Der Fall Bankhofer:Stutenmilch und anderer Käse

Lesezeit: 4 min

Hat der Gesundheits-"Experte" Hademar Bankhofer Schleichwerbung gemacht? Als ob dies das Problem wäre! Es geht um fragwürdige Empfehlungen eines "Medizingurus".

Gerd Antes

Der WDR hat sich also von seinem Medizin-"Experten" Hademar Bankhofer getrennt, wegen des Verdachts auf Schleichwerbung. Zu wenig richtet sich jedoch in der ganzen Angelegenheit die Aufmerksamkeit auf die inhaltliche Qualität von Bankhofers Empfehlungen, genauer gesagt: auf deren fehlende Qualität.

Der Fall Bankhofer: Die Seite von Hademar Bankhofer:  http://www.bankhofer-gesundheitstipps.de.

Die Seite von Hademar Bankhofer: http://www.bankhofer-gesundheitstipps.de.

(Foto: screenshot: sueddeutsche.de)

Statt dessen dominieren in der Debatte spitzfindige Betrachtungen, ob Bankhofer aufgrund seines Beratervertrages mit der Firma Klosterfrau tatsächlich Schleichwerbung vorzuwerfen sei.

Das eigentliche Ärgernis besteht aber in der systematischen Fehlinformation von Zuschauern und Lesern, denen Bankhofer über Jahre hinweg absurde, durch keine wissenschaftlichen Grundlagen gestützte Empfehlungen gegeben hat. Wie konnte es dazu kommen? Doch nur durch die Verletzung simpelster journalistischer Sorgfaltspflichten seitens vieler Redaktionen, durch gedankenloses Anhimmeln eines professoralen Experten seitens der Moderatoren des Morgenmagazins und anderer Sendungen in Radio und Fernsehen.

Bankhofer findet das Internet "furchtbar", wie er nun zu stern.de sagte. Er betrachtet es als Werkzeug für eine gezielte Kampagne gegen ihn. Tatsächlich ist das Internet Fluch und Segen zugleich - ein Fluch für denjenigen, der falsche Behauptungen aufstellt, ein Segen für denjenigen, der sie überprüfen will.

Falsche Behauptungen verbreiten - in diesem Fall heißt dies, medizinischen Empfehlungen zu einer Glaubwürdigkeit zu verhelfen, die sie nicht verdienen: indem Bankhofer und die ARD sie mit Etiketten à la "Wissenschaftler haben nachgewiesen", oder "Prof. Bankhofer gibt Einblick in die moderne Hörgeräteforschung" versehen .

Die Überprüfung solcher Behauptungen ist schon für halbwegs geschickte Laien sehr einfach. Da liest man auf der Webseite des ARD-Morgenmagazins zu einer Ausgabe mit Hademar Bankhofer als "Experte im Studio" Folgendes: "Wenn man jüngste internationale Forschungsergebnisse zusammenfasst, so erfährt man, wie heilsam Stutenmilch in der Vorsorge und in der Behandlung ist: bei Fettstoffwechselstörungen, chronischen Leber-Erkrankungen, Magen- und Darmerkrankungen, Alkoholentwöhnung, Krebsnachbehandlung, Stoffwechselproblemen, Leistungsabfall und Immunschwäche."

Vergebliche Suche nach Studien

Auf der Suche nach diesen internationalen Forschungsergebnissen wird man dann jedoch von Google hier wie in anderen Fällen immer in die gleiche Sackgasse geführt: Man stößt entweder auf gar keine oder aber auf absurd kleine Studien, die nur in wenig renommierten Publikationen veröffentlicht wurden; auf Studien, die weder mit Google noch in der medizinischen Literaturdatenbank Medline auffindbar sind; auf die Beschreibung von Tierversuchen, ohne dass es im Anschluss zum nachweisbaren Einsatz bei Menschen gekommen wäre, et cetera.

Alle diese Merkmale sind meilenweit von den Standards entfernt, die heute an medizinische Studien gestellt werden; insbesondere über die Dosis machen sie keinerlei Angaben - wahrscheinlich meinen die Bankhofers dieser Welt, dass die Dosis hier keinen Schaden anrichte.

