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Wirtschaftskriminalität:Enkeltrick, neu aufgelegt

Wohnungsbau Ost, neue Energien und jetzt das Coronavirus: Betrüger nutzen große Ereignisse, um an Geld zu kommen. Die Maschen haben sich nicht geändert, aber die Technik.

Mit dem Virus kamen die Betrüger. Solche, die mit gefälschten E-Mails sensible Daten ausspionieren mit der erfundenen Behauptung, nur so könne die Hausbank der Adressaten die Versorgung mit Geld sicherstellen. Oder die angeblichen Internethändler mit gefälschten Angeboten für Desinfektionsmittel, Atemmasken oder Schutzanzüge. Wer bestellt und bezahlt, ist sein Geld los, bekommt aber keine Ware. Selbst den uralten Enkeltrick, bei dem alte Menschen mit dem gelogenen Hinweis auf einen Verwandten in Notlage um ihr Erspartes gebracht werden, haben Kriminelle auf Covid-19 angepasst. Angeblich liegt jetzt ein am Virus erkrankter Angehöriger isoliert auf der Intensivstation. Besonders dreiste Betrüger geben sich als Polizisten oder Mitarbeiter einer erfundenen "Bundesinfektionsstelle" aus und bestehlen ihre Opfer.

Immer dann, wenn gravierende, neue Entwicklungen oder Veränderungen eintreten, sind schnell auch kriminelle Trittbrettfahrer da. Kaum war die Mauer gefallen, missbrauchten Verbrecher den Wohnungsbau Ost für Anlagebetrug im großen Stil. Der Schaden ging in die Milliarden. Ähnlich verhielt es sich seit dem Aufkommen der Neuen Energien. Betrug mit Hilfe von Corona ist so gesehen nichts Neues.

"Wirtschaftskriminelle nutzen heute vor allem IT und die Möglichkeiten moderner Kommunikation", sagt der Staatsanwalt und Richter Thomas Janovsky. "Ihre Methoden und Maschen sind aber über die Jahrzehnte an sich gleich geblieben." Quasi als Beweis legt er den Prospekt einer Patente AG Panama S. A. vor, mit dem diese in den Achtzigerjahren für Investments in angebliche, ökologische Patente und Lizenzen warb. Über die Firma verloren Anleger ebenso massenhaft ihr Geld wie bei einer anderen, die angeblich in ein Aids-Heilmittel investierte und mit hohen Renditeversprechen lockte. Selbst Ärzte fielen darauf rein. Janovsky kennt viele solcher Fälle aus Erfahrung. Seit mehr als drei Jahrzehnten arbeitet der Jurist hauptsächlich auf dem Gebiet der Wirtschaftskriminalität. Seit 2013 ist er Generalstaatsanwalt in Bamberg und damit auch Chef der bayerischen Zentralstelle für Cybercrime, wo der Freistaat die strafrechtliche Verfolgung von Internetkriminalität konzentriert hat. Es ist eine der größten staatsanwaltschaftlichen Spezialeinheiten hierzulande in Sachen Cybercrime. Obendrein ist Thomas Janovsky seit 20 Jahren einer von drei Herausgebern des "Handbuch Wirtschafts- und Steuerstrafrecht". Gerade ist das Standardwerk überarbeitet und aktualisiert in fünfter Auflage erschienen. Umfang: fast 2400 Seiten.

Wie also hat sich Wirtschaftskriminalität verändert? "Zum Beispiel in der Art der Werbung", sagt Janovsky. Betrüger setzen nicht mehr auf Hochglanzbroschüren, sondern auf Massen-Mails, soziale Netzwerke oder Internetseiten. "Das Prinzip ist aber gleichgeblieben. Man lockt mit einer günstigen Anlage, verspricht hohe Renditen und behauptet, dass man über Informationen verfüge, die nicht jedem zugänglich seien, und dass die Geldanlage gut abgesichert sei."

Die Täter kommen nicht mehr nur aus Deutschland. Auch der Weg des Geldes ist international

Was sich hingegen in den vergangenen Jahren massiv geändert hat: "Der Täterkreis ist internationaler geworden", sagt Janovsky. Und damit einher "auch der Weg des Geldes". An die Stelle mehrtägiger Überweisungsvorgänge oder von Barzahlungen, wie vor wenigen Jahren noch üblich, seien moderne, IT-gestützte Zahlungssysteme und vereinfachte Auslandsüberweisungen getreten. Geld fließt schnell über Grenzen hinweg und Ermittler tun sich im Nachhinein schwerer, seinen Weg im Ausland zu verfolgen. "Den Opfern wird dieses Vorgehen damit plausibel gemacht, dass ihr Geld möglichst schnell an einem bestimmten Ort sein müsse, da sonst das gewinnträchtige Investment nicht mehr möglich sei", sagt Janovsky.

Die Digitalisierung hat auch gänzlich neue Formen der Wirtschaftskriminalität kreiert, CEO-Fraud zum Beispiel. Eine Betrugsmasche, mit der etwa vor einigen Jahren der Autozulieferer Leoni um einen zweistelligen Millionenbetrag geprellt wurde. Dabei täuschen Täter mit gefälschten E-Mail-Adressen die Identität von Führungskräften der jeweiligen Firmen vor und ordnen Überweisungen hoher Beträge auf ausländische Konten an. In der Hoffnung, dass untergeordnete Mitarbeiter der scheinbaren Anweisung von oben brav folgen. Bisweilen, sagt Janovsky, würden IT-Schutz- und Sicherungsmechanismen versagen, die ständig auf dem neuesten Stand zu halten der Generalstaatsanwalt prinzipiell rät. "Oder aber die Firmenkultur ist das Problem, weil sich niemand traut, beim Chef nachzufragen."

Die grenzübergreifende Zusammenarbeit von Ermittlern bei der Verfolgung von Wirtschaftskriminalität verbessere sich stetig, sagt Thomas Janovsky. Etwa bei Steuerstrafsachen. In vielen Ländern wachse die Einsicht, dass es sinnvoll sei, Dienstwege kurz zu halten.

Generell beeinflusst die digitale Technik die Ermittlungsarbeit immer stärker. Wo Staatsanwaltschaft und Polizei noch vor zehn Jahren zu Hausdurchsuchungen mit Transportfahrzeugen und Umzugskartons angerückt sind, um beschlagnahmtes Material abzutransportieren, reichen heute oft einige digitale Speichermedien. "Wo wir früher in einem Bürohochhaus das richtige Archiv, die richtigen Regale und die richtigen Ordner ausfindig machen mussten, suchen unsere Spezialisten heute intensiv in der Cloud oder werten Mail-Archive aus", schildert Janovsky. "Die Beschlagnahmung von Datenmengen von mehreren Terrabytes ist heute keine Seltenheit mehr." Bei deren Auswertung gehe ohne IT-gestützte Suchsysteme nichts mehr. Immer häufiger nutzen Strafverfolger dabei auch die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz.

© SZ vom 23.03.2020
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