17. Mai 2010, 21:43 Naturschutz Wo die wilden Tiere wohnen

Biber, Luchse, Wisente: Die Wiederansiedelung ausgestorbener Arten ist oft zu wenig durchdacht.

Von Robert Lücke

Auf seinen Ländereien im Rothaargebirge will Richard Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, einer der größten deutschen Waldbesitzer, im Frühjahr 25 Wisente auswildern.

Leben seit ein paar Jahren wieder im Hartz: Luchse. Doch um auf Dauer überleben zu können, ist die Population zu klein.

(Foto: Foto: ddp)

Europas größtes und schwerstes Landsäugetier Bison bonasus ist bis zu 1,85 Meter groß und kann knapp eine Tonne wiegen. Einst gab es die Tiere in ganz Europa, bis ihnen vor etwa 200 Jahren der Mensch mit Waldrodung und moderner Forstwirtschaft, vor allem aber durch intensive Jagd den Garaus machte.

Noch heute spricht man von Hochwild, was auf das einstige Vorrecht des Hochadels hinweist, Hirsche, Gämsen, Wildschweine und eben auch Wisente zur Strecke zu bringen. Und nun will ausgerechnet ein Adeliger wieder Wisente in Deutschland heimisch machen. Nicht um sie zu jagen, sondern ,,weil der Wisent es dem Prinzen angetan hat'', betont dessen Forstdirektor Johannes Röhl.

,,Für solche Vorhaben ist immer ein Liebhaber nötig, der das Projekt vorantreibt'', sagt Michael Mühlenberg. Der Ökologe von der Universität Göttingen hat schon viele Wiedereinbürgerungsprojekte in den verschiedensten Ländern begleitet und bewertet. In der Regel setzten sich Leute für spektakuläre Arten wie eben den Wisent ein, sagt er. Für die Wiederansiedlung einer ausgestorbenen Schnecke oder Assel interessiere sich dagegen niemand sonderlich.

Doch sind solche Liebhaberprojekte auch ökologisch sinnvoll? ,,Nur dann, wenn die Ursachen für die Ausrottung beseitigt wurden'', sagt Uwe Riecken vom Bundesamt für Naturschutz. Mühlenberg bezweifelt, dass diese Voraussetzung für die Wisente erfüllt ist: ,,Der Wisent braucht möglichst natürliche Wälder. Die gibt es bei uns nicht mehr. Und ein Wisent macht aus einem modernen Wirtschaftswald keinen Urwald.''

Ein Paradebeispiel dafür, wie die vom Menschen veränderte Natur ausgesetzten Tieren das Überleben schwermachen kann, sind Wiedereinbürgerungsversuche von Auerwild: Herbert Volkmer, Förster in Bödefeld, einem kleinen Dorf im Sauerland, steuert seinen Wagen über Stock und Stein, dicke Wurzeln ragen aus dem Weg, der durch einen Fichtenwald führt. Am Rand eines riesigen Moores bleibt er stehen und blickt auf die weite Fläche. ,,Hier waren früher immer welche'', sagt er. Doch im Februar 1972 waren die beinahe gansgroßen Hähne und die deutlich kleineren Hennen plötzlich verschwunden.

Ein paar Jahre später kamen Experten der Bonner Forschungsstelle für Jagdkunde nach Bödefeld. Sie liefen tagelang durch die Wälder der Hunau, einem 818 Meter hohen Bergrücken. Am Ende sagten sie Volkmer, dass es hier demnächst wieder Auerhähne geben werde. Man werde einfach Tiere aussetzen, kein Wald der Gegend sei dafür so gut geeignet wie dieser.

1980 wurden die ersten vier Tiere freigelassen, ein Jahr später baute man eine große Voliere. In die setzten Biologen drei Monate alte Küken hinein. Nach einigen Wochen ließ man die Tiere dann frei. Zwölf Jahre lang wurden nach diesem Prinzip mehrere hundert Auerhühner und -hähne ausgesetzt, in jedem Jahr 20 bis 40 Stück.

Doch den Vögeln ging es nicht gut. Sie wurden immer weniger, bis sie vor vier Jahren schließlich wieder ganz verschwanden. Denn eines hatten die Förster und Biologen nicht bedacht: Das Auerwild konnte sich nicht an die veränderten Umweltbedingungen anpassen. In dem ausgesuchten Wald gab es nur wenig natürliche Deckung, unter der sich die Tiere verstecken konnten. Außerdem schreckten Wanderer die scheuen Hennen mit ihren Küken immer wieder auf. Auch waren die zum Teil von Hand aufgezogenen Tiere sehr unvorsichtig.

