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Altersforschung:Lebenselixier für einen Wurm

88.000 verschiedene Chemikalien kippte das Team der Nobelpreisträgerin Linda Buck auf Fadenwürmer, um lebensverlängernde Substanzen zu finden. Mit Erfolg.

Bemitleidenswerte Kreaturen gibt es auf beiden Seiten des Reagenzglases. Manchmal weiß man allerdings nicht, wen man mehr bedauern soll.

Drei Wochen lebt Caenorhabditis elegans normalerweise. Die Wissenschaftler erhöhten die Lebenserwartung um bis zu 60 Prozent.

(Foto: Foto: dpa)

Die Fadenwürmer, über die in diesem Fall mehr als 88.000 verschiedene Chemikalien gekippt wurden - oder die Laboranten und Doktoranden, die an dem Großexperiment beteiligt waren.

Jedenfalls bekommt man durch diesen Versuch, der im Fachblatt Nature vom heutigen Donnerstag dokumentiert ist, eine Ahnung davon, wofür manche Nobelpreisträger ihre Preissumme verwenden (Bd. 450, S. 553, 2007).

Ausgeführt wurde die monumentale Testreihe nämlich vom Team der Neurophysiologin Linda Buck. Die Wissenschaftlerin wurde 2004 gemeinsam mit Richard Axel für ihre Forschungen zum Riechsystem mit dem Medizinnobelpreis ausgezeichnet.

Buck und ihre Mitarbeiter vom Fred-Hutchinson-Krebsforschungszentrum in Seattle interessierten sich diesmal jedoch nicht dafür, wie Gerüche verarbeitet werden.

Sie stellten sich vielmehr eine der Kernfragen der Wissenschaft: Gibt es eine Substanz, die das Leben verlängert? Und wenn ja, wie funktioniert das? Untersucht wurde eines der Lieblingshaustiere der Genetiker - der Fadenwurm Caenorhabditis elegans.

115 lebensverlängernde Substanzen

Die Würmer werden normalerweise nur ungefähr drei Wochen alt. Buck fand immerhin 115 Substanzen, die das Leben der Würmer verlängerten, 13 davon sogar um 30 bis 60 Prozent.

Eine Substanz ließ die Würmer zwar nur um 20 Prozent länger leben. Dafür ähnelte sie aber einem gebräuchlichen Medikament - dem Antidepressivum Mianserin - und wurde deshalb gründlicher untersucht.

Das Mittel blockiert offenbar bei Menschen wie Würmern den Rezeptor für Serotonin. Dieser Botenstoff beeinflusst im Gehirn nicht nur die Stimmung, sondern auch den Appetit. Zudem ist Mianserin anscheinend in der Lage, die Rezeptoren für den Neurotransmitter Octopamin zu blockieren.

Die Forschungen von Buck sprechen dafür, dass Serotonin und Octopamin Gegenspieler sind. Serotonin signalisiert demnach, dass Nahrung vorhanden ist, Octopamin ist hingegen eher im Hungerzustand aktiv. "In unseren Versuchen hemmte Mianserin stärker den Serotonin- als den Octopamin-Rezeptor", sagt Linda Buck.

Wenn sich dieser Mechanismus bewahrheitet, würde das Mittel einen Hungerzustand vortäuschen. Dies könnte auch seinen lebensverlängernden Effekt bei Würmern erklären. Fadenwürmer, Fliegen und einige andere Tiere leben länger, wenn sie weniger Nahrung aufnehmen.

"Wir haben keine Erklärung für unsere Daten", sagt Linda Buck. "Aber unsere Versuche weisen darauf hin, dass die Lebensverlängerung etwas mit denselben Mechanismen zu tun hat, die bei einer Kalorienreduktion greifen."

Dafür spricht auch ein weiterer Befund: Wurde Mianserin Tieren gegeben, die bereits weniger Kalorien erhielten, verlängerte sich ihr Leben nicht zusätzlich. Für Menschen ist allerdings bisher nicht belegt, dass sie länger leben, wenn sie weniger essen.