Der lange Streit um Krümmel "Wenn man nichts finden will"

Bürger aus der Umgebung des Kernkraftwerks Krümmel suchen seit den neunziger Jahren nach einer Erklärung für eine weltweit einzigartige Häufung von Leukämiefällen bei Kindern.

Von Christopher Schrader

Auf der Website der "Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch"steht ein Satz, der nach Meinung der Kernkraftgegner alles zum Thema sagt.

Er lautet: "Wenn man nichts finden will, kann man auch nichts finden." In der Initiative haben sich Bürger aus Gemeinden in der Umgebung des Kernkraftwerks Krümmel und des Atomforschungszentrums in Geesthacht bei Hamburg zusammengeschlossen.

Seit den neunziger Jahren suchen sie nach einer Erklärung für eine weltweit einzigartige Häufung von Leukämiefällen bei Kindern.

Im Februar 2006 hatte das Kinderkrebsregister an der Universität Mainz den 15. Fall vermeldet, der in der Region zwischen 1990 und 2005 diagnostiziert wurde. Nur fünf Fälle wären in diesem Zeitraum nach den Gesetzen der Statistik zu erwarten gewesen. "Eine solche Leukämie-Häufung bei Kindern ist in der Umgebung anderer deutscher Kernkraftwerke nicht zu sehen", hieß es damals in einer Erklärung der Mainzer Forscher. Vier der erkrankten Kinder sind mittlerweile verstorben.

Gutachten und Gegengutachten

Seither sind Gutachten und Gegengutachten verfasst worden. Doch keines, das in der Wissenschaft als methodisch sauber anerkannt worden ist, konnte die Ursache der erhöhten Krebsrate benennen.

So veröffentlichte der Bremer Mediziner Eberhard Greiser 2003 die Schlussfolgerung, es gebe "keinen verwertbaren Hinweis auf ionisierende Strahlen als Ursache" für die Erkrankungen, also auf Radioaktivität.

Greiser leitete damals das Bremer Institut für Präventionsforschung und Sozialmedizin und war von den Landesregierungen Schleswig-Holstein und Niedersachsen beauftragt worden; er gilt als ein Kernkraft-Kritiker.

Zwei Wissenschaftler sind der Bürgerinitiative beigesprungen. Die erste war die Bremer Physikerin Inge Schmitz-Feuerhake. Sie hatte 1998 behauptet, im Staub auf den Dachböden von Häusern der Elbmarsch erhöhte Menge von Americium gefunden zu haben.

Das radioaktive Element entsteht aus Plutonium, das aus dem Kernkraftwerk Krümmel entwichen sein müsse. Eine große Zahl von Kollegen, darunter ihr eigener Laborleiter, widersprachen ihr umgehend öffentlich.

Im Jahr 2004 schwenkten Bürgerinitiative und befreundete Wissenschaftler um; federführend war der Münchner Strahlenbiologe Edmund Lengfelder. Nun machten sie millimetergroße Kügelchen für die Leukämie-Häufung verantwortlich. Sie seien im September 1986 bei einem geheimen Versuch mit nuklearem Sprengstoff im Geesthachter Forschungszentrum freigesetzt worden.

Das Labor, Landesregierung und Staatsanwaltschaft dementierten; kein anderer Wissenschaftler fand Beweise für die These. Die Mitglieder der Bürgerinitiative sehen sich seitdem als Opfer einer Verschwörung: Ein deutscher Atomunfall sollte kurz nach Tschernobyl vertuscht werden.

Ein Indiz dafür erkennen die Kernkraftgegner in der Tatsache, dass Akten der Feuerwehr aus dem Jahr 1986 bei einem Brand vernichtet wurden.