Dabei sollte sich doch herumgesprochen haben, dass garantiert nebenwirkungsfrei auch garantiert wirkungsfrei bedeutet. Forschergrüppchen aus zwei bis drei Personen, die sich gegenseitig zitieren, schwammige Formulierungen ohne jegliche wissenschaftliche Greifbarkeit sowie undurchsichtige ökonomische Verflechtungen zwischen Forschern und Herstellern runden das Bild ab.

Der ganze Vorgang ist sicherlich eine Fundgrube für Psychologen, Soziologen und Gesellschaftswissenschaftler. Denn er zeigt, wie die geschickte Ausnutzung eines Medien-Hypes sowie die regelmäßige Huldigung durch die Größen der Talkshow-Szene auch bei seriösen Redaktionen zu kollektiver Kritiklosigkeit und Schlafmützigkeit führen.

Stutenmilch und anderer Käse

Leser und Zuschauer können sich vielleicht noch als Opfer betrachten, obwohl auch hier nachdenklich macht, dass eine Organisation wie die "HFI e. V. Gesundheits-Initiative" Bankhofer ohne Bedenken zum "Medizinguru 2008" gewählt hat. Für Journalisten, für ganze Redaktionen fällt die Entschuldigung weniger leicht. Wie Redaktionen, die "Wissens"-Seiten und -Sendungen produzieren, jahrelang auf jede journalistische Überprüfung verzichtet haben, ist tatsächlich beeindruckend.

Der Fall Bankhofer: Gerd Antes leitet das Deutsche Cochrane-Zentrum in Freiburg.

Gerd Antes leitet das Deutsche Cochrane-Zentrum in Freiburg.

(Foto: Foto: oh)

"Man glaubt ihm einfach"

Ein einsamer Mahner in einem Blog schreibt: "Wieso hat sich eigentlich keiner die Mühe gemacht, den Gehalt der Aussagen Bankhofers einmal genauer anzuschauen?" Ein anderer Blogger dürfte den Kern treffen: "Er ist so sympathisch, man glaubt ihm einfach."

Was soll man zum Beispiel von der Frankfurter Rundschau halten, die am vergangenen Samstag auf ihren Wissensseiten feststellte, von der ganzen Affäre nicht betroffen zu sein - schließlich überprüfe sie "ohnehin medizinische Beiträge routinemäßig auf ihre Korrektheit".

Bankhofer hatte dort eine feste Kolumne, alle zwei Wochen. Überzeugender kann man nicht darlegen, dass genau diese Qualitätsüberprüfung nie stattgefunden hat.

Die einzige Erklärung ist, dass man sich in guter Gesellschaft befand, im ORF trat der Mann auf, beim SWR, bei HR3 und früher auch bei Klassik Radio.

Entlarvend war die Reaktion des ORF: Es gebe "keinen Anhaltspunkt, dass es im Programm des Österreichischen Rundfunks zu Auffälligkeiten gekommen" sei.

Falsche Information des Publikums ist offensichtlich keine Auffälligkeit. Interessant wäre auch, von der Universität Wien den Grund für die Auszeichnung mit dem Berufstitel Professor zu erfahren. Dafür ist eine 15-jährige Unterrichtstätigkeit in Wissenschaft oder Kunst Voraussetzung.

Die ARD hat das Privileg nicht genutzt, anders als andere Medien dezidiert auf die Defizite in der Bankhoferschen Plauderei hingewiesen worden zu sein.

Bereits 2004 haben wir vom Deutschen Cochrane-Zentrum in einer Mail massive Zweifel an der Seriosität seiner Empfehlungen geäußert , 2006 wiederholten wir sie in einem ausführlichen Brief. Außer zu beschwichtigenden Telefonaten führte dies zu nichts.

Die jetzige Überraschung seitens des Senderverbunds ist daher wohl eher gespielt. Es bleibt der Verdacht, dass Schleichwerbung als Vorwand genutzt wurde, um davon abzulenken, wie die ARD über viele Jahre jemanden ohne Medizinstudium, ohne medizinische Berufspraxis und mit einer seltsamen Professur einem Millionenpublikum zumutet - einem Publikum allerdings, dessen Expertengläubigkeit, dessen mangelnde Kritikfähigkeit den Auftritten des Mannes erst den Boden bereitet hat.

Gerd Antes löste vergangene Woche die Trennung der ARD von Hademar Bankhofer aus. Er leitet das Deutsche Cochrane-Zentrum in Freiburg, das die Qualität neuer Medikamente prüft.

Zur SZ-Startseite