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Fachzeitschriften:Reviews sind beliebt, sie ziehen Zitierungen an wie das Licht die Motten

Im Schnitt entfallen auf nur ein Fünftel der Artikel in einem Fachjournal 80 Prozent der Zitierungen. Zeitschriften publizieren wichtige Manuskripte zudem oftmals zu Beginn eines Jahres, damit sie bis zur JIF-Berechnung öfter zitiert werden können. Auch Reviews sind deshalb beliebt, denn die ziehen Zitierungen an wie Motten das Licht. Wer jedoch in einem Nischenfach arbeitet - Tiermedizin zum Beispiel-, dessen Journale stehen im Schatten erfolgreicher Fachgebiete - etwa Molekularbiologie. Solche Themengebiete produzieren naturgemäß weniger Zitate.

Die Folgen: Forscher fühlen sich gedrängt, so oft wie möglich in hoch bewerteten Magazinen zu publizieren, um ihren persönlichen Kurs zu steigern. So machen sie sich den JIF als zentrales Bewertungskriterium ihrer Arbeit zu eigen. Das kann sich direkt auszahlen: In China erhalten Forscher an einigen Universitäten Boni und Gehaltserhöhungen, wenn sie einen Artikel in einem Journal mit hohem Impact Factor platzieren.

In Deutschland kann zumindest der eigene Fachbereich profitieren. Denn bei der leistungsorientierten Mittelvergabe der Hochschulen werden Publikationen mit hohem Impact Factor oft honoriert. Und weisen die Publikationen aus einer deutschen Universität einen besonders hohen Gesamt-Impact- Factor auf, schadet das sicher nicht deren Chancen bei der Exzellenzinitiative.

Ein Marketinginstrument mitzerstörerischer Wirkung

Aus diesen Gründen haben seit 2012 mehr als zwölftausend Forschungsinstitutionen und Wissenschaftler eine Erklärung namens DORA unterzeichnet, die "San Francisco Declaration on Research Assessment". Dort heißt es, der JIF sei "ein Marketinginstrument, das eine unkontrollierte, zerstörerische Wirkung in der Welt der Wissenschaften entfaltet hat".

Doch nicht jeder teilt den Pessimismus. Nature-Chefredakteur Philip Campbell erklärte im Juli 2015 der britischen Times, der JIF sei "ein Maßstab der Bedeutung eines Journals, und es gibt keinen Grund, ihn nicht zu publizieren und Erfolge herauszustreichen".

Dabei sind die Wissenschaftler selbst nicht frei von Schuld. So reagierte in der Studie von Paulus und Krach das Belohnungszentrum gerade derjenigen Forscher am stärksten auf die Aussicht, in Nature Neuroscience zu veröffentlichen, die im Schnitt tatsächlich häufiger in Journalen mit hohem Impact Factor publizieren - ein Mechanismus, der an suchtähnliches Verhalten denken lässt. Der Lust an der Selbstbestätigung können sich auch erfolgreiche Forscher offenbar kaum entziehen.

Und so führen sie - gemeinsam mit fast allen anderen - eine Praxis fort, die, wie es die Fachliteratur inzwischen nennt, zur "Impact-Factor-Manie" führt. Reinhard Werner schreibt dazu in Nature: "Wenn wir glauben, dass wir nach albernen Kriterien beurteilt werden, dann passen wir uns an und verhalten uns albern."

© SZ vom 03.03.2016/fehu
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