Versicherungsmanager:Wo bleibt der Nachwuchs?

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Versicherungsmanager: Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Für Spezialberufe wie den Versicherungs­manager gibt es immer weniger Bewerbungen.

Von Nina Nöthling

Dass Matthias Beck heute Versicherungsmanager beim Schraubenhersteller Würth ist, verdankt er einem Zufall. Beck selbst wusste nicht, was er nach der Schule machen sollte. Sein bester Schulfreund plante eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann. "Ich dachte, es wäre nett, die Ausbildung zusammen zu machen", erzählt Beck. Bereut hat er die Entscheidung nie, obwohl die Versicherungsbranche als langweilig und angestaubt gilt. Beck sieht das anders. "Der Begriff Versicherungsmanager spiegelt nicht wider, wie vielfältig und international diese Tätigkeit ist."

Doch durch das schlechte Image haben Industrieversicherer, Makler und Unternehmen Probleme, Nachwuchs zu finden. Durch den demografischen Wandel haben Schulabgänger häufig die freie Auswahl bei Ausbildungs- und Studienplätzen. Die Versicherungsbranche zieht dabei meist den Kürzeren. Bei Umfragen liegen Versicherungsmanager und Makler regelmäßig auf dem letzten Platz der Wunschberufe. Das liegt auch an Versicherern und Unternehmen. "Es fehlt der Branche an nachhaltigem Marketing, um dem Nachwuchs klar zu machen, was sich im Tagesgeschäft hinter diesen Jobs verbirgt", sagt Beck.

Schuld daran, dass der Beruf als unattraktiv angesehen wird, sei auch die Berufsbezeichnung, meint er. Außerhalb Deutschland heißen Versicherungsmanager Risikomanager. "Das klingt viel spannender und ist erst mal nicht mit dem Begriff Versicherung verlinkt", sagt Beck. "Außerdem werden die Schnittmengen zwischen Risiko- und Versicherungsmanagement immer größer, auch in Deutschland." Das machte die Sparte für Nachwuchskräfte wieder interessanter. Die Aufgabe eines Risikomanagers besteht darin, Gefahren bei der Produktion, für die Mitarbeiter oder bei der Finanzanlage so gering wie möglich zu halten. Risiken, die nicht vermieden werden können wie Lieferkettenunterbrechungen, können über Policen abgedeckt werden. Für deren Einkauf ist der Versicherungsmanager zuständig. Zunehmend vermischen sich die beiden Berufsfelder.

Die Firma Adolf Würth ist bei der Würth-Gruppe zuständig für große Teile der Nachwuchs-Rekrutierung unter anderem im Versicherungsbereich. Die Aktivitäten fasst die Firma unter dem Namen "Young Talent-Pipeline" zusammen. Würth beginnt bereits in Schulen mit der Rekrutierung und veranstaltet Informationsabende für Schüler und Eltern. "Das ist wichtig, weil Eltern einen entscheidenden Einfluss haben auf die Wahl der Ausbildung", erklärt Manuel Oehmke, Personalleiter bei Adolf Würth.

Es wird künftig für Firmen nicht ausreichen, darauf zu warten, dass jemand sich explizit auf eine Stelle bewirbt, meint Oehmke. Er rechnet damit, dass sich Unternehmen künftig bei den Kandidaten bewerben werden und nicht umgekehrt.

Soziale Medien werden immer wichtiger. "Wir sind auf allen bedeuten Kanälen wie Facebook, Instagram, Youtube, Xing und Linkedin vertreten", sagt Oehmke. "Das Netzwerk, das wir da ansprechen wollen, spielt eine enorme Rolle." Potenzielle Kandidaten vernetzen sich untereinander, lesen Beiträge und sehen Videos der Azubis und tauschen sich darüber aus. "So kommen sie nicht nur auf unsere Karriereseiten, sondern überhaupt dazu, sich für Würth zu interessieren."

Den demografischen Wandel spürt Würth vor allem bei der Anzahl der Bewerbungen. "Sie sinken - einmal in der Quantität, ein Stück aber auch in der Qualität", sagt er. In diesem Jahr seien nur halb so viele Bewerbungen eingegangen wie im vergangenen Jahr. Gerade für Spezialberufe wie den Versicherungsmanager gibt es deutlich weniger Bewerbungen. Würth bietet 25 verschiedene Ausbildungen und Plätze für Duale Studiengängen an, dazu gehört auch die Ausbildung zum Kaufmann für Versicherungen und Finanzen. Außerdem gibt es verschiedene Trainee-Programme.

Vor zwei Jahren hatte Risikomanager Beck einen Trainee für seine Abteilung gesucht. "Das war nicht so einfach", berichtet er. Auszubildende für den Versicherungsbereich sind am Markt ohnehin dünn gesät, weiß er. "Die wenigen Interessenten dann für ein Unternehmen wie Würth zu gewinnen, das nach außen erst mal nichts mit Versicherungen zu tun hat, ist eine Herausforderung", erklärt er. Über die Young Talent Pipeline wurde er dann aber doch fündig. Die Kandidatin hat 2018 bei Würth begonnen und wird im September das einjährige Programm abschließen.

Auch Manfred Kaiser, verantwortlich für die Personalgewinnung im Konzern Versicherungskammer Bayern (VKB), sieht die Unternehmen am Zug. "Der Werbedruck wird immer größer, weil alle Aufmerksamkeit wollen." Deshalb reicht es nicht mehr aus, nur auf Jobbörsen zu posten. "Wir müssen die Vorteile unserer Unternehmen mehr in den Vordergrund stellen." Dazu gehört vor allen eine gute Unternehmenskultur, da sind sich VKB und Würth einig.

So manche Ausbildungsstelle bleibt unbesetzt

Für Versicherer wie die VKB ist das Problem der Nachwuchsfindung noch größer. Sie müssen deutlich mehr junge Leute für die Assekuranz begeistern als Unternehmen, die nur ein paar Stellen im Versicherungsbereich haben. Die VKB konnte in diesem Jahr zum ersten Mal nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Das lag jedoch nicht an der Anzahl der Bewerbungen. Ein Fünftel der Stellen blieb unbesetzt, weil es keine geeigneten Bewerber gab, berichtet Kaiser. "Wir merken, dass die Qualifikationen in den Bereichen Allgemeinbildung, Rechnen und Erkennen von Zusammenhänge nicht mehr so ausgeprägt sind."

Die Schulveranstaltungen wie Informationsabende und Bewerbungstrainings bietet die VKB zwar an, ihr Nutzen im Vergleich zum Aufwand sei aber gering, findet Kaiser. Deshalb probiert der Versicherer im November etwas Neues: einen Karriere-Tag. Schüler können sich einen Nachmittag lang Berufe direkt am Ort anschauen. Sie werden durch verschiedene Abteilungen geführt und können Projekte umsetzen. Im Mai hatte die VKB bereits einen solchen Tag für Studenten veranstaltet und war zufrieden. 37 Studenten kamen, 20 von ihnen waren hinterher an einer Karriere bei der VKB interessiert, sagt Kaiser. "Wenn man die Leute erst einmal ins Haus bekommt, kann man sie auch für die Versicherungsbranche begeistern." Zehn der Studenten werden wohl in diesem Jahr bei der VKB anfangen.

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