Geburtshilfe:Unfug im Kreißsaal

Für die routinemäßige Blasensprengung fand sich jetzt keine bessere Begründung: Die Auswertung von 14 Studien brachte keinen Beleg dafür, dass die Öffnung der Fruchtblase das Kind schneller zur Welt kommen lässt. Auch ging es den Neugeborenen danach nicht besser als denen, die ohne solchen Eingriff geboren wurden. Dagegen gab es Hinweise darauf, dass nach der Blasensprengung häufiger ein Kaiserschnitt nötig wurde.

Erleichterung durch Dammschnitt?

Selten geworden ist die früher übliche Rasur der Schamhaare. Die Vorstellung, sie könne die Zahl der Infektionen nach einem Schnitt oder Riss senken, ließ sich in Studien nicht bestätigen. Zu den Prozeduren, die Gebärende oft erleiden müssen, gehört jedoch weiterhin der Dammschnitt. Er soll Geweberisse verhindern, sei einfacher zu nähen als diese und verursache weniger Schmerzen nach der Geburt, meinen jene, die routinemäßig zum Skalpell greifen. Auch komme es nach einem sauberen Schnitt seltener zur Schädigung des Beckenbodens, zu Inkontinenz oder Störungen des Sexuallebens.

Eine Auswertung von sieben Studien mit 5000 Frauen bestätigte keinen dieser vermuteten Vorteile. Über Schmerzen beim Sex klagten Frauen, die einen Dammschnitt bekamen, sogar häufiger als andere. Höchstens ein Drittel der Schnitte seien im Interesse des Kindes notwendig, Vorteile für die Mütter nicht zu erkennen, so die Autoren einer Übersichtsarbeit 2005.

"Dammschnitte werden in unserer Klinik nach Möglichkeit vermieden'', sagt Hackelöer. "Oft lassen wir bewusst zu, dass der Damm einreißt.'' Die schwersten Risse träten oft gerade nach einem Schnitt auf. Allzu verbreitet scheint diese Einsicht noch nicht zu sein. Bei mehr als einem Drittel aller Geburten werde heute geschnitten, und sogar bei 60 Prozent aller Erstgebärenden, sagt Edith Wolber, Sprecherin des Bundes Deutscher Hebammen.

Angst vor Klagen

"Nur sechs Prozent aller Geburten finden völlig ohne medizinische Interventionen statt'', sagt die Medizinethnologin Wolber. "25 bis 30 Prozent aller Geburten werden eingeleitet." Bernhard Hackelöer hält die hohe Zahl von Eingriffen in den Geburtsverlauf durchaus für gerechtfertigt: "Es ist ein Irrwitz zu glauben, die Natur könne alles zum Besten richten. In den Niederlanden etwa, wo die natürliche Geburt stark propagiert wird, ist die Säuglingssterblichkeit fast doppelt so hoch wie in Deutschland."

Hierzulande überleben etwa fünf von tausend Kindern die Geburt oder die erste Woche danach nicht. Aber auch Angst vor Klagen bestimmt das Handeln von Geburtshelfern. "Bei jeder Entscheidung während der Geburt müssen wir bedenken: Wie würde ein Gutachter das aus der Rückschau beurteilen?'', sagt Hackelöer.

Es gebe jedoch keineswegs nur medizinische und juristische Gründe für die vielen Eingriffe im Kreißsaal, sagt Edith Wolber: "Viele Prozeduren haben auch eine unausgesprochene Bedeutung. Sie schaffen Distanz zwischen der Frau und dem Geburtshelfer und betonen: Du bist die Gebärende, ich bin der Experte. Solche Rituale haben auch etwas mit Unterwerfung der Frauen zu tun."

Andererseits sehen sich immer mehr Kliniken veranlasst, auf die Wünsche von Schwangeren einzugehen. Freundliche Gestaltung der Räume, die Möglichkeit einer Wassergeburt oder ein Gebärstuhl - angesichts abnehmender Geburtenziffern werden Schwangere umworben. "Doch was nützt ein solches buntschillerndes Angebot, wenn die Kliniken nicht genügend Hebammen beschäftigen, die Frauen während der Geburt betreuen?'', gibt Wolber zu bedenken.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB