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Demographie:"Ein Höchstalter gibt es nicht"

Früher wurden Menschen nur mit Glück 40. In Deutschland ist heute ein doppelt so hohes Alter normal. Und in Zukunft? Ein Interview mit dem in New York geborenen James Vaupel, 60, Direktor am Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung, das er 1995 mitbegründet hat.

Seit 1840 steigt die Lebenserwartung in den entwickelten Ländern kontinuierlich an - um drei Monate pro Jahr. Damals waren die Schwedinnen Rekordhalter mit 45 Jahren, heute sind es die Japanerinnen mit über 85. Der Demograf James Vaupel über Folgen und Grenzen des Aufwärtstrends.

Alfred Koch spielt mit 98 Jahren noch Golf.

(Foto: Foto: dpa)

SZ Wissen: Herr Vaupel, was lässt die Menschen immer älter werden?

Vaupel: Verschiedene Faktoren. Im 19. Jahrhundert ging die Kindersterblichkeit drastisch zurück und auch die Gefahr, an Infektionskrankheiten zu sterben. Der ökonomische Wandel hatte eine höhere Qualität von Wasser und Nahrung zur Folge.

Seit 1950 steigt das durchschnittliche Sterbealter von chronisch Kranken sowie von Herzinfarktund Krebspatienten. Dies kommt vor allem der Lebenserwartung von Menschen in höherem Alter zugute und ist nicht nur eine Folge des medizinischen Fortschritts, sondern auch der zunehmend vernünftigen Lebensführung einer Bevölkerung, die über Risiken aufgeklärt ist, auf ihre Gesundheit und ihre Ernährung achtet und Sport treibt.

SZ Wissen: Evolution ist nicht im Spiel? Es ergäbe evolutionär doch Sinn, dass sich bei rückläufiger Geburtenrate in den Industrieländern zugleich die Phase der Zeugungs- und Gebärfähigkeit verlängert.

Vaupel: Das ist richtig, dennoch hat die steigende Lebenserwartung mit Evolution nichts zu tun. Es lässt sich keine genetische Veränderung bei heutigen Menschen im Vergleich zu unseren Vorfahren vor 1800 feststellen, die oftmals schon mit 30 gestorben sind.

Zwischen Geburtenrate und Lebenserwartung besteht ein anderer Zusammenhang: Es ist schlicht ungesund für Frauen, zehn oder mehr Kinder zu gebären. Und auch die Lebenserwartung von Vätern erhöht sich, wenn sie weniger Kinder versorgen müssen.

SZ Wissen: Doch hängt es auch von den Genen ab, wie schnell der Mensch altert. Und wer mehr Zeit hat, Gene weiterzugeben, bestimmt langfristig den Trend.

Vaupel: Natürlich, aber die genetische Ausstattung, die das Altern beeinflusst, zeigt sich heute noch genauso wie früher in einer großen Variationsbreite: Der eine altert schneller, der andere langsamer. Wir haben das an dänischen Zwillingen untersucht: Zu 25 Prozent entscheiden Gene die Frage, wie schnell jemand altert. Und zu 50 Prozent die Lebensumstände im Erwachsenenalter.

SZ Wissen: Wie haben diese Lebensumstände sich verändert?

Vaupel: Wenn man sich den Gesundheitszustand 50-Jähriger in der jüngeren Geschichte anschaut, stellt man fest: Einem 50-Jährigen geht es heute sehr viel besser als einem 50- Jährigen in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Das ist das eigentlich Entscheidende: Wir leben länger, weil wir länger gesund bleiben.

SZ Wissen: Gibt es eine Grenze? Wie alt kann der Mensch in Zukunft werden?

Vaupel: Das hängt vom weiteren Fortschritt im Gesundheitswesen ab. Wahrscheinlich wird mehr als die Hälfte aller heutigen Kleinkinder in Deutschland einmal den hundertsten Geburtstag feiern können. Das Altersmaximum wird sich weiter nach oben verschieben. Ein biologisches Höchstalter gibt es, wie ich meine, nicht.

SZ Wissen: Was bedeutet das für die künftige Gesellschaft?

Vaupel: Die Kosten im Gesundheitswesen werden nicht in dem Ausmaß steigen, wie viele das befürchten. Denn Menschen leben ja deshalb länger, weil sie länger gesund sind. Allerdings kommt ein Rentenproblem auf uns zu.

Es wird notwendig sein, dass die alten Menschen länger arbeiten als heutzutage. Wünschenswert ist dies auch, weil geistige und körperliche Aktivität zu einem erfüllten, erfolgreichen Leben im Alter gehören.