Ambrosia-Pflanze:Der Albtraum der Allergiker

Die hochallergene Ambrosia-Pflanze verbreitet sich in Deutschland entlang der Autobahnen. Und schon bevor der Kampf gegen das Gewächs richtig beginnen konnte, scheint er verloren.

Hanno Charisius

Ambrosia artemisiifolia hat nur wenige Freunde. Wer über die Pflanze mit dem hübschen Namen spricht, benutzt meist kriegerisches Vokabular.

Ambrosia-Pflanze: Ambrosia artemisiifolia, das  "Beifußblättriges Traubenkraut. Die Pflanze ist hochallergen.

Ambrosia artemisiifolia, das "Beifußblättriges Traubenkraut. Die Pflanze ist hochallergen.

(Foto: Foto: ddp)

Der Feind also ist grün und wächst bis zu zwei Meter hoch. Zwischen 3000 und 60.000 Samen kann eine Ambrosia-Pflanze in ihrem einjährigen Lebenszyklus abwerfen. Und bis zu eine Milliarde Pollen in die Luft entlassen - für Allergiker ist das ein leibhaftiger Albtraum.

Die Folgen seien auch "volkswirtschaftlich bedeutend" warnt das Julius-Kühn-Institut (JKI), das im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) Pflanzenforschung betreibt. Im vergangenen Jahr entwickelte das JKI das "Aktionsprogramm Ambrosia" mit dem Ziel "Deutschland so weit wie möglich von Vorkommen der Art frei zu halten". Dabei sei "die vollkommene Vernichtung der Pflanzen" möglichst vor Beginn der Blüte anzustreben.

Tatsächlich ist mit dem auch als "Beifußblättriges Traubenkraut" bekannten Gewächs nicht zu spaßen. Seine Pollen gelten als extrem allergen, empfindliche Menschen reagieren bereits bei Mengen von sechs Pollenkörnern in einem Kubikmeter Luft.

Experten sprechen ab zwölf Körnern von einer "starken Belastung". Um dieselbe Warnstufe auszulösen, müssten mehr als 50 Gräserpollen in einem Kubikmeter Luft schweben.

In den USA ist Ambrosia für einen Großteil aller allergischen Leiden verantwortlich. Nicht selten entwickelt sich aus der Allergie später ein chronisches Asthma. Für Europa fehlen laut Verbraucherschutzministerium bisher exakte Zahlen, Schätzungen zufolge seien jedoch "hierzulande die Hälfte aller Pollenallergiker auch auf Ambrosia sensibilisiert".

Botaniker machen den Klimawandel verantwortlich für das Aufblühen der Ambrosie in Europa. Soweit heute bekannt, wurde sie aus Nordamerika eingeschleppt und blieb lange Zeit unauffällig, bis durch die globale Erwärmung die Vegetationszeiten auch in Europa lang genug waren für die spät blühende Ambrosie. Das führt nun dazu, dass Allergiker nicht nur neue Pollen fürchten müssen, auch ihr Leiden verlängert sich.

"Bislang gab es wenigstens im Herbst und im Winter einige allergiefreie Wochen", sagt der Meteorologe Thomas Dümmel von der Freien Universität Berlin. Da die Ambrosie bis Ende Oktober Pollen streue, bliebe jetzt nur noch der November als pollenfreie Zeit, bevor vereinzelte Frühblüher, begünstigt durch milde Winter, Allergikern schon wieder das Atmen und Sehen erschweren.

Europaweit wurde der Ambrosie deshalb der Kampf angesagt. Aber bevor er in Deutschland richtig beginnen konnte, scheint er verloren zu sein. Es sei "fünf vor zwölf", sagt Stefan Nawrath von der Projektgruppe Biodiversität und Landschaftsökologie, einem privaten Forschungsinstitut in Friedberg.

Noch stehe Ambrosia in Deutschland auf relativ kleinen Flächen, sodass ihre Ausbreitung gebremst werden könne. Wenn jetzt aber nicht gehandelt werde, seien "spätere Anstrengungen volkswirtschaftlich nicht zu rechtfertigen."

Günstig immerhin sei, dass die Beifuß-Ambrosie keine flugfähigen Samen bilde, "sie ist auf den Menschen angewiesen". Gern reist sie zum Beispiel im Profil von Autoreifen. "Einer der wichtigsten Verbreitungswege verläuft entlang der Autobahnen", sagt Nawrath. Außerdem gelangen die Samen als unerwünschte Beimischung in Vogelfutter zum Beispiel aus Ungarn, wo die Ambrosia stark verbreitet ist, nach Deutschland.

Um diese Einfuhr zu unterbinden, hat das BMELV zusammen mit dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit im März ein Merkblatt für Futtermitteproduzenten und -importeure ausgearbeitet. Durch einfaches Sieben ließen sich etwa die kleinen Ambrosia-Samen von den viel größeren Sonnenblumenkernen trennen. "Wir würde es befürworten, das gesetzlich zu regeln", sagt der Leiter des JKI, Jens-Georg Unger. Doch mit der Geschwindigkeit des Grünzeugs kann die Politik offenbar nicht Schritt halten.

Dabei kündigt sich das Problem schon lange an. Seit Jahren breitet sich der Albtraum der Allergiker in den Nachbarländern aus. In Ungarn, Italien und Frankreich sei der Kampf praktisch bereits verloren, sagt Nawrath, die Schweiz aber demonstriere vorbildlich, wie man auf die Bedrohung reagieren müsse.

Dort hat die Regierung den Kampf gegen das aggressive Grün zur nationalen Sache erklärt und den "Ausreißtag" ausgerufen, um das Bewusstsein der Bevölkerung zu schärfen. Größere Vorkommen müssen gemeldet werden.

Deutsche Gartenbesitzer und Wanderer könne Bestände ab 100 Pflanzen per E-Mail beim JKI melden oder sich an regionale Behörden wenden. Demnächst, so Unger, soll es auf den JKI-Webseiten auch ein Formular geben, womit Bestände elektronisch gemeldet werden können.

© SZ vom 05.06.2008/mcs
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