Alles zusammen bewirkte, dass sie eine leichte Beute für Fuchs und Habicht waren. Um die Tiere zu schützen, schossen die Förster die Habichte sogar ab oder fingen sie ein. Doch die Auerhühner blieben nicht in dem von den Biologen als ideal auserkorenen Wald, sie flogen auch in andere Wälder, wo sie dann von den Raubvögeln gefressen wurden.

Als die Regierung von Nordrhein-Westfalen das Projekt nicht mehr weiter finanzieren wollte, gründete Volkmer zusammen mit einem Jäger den ,,Verein zur Erhaltung des Auerwildes''. Mit Spenden bezahlten sie noch fünf Jahre lang die Küken. Irgendwann erkannten sie die Sinnlosigkeit ihres Tuns. ,,Man muss unterscheiden zwischen Arten, die durch die Jagd ausgerottet wurden, und solchen, die ausgestorben sind, weil sich die Umweltbedingungen für sie negativ verändert haben'', sagt Uwe Riecken. Bei ersteren verlaufen vernünftig gesteuerte Wiedereinbürgerungen meist gut.

Ein Beispiel ist der vielerorts ausgewilderte Biber, der sich gut vermehrt, seit er nicht mehr gejagt wird. Und so könnte es auch bei Wisent oder sogar beim Elch sein, vermutet Riecken.

Falken am Kölner Dom

Bei großen Raubtieren wie Luchs, Bär oder Wolf sei das schon schwieriger. Sie stellten viel höhere Ansprüche an ihre Biotope. Die Reviere von Raubtieren sind oft riesig, und es muss stets genug Beute vorhanden sein.

An all das mussten die Biologen denken, als sie im Jahr 2000 begannen, im Harz Luchse auszusetzen. Inzwischen leben dort zwischen 20 und 30 Tiere, für viel mehr ist auch kein Platz. ,,Das Problem ist, dass die Population zu klein ist, um auf Dauer überleben zu können'', sagt Mühlenberg. Um ihr Überleben zu sichern, müsste man die Harzluchse mit denen in Böhmen oder dem Bayerischen Wald vernetzen. Das aber ist wegen des dichten Straßennetzes so gut wie unmöglich. ,,Also muss man immer wieder neue Tiere aussetzen, um die Verluste auszugleichen'', sagt Mühlenberg. Aber ob das sinnvoll ist?

Ein weiteres Projekt hatte mit vergleichbaren Schwierigkeiten zu kämpfen, die aber bewältigt werden konnten. In den siebziger Jahren war der Wanderfalke fast ausgestorben. Umweltgifte wie das heute verbotene DDT machten die Tiere unfruchtbar und ihre Eierschalen brüchig. Nur in Bayern überlebten einige wenige Brutpaare. Im Altmühltal und am Main horsteten sie in Felsen und Steinbrüchen. Damit niemand sie störte, bewachten Tierfreunde die Raubvögel wochenlang rund um die Uhr. Später setzte man Jungfalken in Felswänden aus und fütterte sie so lange, wie auch Wildfalken von ihren Eltern gefüttert werden. Doch viele verhungerten, als sie schließlich selbst jagen sollten; andere wurden von ihrem Feind, dem Uhu, gefressen. Den wiederum schützten andere Vogelfreunde, die Uhus ausgesetzt hatten.

Doch einige Falken überlebten, wurden geschlechtsreif und sorgten für Nachwuchs. Heute brüten wieder etwa 600 Falkenpaare in Deutschland. Sogar am Kölner Dom, wo Claus Doering, Falkenschützer beim Bund, 1984 vier Jungtiere ausgesetzt hat. Er brachte am Nordturm der Kathedrale eine Plattform an und gab den jungen Falken jeden Tag zu fressen. Die Tiere blieben und begannen Tauben zu jagen, die in der Kölner Innenstadt zuhauf vorkommen. Nach drei Jahren brüteten die Falken am Dom. Es waren die ersten Wanderfalken in Nordrhein-Westfalen seit einem Vierteljahrhundert.

Kann der Erfolg bei Wanderfalke oder Biber also Vorbild sein für andere Projekte? ,,In Deutschland wird oft zu wenig Zeit und Geld in Monitoring investiert, also in die Beobachtung der Tiere'', sagt Mühlenberg. Als positive Beispiele nennt er die Wiederansiedlung der Oryx- und Addax-Antilopen in Afrika und Arabien oder des Bartgeiers in den Alpen. Bei diesen Projekten wurde vor, während und vor allem auch nach der Freilassung der Tiere genauestens analysiert, wo, ob und wie sie wieder heimisch werden könnten.