versorgung wichtig. "Oft soll Technik die mangelnde Betreuung durch Hebammen kompensieren."

Hebammen gesucht

Frauen dürften das kaum als angemessenen Ersatz ansehen. Eine Befragung am Krankenhaus Dritter Orden in München ergab, dass von 250 jungen Müttern 125 die Hebamme als wichtigste Unterstützung bei der Geburt nannten, dann folgte der Partner mit 110 Nennungen und abgeschlagen mit vier Nennungen der Arzt (Die Hebamme, Bd.20, S.44, 2007).

Die bei einem Drittel der Frauen vorgenommene Periduralanästhesie wurde nur von neun Frauen als wichtigste Hilfe angegeben, von sieben aber als ärgster Störfaktor bei der Geburt. Als störend empfinden es viele Frauen auch, wenn sie stundenlang an den Wehenschreiber (CTG) angeschlossen bleiben, der die kindlichen Herztöne und Wehen aufzeichnet. Er werde in Deutschland überaus großzügig eingesetzt, sagt die Pflegewissenschaftlerin Friederike zu Sayn-Wittgenstein von der Fachhochschule Osnabrück.

"Bei der Mehrzahl der Geburten ist die Frau fast ununterbrochen an das CTG angeschlossen, auch wenn alles völlig unauffällig verläuft. Anstatt die Frau zu ermutigen, wechselnde Positionen einzunehmen, wird sie in ihrer Selbständigkeit und Bewegung eingeschränkt." Auch die Arbeit der Geburtshelfer und die gesamten Abläufe im Kreißsaal würden durch diese sehr wörtlich zu nehmende Technik-Fixierung geprägt. Hackelöer beurteilt den Nutzen ebenfalls eher zurückhaltend: "Ein Dauer-CTG bei einer unkompliziert verlaufenden Geburt halte ich nicht für begründet."

Die in der vergangenen Woche vom Britischen National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) auf einer Tagung in London vorgestellten Leitlinien "Für die Betreuung gesunder Mütter und ihrer Babys während der Geburt" erklärten ausdrücklich, der Einsatz des CTG werde bei der Aufnahme von Schwangeren mit niedrigem Risiko nicht empfohlen. Das regelmäßige Abhören der kindlichen Herztöne genüge.

Dagegen sollten alle werdenden Mütter eine kontinuierliche Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme erhalten, sobald die Geburt beginne. Weniger Technik also und mehr Zuwendung. "Damit ist uns Großbritannien eindeutig voraus", sagt Sayn-Wittgenstein. "Dort gibt es den politischen Willen, die physiologisch normalen Geburtsabläufe zu unterstützten - ein tolles Vorbild für Deutschland."

Zu wenige Empfehlungen zur Geburtshilfe

"Das ist illusorisch", meint dagegen Bernhard Hackelöer. "Wir haben bei uns in der Klinik acht Kreißsäle und vier Vorwehenräume, im Nachtdienst aber nur drei Hebammen, anderswo ist es nicht besser." Auch in Großbritannien sei eine Eins-zu-eins-Betreuung mit Sicherheit nicht gewährleistet. "Natürlich wären mehr Hebammen und Geburtshelfer wünschenswert, aber in einer Situation, wo immer noch mehr gespart wird, ist das keine realistische Forderung."

Zu den Maßnahmen, die man eher einschränken sollte, zählt Hackelöer vor allem solche, die eine Geburt aufschieben sollen. "Es hat sich gezeigt, dass es keine Vorteile hat, Schwangere dauerhaft an einen Tropf mit Wehenhemmern zu hängen. Das verzögert zwar die Geburt ein wenig, verbessert aber die Chancen der Kinder nicht'', erklärt er. "Auch die Cerclage, bei der der Muttermund durch ein Band verschlossen wird, um eine vorzeitige Geburt zu verhindern, ist meist sinnlos. Diese beiden Prozeduren werden immer noch zu häufig durchgeführt.''

Fundierte Aussagen dazu, was im Verlauf einer Geburt sinnvoll ist, und wo eher nutzlose medizinische Rituale beginnen, sind indes schwer zu treffen. ,,Es gibt zu wenige Empfehlungen zur Geburtshilfe, die wirklich durch gute Studien abgesichert sind'', sagt Sayn-Wittgenstein. Viele Leitlinien hierzulande beruhten eher auf Expertenmeinungen und nicht auf hochwertigen empirischen Daten.

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