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Wirtschaftsgipfel-Salon:Mit ein bisschen Geduld

Wirtschaftsgipfel Salon 2019 Frankfurt am Main

Entega-Chefin Marie-Luise Wolff, Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir und Wirtschaftsressortleiter Marc Beise im Gespräch.

(Foto: Matthias Döring)

Wie geht man am besten mit Widerständen um? Darüber diskutierten Politiker und Unternehmer beim Wirtschaftsgipfel-Salon in Frankfurt.

Zum Umgang mit Widrigkeiten fällt Tarek Al-Wazir eine Szene aus dem Regionalfernsehen ein. Straßenbahnbaustelle, alles gesperrt, die Straße voller Stolperfallen für alte Menschen. Der Reporter fragt eine Anwohnerin mit Rollator, die sich durch die Baustelle quält, was sie davon hält. Und die Frau sagt: Tja, da muss man jetzt durch, damit es nachher besser wird. Nämlich barrierefrei. Al-Wazir ist Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen in Hessen und kennt sich aus mit Widerständen. Er war seinerzeit Mitbegründer der ersten schwarz-grünen Koalition und hat in seinem Leben oft die Erfahrung gemacht, dass man vorübergehend Nachteile in Kauf nehmen muss, damit später alle profitieren.

Es ist ja so: Wenn Windräder gebaut werden und dafür der Blick aus dem Fenster nicht mehr so friedlich ist, wenn die Bahn Trassen baut und dafür Grundbesitzer teilenteignet werden oder wenn Brücken saniert und dafür Straßen gesperrt werden, dann regen sich die Bürger auf oder gehen demonstrieren. Positive Emotionen treiben niemanden so schnell auf die Straße. "Wenn ich jetzt in den Odenwald einlade, um für den Zauber der Energiewende zu demonstrieren", sagt Al-Wazir am Mittwochabend auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel Salon in Frankfurt, "dann kommt da keiner".

Mit der Energiewende hat Marie-Luise Wolff täglich zu tun, als Chefin des kommunalen Energieversorgers Entega in Darmstadt und seit Anfang des Jahres auch als Präsidentin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft. Auch mit Widerständen kennt sie sich aus. In der Klima-Diskussion ist sie etwa ständig mit Menschen konfrontiert, die sich über hohe Strompreise beschweren. "Ich frage dann: Aha, und wie viel zahlen Sie denn so für Ihren Strom?", sagt sie. "Dann ist die Diskussion auch immer ganz schnell vorbei."

"Es ist immer eine lange Reise, die Menschen mitzunehmen."

Und sie versucht, mit progressiven Argumenten zu überzeugen. Atomkraft? Mal ein Blick nach Frankreich: Der für 2014 angekündigte Druckwasserreaktor dauert bis mindestens 2023 und wird statt 1,3 Milliarden zwölf Milliarden Euro kosten. Beeindruckt zeigt sich die Managerin davon, dass die Erneuerbaren Energien im ersten Halbjahr dieses Jahres einen Anteil von 44 Prozent an der Stromerzeugung hatten. In Spitzenzeiten machten Atomkraftwerke gerade einmal die Hälfte aus. Auf die Frage, was sie als Chefin ihren Mitarbeitern mitgebe, spricht sie von Wohlwollen und Zeit statt Bevormundung. Sie setze darauf, dass die Mitarbeiter selbst Ambitionen formulieren. Entega hat es damit zum Vorzeige-Energieversorger geschafft.

Neue Ambitionen formulieren müssen auch die Beschäftigten von Foam Partner in der Schweiz. Das Chemieunternehmen beliefert die Autoindustrie, insbesondere mit Spezialschaum für Dachkonstruktionen oder Lenkräder. Und in diesem Geschäft passiert gerade irgendwie alles auf einmal: Strukturwandel, schwächer wachsende Nachfrage in China, der Handelskrieg, der Brexit. Widerstände, gegen die Geschäftsführer Michael Riedel zurzeit ankämpfen muss. "Ich muss den Leuten erklären, dass wir gleichzeitig Kosten sparen und an einer neuen Strategie arbeiten müssen", sagt Riedel am Mittwoch. Sein Leitprinzip: "strategische Geduld", also die Orientierung an langfristigen Zielen und nicht an Quartalsergebnissen.

Das ist durchaus übertragbar auf die Politik. Denn auch dort gelingt es oft nicht, den Wählern zu erklären, wieso manche Dinge sehr lange dauern oder kurzfristige Belastungen langfristig allen zugutekommen. "Die Bahn", sagt Al-Wazir mit Blick auf das Klimapaket der Bundesregierung, "wird in den nächsten Jahren mit Geld zugeschüttet. Aber es wird erst einmal schlechter werden." Stephan Lunau, Geschäftsführer der Unternehmensberatung UMS, plädiert für Geduld und dafür, die Dinge immer wieder neu zu erklären. "Es ist immer eine lange Reise, die Menschen mitzunehmen. Und schnell heißt meistens: nicht nachhaltig."