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Caesars Büste?:Der Echte war energischer, distanzierter, ironischer

Falscher Alarm: Die Büste, die französische Unterwasser-Archäologen bei Arles aus der Rhone gezogenen haben, stellt nicht Julius Caesar dar.

Paul Zanker ist klassischer Archäologe und war bis zu seiner Emeritierung Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom.

Die Büste aus der Rhone mit einem Gesichtsausdruck von unentschiedener Nachdenklichkeit.

(Foto: Foto: AFP/Boris Horvat)

Vor ein paar Tagen rauschte der Blätterwald gewaltig. Die Begeisterung galt einer von französischen Unterwasser-Archäologen bei Arles aus der Rhone gezogenen, wohlerhaltenen Büste, in der der glückliche Finder Luc Long keinen Geringeren als Julius Caesar zu erkennen glaubte. Die Journalisten zögerten nicht, der Welt das neue, "wahre" Gesicht des Diktators vor Augen zu führen, und versuchten sogleich, in den Charakter des Dargestellten einzudringen.

Luc Lang erfand einen passenden Anlass für die Anfertigung des Bildnisses und war sich sicher, dass Caesar dem Bildhauer Modell gesessen hat. Es tut mir leid, dass ich Essig in diesen Wein gießen muss. Denn leider handelt es sich bei dem Dargestellten nicht um Caesar, sondern um einen Zeitgenossen, der mit dem Diktator lediglich sein hageres Gesicht und seine Halbglatze gemein hatte.

Die einzig sicher zu Lebzeiten Caesars entstandenen Bildnisse sind die Münzporträts. Zu Beginn des Jahres 44 v. Chr. hatte der Senat Caesar zusammen mit anderen übertriebenen Ehrungen das Recht verliehen, sein Bildnis auf die Münzen zu prägen, eine Ehre, wie sie keinem Römer vor ihm zuteil geworden.

Diese Münzen stellen den damals 56-jährigen Caesar mit magerem Gesicht, scharf ausgeprägten, ebenmäßigen Zügen und einem langen faltigen Hals mit stark hervortretendem Kehlkopf dar.

Diesen Münzbildnissen entspricht nun aber in allen wesentlichen Zügen ein seit langem bekanntes Bildnis, das bereits im 19. Jahrhundert auf dem ehemaligen Forum von Tusculum ausgegraben worden ist und sich heute im archäologischen Museum von Turin befindet. Bislang sind 6 Kopien dieses Bildnisses bekannt geworden, es handelt sich also um einen festen "Bildnistypus", was die Glaubwürdigkeit des Kopfes aus Tusculum als Caesar-Porträt verstärkt.

Dazu kommt, dass die Kopien des nach Caesars Tod entstandenen Bildnistypus "Vatikan-Pisa" - ein Bildnis mit längerem Stirnhaar und jugendlichen, im Stil des augusteischen Klassizismus geschönten Zügen - wesentliche Elemente derselben Physiognomie aufweist.

Ein langer, faltiger Hals

Vergleicht man nun dieses gut beglaubigte Bildnis aus Tusculum mit dem aus der Rhone gefischten, so wird man kaum umhin können festzustellen, dass wir es mit zwei verschiedenen Männern zu tun haben. Sieht man von der Halbglatze ab, sind alle wesentlichen Merkmale wie Schädelform, Mundpartie, Augen unterschiedlich, ganz zu schweigen von dem völlig verschiedenen Ausdruck.

Der unentschieden nachdenklichen Stimmung des neuen Porträts mit seinem leicht geneigten Kopf steht ein Gesicht voller Energie gegenüber. Der Künstler, dem wir das Urbild des Kopfes in Turin verdanken, hat sich um eine detaillierte Wiedergabe der physischen Erscheinung des alternden Diktators bemüht. Wir sehen einen langen, faltigen Hals, einen extrem weit ausladenden Hinterkopf, eine Schädeldecke, die sich im Profil muldenartig einsenkt. Das schmal zulaufende Gesicht kennzeichnen scharf ausgeprägte Falten, fast eingefallene Wangen, kleine Augen und ein breit ausladender Schädel mit hoher Stirn.

Aber auch etwas von Cäsars Charakter ist darin zu erfassen. Die kaum merkliche Bewegung des leicht angehobenen Kopfes und die momentane Konzentration der Stirn und des Mundes sprechen von einer wachen, überlegenen Präsenz. Dem Blick aus den leicht zusammengekniffenen Augen meint man gleicherweise aristokratische Distanz wie einen Zug von Ironie ablesen zu können.

So problematisch solche Charakterisierungen auch sind, sie machen deutlich, dass es sich bei dem Mann aus der Rhone nicht um das Gesicht Caesars handeln kann. Der mit der kaiserzeitlichen Bildniskunst Vertraute wird zusätzlich dadurch bestärkt, dass der neue Kopf mit dem Bildnistypus Tusculum in keiner Weise übereinstimmt, dass von ihm selbst aber keine Kopien bekannt sind.

Der neue Kopf ist im übrigen nur einer von zahlreichen Bildnissen aus der Zeit Caesars und des jungen Augustus, die in ihrer Magerkeit, ihrem Gesichtsschnitt, ihren Stirnfalten und ihren tiefen Einbuchtungen über der Stirn an Caesar erinnern, sich aber gleichwohl durch jeweils individuelle eigene Physiognomien unterscheiden. Es handelt sich bei diesem Gesichts-Schema um ein ausgesprochenes "Zeitgesicht", das vielleicht von den überall präsenten Caesarstatuen in Mode gekommen sein könnte.

Es ist jedenfalls zum ersten Mal, dass wir in der römischen Porträtkunst dieses Phänomen des "Zeitgesichtes" beobachten, das dann unter den beliebteren Kaisern immer wieder in Erscheinung tritt, ein Phänomen, das uns ja auch heute von den Größen des Show-Geschäftes vertraut ist.

Also nicht Caesar, sondern ein vermutlich nicht unwichtiger Mann, dem es geschmeichelt hätte, wenn er gehört hätte, sein Aussehen erinnere an das des Diktators. Denn vermutlich ist der Kopf erst in der Augustus-Zeit entstanden.