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Volkswagen:"Wir kratzen an der Zehn-Milliarden-Marke"

Stephan Schaller fährt im VW-Bus mit Chauffeur vor. Der Chef der VW-Nutzfahrzeugsparte über Wachstumspläne in Brasilien und die hohen Energiepreise.

Stephan Schaller, 50, dürfte einer der wenigen deutschen Topmanager sein, die mit Chauffeur im VW-Bus vorfahren. Aber der frühere BMW-Mann ist ja auch Chef der Volkswagen Nutzfahrzeuge - und das seit zwei Jahren. Je nach Ausstattung können die rollenden Büros aus Hannover bis zu 130.000 Euro kosten. Sie sind damit die teuersten Fahrzeuge, auf denen das VW-Zeichen prangt.

Stephan Schaller führt die Nutzfahrzeugsparte von VW.

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Schaller, bei der letzten Messe IAA Nutzfahrzeuge im Jahr 2006 war das große Thema eine Allianz der Lkw-Hersteller Scania und MAN, vielleicht unter Beteiligung der VW Nutzfahrzeuge. Warum ist seither so wenig passiert?

Stephan Schaller: Es hat sich in den vergangenen zwei Jahren eine ganze Menge getan. Volkswagen hält heute 68 Prozent an Scania und knapp 30 Prozent an MAN. Und Volkswagen Nutzfahrzeuge hat die Verkäufe seit 2006 deutlich gesteigert. Im ersten Halbjahr 2008 haben wir zehn Prozent zugelegt, unsere Lkw-Sparte in Brasilien in diesem Jahr sogar um mehr als zwanzig Prozent. Und wir wollen wachsen, auch wenn die wirtschaftliche Situation schwieriger geworden ist.

SZ: Werden dazu auch Kooperationsprojekte mit MAN beitragen?

Schaller: Hierzu gibt es aktuell keine Planungen. Das Wachstum wollen wir mit unserem Werk in Resende in Brasilien realisieren. Wir haben vor wenigen Tagen erst eine Investition von rund einer Milliarde Real angekündigt und bauen die Kapazität auf 300 Fahrzeuge pro Tag aus.

SZ: VW Nutzfahrzeuge hat in Brasilien eine Fabrik, in der die Arbeit weitgehend von Zulieferern gemacht wird. Diese liefern Motoren, Achsen, Räder, machen Rohbau, Montage und lackieren. Ferdinand Piëch hat gesagt, das VW-Werk könne Maßstäbe in der Branche setzen. Müssen Scania und MAN ihre Werke umrüsten?

Schaller: Wir hatten die seltene Gelegenheit, vor zehn Jahren auf der grünen Wiese zwischen Rio de Janeiro und São Paulo eine Lastwagenfabrik entstehen zu lassen. Damals haben wir auch die starken Schwankungen des brasilianischen Marktes gesehen und die damit verbundenen Risiken. Diese wollten wir auf mehrere Schultern verteilen. So kamen wir auf die Idee für das Produktionssystem Consortio Modular. Es baut in diesem Jahr annähernd 60000 Lkws.

SZ: Das funktioniert tatsächlich mit ganz wenigen eigenen Leuten?

Schaller: Bei uns angestellt sind nur etwa 600 Mitarbeiter, der Rest kommt von Zulieferern wie Siemens, AB Meritor oder Thyssen-Krupp. Die stellen eigene Leute ans Fertigungsband. Wir bezahlen den Lastwagen praktisch erst, wenn er fertig ist. Wenn man irgendwo auf der Welt eine neue Fabrik errichtet, ist das ein mögliches Modell. Es ist schwierig, ein vorhandenes Werk entsprechend umzurüsten.

SZ: Europäische Hersteller lästern, die brasilianischen Lkws von VW ließen sich in Europa überhaupt nicht verkaufen.

Schaller: Unsere Lkws sind speziell für die südamerikanischen Anforderungen entwickelt worden, aber wir verkaufen sie auch in Afrika und im Mittleren Osten. Für die europäischen Anforderungen sind sie nicht konzipiert.

SZ: Wo braucht man den Pick-up von VW, den sie auf der Messe in Hannover als Studie zeigen werden?

Schaller: Volkswagen bringt mit dem neuen Pick-up ab 2009 als erster europäischer Volumenhersteller einen modernen Pick-up in der Ein-Tonnen-Klasse. Wir werden das Auto in Argentinien bauen und ab Ende 2009 auf dem südamerikanischen Markt einführen, später dann auch in Südafrika, Australien und Europa. Mit dieser vierten Baureihe im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge erweitern wir unser Angebot um ein attraktives Fahrzeug.

SZ: Das klingt alles so, als könnte VW Nutzfahrzeuge gut allein weitermachen, auch ohne Scania und MAN?

Schaller: Wir haben unsere Verkäufe seit dem Jahr 2003 nahezu verdoppelt. In diesem Jahr werden wir voraussichtlich erstmals mehr als 500.000 Fahrzeuge verkaufen, und wir kratzen an der Marke von zehn Milliarden Euro Umsatz. Wir wollen bis 2018 unsere Produktion auf 800.000 Fahrzeuge erhöhen. Das Hauptwachstum wird aus Schwellenländern wie Russland, Indien oder China kommen. Aber auch in Westeuropa gibt es mit Spanien, Italien oder Frankreich noch einige Länder, in denen wir Wachstumspotential haben.

SZ: Die Energiepreise sind kein Problem?

Schaller: Natürlich merken wir die Energiepreise, aber auch den Anstieg der Rohstoffkosten. Wir beschäftigen einige tausend Ingenieure, um den Kostendruck auszugleichen. Sie überlegen, wie sich Kosten reduzieren lassen, prüfen die Materialauswahl, erhöhen die Produktivität in den Fabriken.

SZ: Können sich Ihre Kunden in Deutschland angesichts hoher Benzinpreise neue Fahrzeuge noch leisten?

Schaller: Eindeutig ja, aber die Preissensibilität ist natürlich in Deutschland sehr stark ausgeprägt. Wir versuchen, unseren vorwiegend mittelständischen Kunden durch neuartige Finanzierungsmodelle ein Stück entgegenzukommen. In Jahreszeiten, wo ihr Geschäft besser läuft, können unsere Kunden mehr zahlen.

SZ: Bieten die hohen Energiepreise nicht auch eine Chance für Innovationen, etwa für Transporter mit Elektroantrieb?

Schaller: Das stimmt. Für die Lieferwagen im städtischen Verteilerverkehr bietet sich ein Elektroantrieb eher an als im Überlandverkehr. Die Entwickler in unserem Konzern sind sehr mit diesem Thema beschäftigt und vorne dabei. Davon werden wir profitieren.

SZ: Sie stehen jetzt fast zwei Jahre an der Spitze von VW Nutzfahrzeuge. Was machen Sie anders als Ihr Vorgänger?

Schaller: Ich denke, jeder Manager hat einen eigenen Stil. Mir ist es wichtig, dass wir im Vorstand ganz eng zusammenarbeiten und auch auf Zuruf reagieren können. Wir haben viel Glas in die Büros eingebaut. Alle Vorstandsmitglieder sitzen in Sichtweite. So können wir alle anstehenden Themen schnell lösen.

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