Beginn des neuen Erdzeitalters 1610 oder 1964?

Die Menschheit ist längst zur dominierenden Kraft auf dem Planeten geworden. Geologen diskutieren darum, ob sie ein neues Zeitalter ausrufen, das Anthropozän. Hat es mit der Eroberung Amerikas oder den Atombomben begonnen?

Von Christopher Schrader

Das Jahr 1610 war ein Wendepunkt in der Erdgeschichte. Damals hinterließ der Einfluss der Menschheit erstmals globale Spuren auf dem Planeten, sagen die Londoner Geologen Simon Lewis und Mark Maslin. Die europäische Eroberung Amerikas veränderte in jener Zeit weltweit die Verbreitung von Pflanzen- und Tierarten und brachte 50 Millionen amerikanischen Ureinwohnern den Tod. Die Wissenschaftler vom University College schlagen das Jahr 1610, das sich auch geologisch gut fixieren lässt, deshalb als Anfang des sogenannten Anthropozäns vor, eines neuen Abschnitts in der Erdgeschichte. Bisher favorisieren Experten die Atombombentests als Beginn dieses "Zeitalters der Menschheit".

Das Anthropozän ist Gegenstand einer breiten Debatte nicht nur in den Geowissenschaften, sondern auch bei Umweltschützern und Kulturschaffenden. Auf der ganzen Welt hinterlässt die Menschheit Spuren ihrer Aktivität, die sich noch in Jahrtausenden nachweisen werden lassen. Sie ist längst zu einer prägenden Kraft in der Entwicklung des Planeten geworden.

Geologen unterteilen die Erdgeschichte in eine Abfolge von Zeitaltern, die sie beim Blick in Sedimente auseinanderhalten können. Die Übergänge werden zum Beispiel durch das Verschwinden von Planktonfossilien oder durch seltene Elemente wie Iridium markiert, die von Asteroiden-Einschlägen stammen.

Lewis und Maslin klopfen nun Ereignisse der Menschheitsgeschichte daraufhin ab, ob sie ein ähnlich prägnantes geologisches Signal hinterlassen haben. Sie verneinen das für die Nutzung von Feuer, das Ausrotten der Mammuts und die Erfindung der Landwirtschaft. Aber auch für die industrielle Revolution, deren Beginn sich über Jahrzehnte erstreckte (Nature, Bd. 519, S. 171, 2015).

Sie finden aber einen geologischen Einschnitt bei der Eroberung der amerikanischen Erdteile. Damals fielen in wenigen Jahrzehnten 90 Prozent der Ureinwohner den Krankheiten und der Gier der Konquistadoren zum Opfer. Der massive Rückgang der Bevölkerung führte laut Lewis und Maslin dazu, dass Millionen Hektar Land nicht mehr bestellt wurden. Die Natur holte sich die Äcker zurück, Pflanzen entnahmen viel mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre als zuvor. Im Jahr 1610 gab es darum einen Tiefpunkt des CO2-Gehalts der Luft, was man heute anhand von Bohrkernen der Antarktis belegen kann.

Die Londoner Geologen sind sich bewusst, dass jedes Startdatum des Anthropozäns politisch interpretiert wird. 1610 stehe für Kolonialismus, soziale Ungleichheit und enormes Wirtschaftswachstum. Erst die Eroberung Amerikas habe Europa die Ressourcen verschafft, die industrielle Revolution zu starten.

Der Fallout der Atombomben und besonders der Maximalwert des daraus entstehenden radioaktiven Kohlenstoffs im Jahr 1964 sei zwar ein guter geologischer Marker. Aber das Nuklearzeitalter an sich habe die Erde kaum verändert. Die Geologen sehen darin nur ein Symbol für den massiven Wandel seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Entscheidung, wann genau das Anthropozän begann, trifft eine internationale Arbeitsgruppe. Deren Vorsitzender, Jan Zalasiewicz von der Universität Leicester, nannte den Vorschlag seiner Londoner Kollegen in einem BBC-Interview eine "faszinierende Idee". Es bedürfe aber noch besserer Argumente, warum die Eroberung Amerikas genauere Signale liefere als jüngere Einschnitte.