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Darwin und die Folgen:Weltbild in Trümmern

Affen als Vorfahren! Die Evolutionstheorie erschütterte das Selbstverständnis der Menschen in heute kaum vorstellbarer Weise.

Christopher Schrader

"Abgestammt von den Affen! Lass uns hoffen, dass es nicht wahr ist, aber falls doch, lass uns beten, dass es nicht allgemein bekannt wird." Ehefrau des Bischofs von Worcester über die Evolutionstheorie

Eine berühmte Darwin-Karikatur aus dem Hornet Magazine (1871).

(Foto: Foto: oh)

Der Schock saß tief bei Charles Darwins Zeitgenossen. Die von dem britischen Naturforscher zusammen mit Alfred Russel Wallace entwickelte und dann in Darwins Buch "Die Entstehung der Arten" ausgebreitete Evolutionstheorie zerstörte das Weltbild der viktorianischen Zeit.

Das Problem war nicht einmal, dass sich biologische Arten verändern konnten, sondern eher das, was es über den Menschen aussagte. Er musste ja irgendwoher gekommen sein. Schnell entwickelten Kritiker die Formel von der Abstammung vom Affen, die Darwins Theorie ad absurdum führen sollte. Darwin hatte die Abstammung des Menschen in weiser Voraussicht ausgespart.

Das wohl größte Unbehagen der Bildungsbürger seiner Zeit aber entzündete sich am Prozess der Evolution. Die natürliche Selektion, wie Darwin sie beschrieb, lief blind, autonom und unpersönlich ab. Sie war planlos, ausschweifend und verschwenderisch. Ständig entstanden Variationen existierender Lebewesen mit Merkmalen, die ihre Träger in den schnellen Tod führten.

Darwin "erschütterte seine Zeitgenossen mit Bemerkungen wie der, dass allein aus dem Kampf der Natur, aus Hunger und Tod die Entstehung neuer, immer komplexerer Lebewesen hervorgehe", schreibt der österreichische Evolutionsforscher Franz Wuketits. Der Tod als Voraussetzung des Lebens - für Christen, die mit ihrem Glauben den Tod überwinden wollten, war das eine inakzeptable Idee.

Um in der heutigen Zeit zu veranschaulichen, wie radikal die Väter der Evolutionstheorie mit dem Geist ihrer Zeit brachen, ist viel Phantasie nötig. Was könnte eine wissenschaftliche Entdeckung sein, die ähnlich erschütternd wirkt wie vor 150 Jahren die Evolutionslehre? Sie müsste universell akzeptierte Grundwahrheiten der Wissenschaft zerschmettern, wenn nicht sogar die Wissenschaft an sich.

Schließlich war die Naturforschung des 19. Jahrhundert eingebettet in die sogenannte Natürliche Theologie, wonach die Vielfalt des Lebens, die Schönheit der Pflanzen und Tiere und ihre perfekte Anpassung an die Natur Belege für die Macht Gottes waren. Zudem müsste eine moderne wissenschaftliche Revolution die Identität und das Lebensgefühl von Millionen Menschen in Frage stellen - so sehr, dass Teile der Gesellschaft fordern, die neue Sichtweise möge ein Geheimnis bleiben.

Doch es gäbe Theorien, die, ohne Rücksicht auf reale Erkenntnisse der Wissenschaft, einen ähnlichen Umsturz auslösen würden. Teilweise werden sie bereits ohne viel Widerhall diskutiert oder in Science-Fiction-Filmen behandelt.

Astrophysik: Die Menschheit entdeckt im Weltraum ein intelligentes Volk, das unsere Probleme wie Klimawandel, Überbevölkerung und menschlichen Egoismus seit langem gelöst hat. Aber es weigert sich, auf unsere Signale zu antworten, ignoriert uns wie eine lästige Fliege.

Medizin: Krankheiten entstehen nur, wenn das Gehirn es zulässt. Viren, Bakterien, gebrochene Beine und Blutfette in den Adern sind keine Auslöser von Leiden, sondern Symptome.

Hirnforschung: Freier Wille und Bewusstsein sind Illusionen. Tatsächlich reagiert der Körper autonom auf physiologische Reize. Und wenn wir glauben, wir erlebten etwas gemeinsam mit jemand anderem, was uns unser Bewusstsein zu bestätigen scheint, bilden wir uns auch die Reaktion des Anderen nur ein.

Biologie: Dass Menschen bei Tieren und sich selbst zwei Geschlechter erkennen, beruht auf einer durch Hormone verursachten Wahrnehmungsstörung. Homo- und Transsexuelle sehen etwas klarer. Manche Naturvölker kennen Drogen, mit denen der Konsument das wahre Einheitsgeschlecht erkennt oder sogar dauerhaft die Illusion wechseln kann, die ihn umgibt.

Durch die Mitte der Gesellschaft ginge ein Riss

Diese erfundenen Wahrheiten sind geradezu darauf angelegt, das Wissen und das Selbstverständnis heutiger Menschen zu untergraben, ihre Identität als intelligente Wesen, mit denen andere gern Kontakt hätten; als Opfer von Krankheit; als autonom handelnde Personen; als Mann oder Frau.

Würde eine der Theorien verbreitet, wären hysterische Reaktionen die Folge. Boulevardblätter würden den neuen Darwin zeigen und im Fall der Geschlechtertheorie vulgär fragen: "Was hat denn der zwischen den Beinen?" Durch die Mitte der Gesellschaft ginge ein Riss, auf der einen Seite diejenigen, die von den wissenschaftlich fundierten Argumenten für die neue Sichtweise überzeugt sind, auf der anderen diejenigen, die ihr Weltbild mit allen Mitteln verteidigen.

Umfragen würden verfolgen, wer gerade die Mehrheit stellt. Beide Seiten hätten ihre Experten, die Massenmedien würden deren Aussagen gegeneinander stellen, als ginge es um einen politischen Streit, als ließe sich die Frage mit einer Abstimmung entscheiden. Menschen gingen auf die Straße, manche würden vielleicht Anschläge auf Forscher und Institute verüben.

Ähnlich hat die viktorianische Gesellschaft reagiert. Natürlich waren weitaus weniger Bürger über die Evolutionstheorie informiert als es heute der Fall wäre. Aber immerhin gab es Zeitungen als Massenmedien.

Schnell kursierte zum Beispiel die Karikatur, die Darwin als Affen mit weißem Bart zeigte ("abgestammt von den Affen"). Und ähnlich reagiert bis heute die amerikanische Gesellschaft, die die Evolutionstheorie als spaltendes Thema wie Abtreibung, Schwulenehe und Gleichberechtigung der Frau sieht. Christliche Fundamentalisten versuchen dort mit allen Mitteln zu erreichen, dass ihre Kinder in der Schule nicht Darwins Lehre ausgesetzt werden. Übrigens passiert Ähnliches in Deutschland, nur ist die Bewegung hier bei weitem nicht so mächtig.

Letztlich aber hat sich fast überall eine große Mehrheit der Menschen mit dem Gedanken versöhnt, mit den Affen gemeinsame Vorfahren zu haben - das ist die korrekte Formulierung. Genauso wie mit Walen, Geiern und Libellen, wenn man weit genug in die Vergangenheit zurückblickt. Schockiert eine Theorie die Öffentlichkeit, kann das eigentlich nur helfen. Ist sie gut begründet, dann wird sie zu wissenschaftlichem Allgemeingut, im Gegensatz zu vielen anderen Erkenntnissen, die in Fachbüchern verstauben.

© SZ vom 28.06.2008/mcs
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