Verpackungsmessen Mit Stroh und Hanf

Günstiger Kunststoff dominiert noch immer den Verpackungsmarkt. Doch auf den Fachmessen zeigt sich, wie das Thema Nachhaltigkeit die Branche unter Druck setzt.

Von Christiane Kaiser-Neubauer

Im Bundestag, in den Grundschulen und auf der UN-Klimakonferenz - alle sprechen über Plastik. Die Teppiche in den Ozeanen, Flaschenberge an den Stränden, Mikroteilchen im Wasser, auf der Haut und in den Lebensmitteln haben sich ins Bewusstsein der Verbraucher gedrängt. Im Fokus steht die Verpackungsbranche, mit etwa sechzig Prozent Hauptproduzent für den Plastikmüll der Haushalte. "Es ist allen bewusst, dass sich jetzt etwas ändern muss, denn die Konsumenten und die Öffentlichkeit machen gerade unglaublich viel Druck. Das Credo 'reduzieren, wiederverwenden und recyceln' muss die Industrie jetzt schon hinkriegen", sagt Bernd Sadlowsky, Geschäftsführer des Verpackungsinstituts Hamburg (BFSV).

Wer heute eine Verpackung entwickle, müsse verstärkt den Fokus auf die Entsorgung legen. Die Branche boomt nach wie vor, ungeachtet aller Kritik und Umweltbelastungen. Zum einen heizt der demografische Wandel den Markt an, gefragt sind spezielle Verpackungen und Portionsgrößen für die wachsende Käufergruppe der Senioren- und Singlehaushalte. Der Convenience-Trend mit Kaffee zum Mitnehmen und kleinen frischen und schönen Snacks wird nach wie vor meist mit Kunststofffolien und -verpackungen bedient. Das größte Wachstum erzielt die Branche außerhalb Europas. "Die Nachfrage nach Verpackungen steigt besonders in den Schwellenländern und in Asien stark an, hier hat Kunststoff die höchsten Zuwachsraten. Das zeigt, dass die Plastik-Diskussion doch stark auf Europa und die USA begrenzt ist", sagt Bernd Jablonowski, Global Portfolio Director bei der Messe Düsseldorf. Er organisiert die Interpack, internationale Leitmesse der Verpackungsbranche, die im Mai in Düsseldorf stattfindet.

Auf Messen wie der Nürnberger Fachpack sind immer mehr Ökoverpackungen zu sehen.

(Foto: Frank Boxler/NuernbergMesse)

Der Blick auf die Branchenveranstaltungen in Deutschland zeigt trotz Kunststoff-Dominanz den langsamen Wandel des Verpackungsmarktes. Nach der Interpack mit 170 899 Besuchern und 2860 Ausstellern ist die Fachpack der Messe Nürnberg mit mehr als 44 000 Besuchern und 1644 Ausstellern die relevanteste Veranstaltung. "Unsere Fachbesucher haben in großer Mehrheit gezielt das Thema Nachhaltigkeit nachgefragt. Das bewegt gerade die Branche und deshalb haben wir 'das umweltgerechte Verpacken' dieses Jahr als Leitthema gewählt", sagt Cornelia Fehlner, Leiterin der Fachpack der Messe Nürnberg. Im September findet die Schau, auf der unter anderem der European Sustainability Award verliehen wird, statt. In den Fokus setzen die Messeveranstalter neue Materialien und Produkte als Plastikalternative, teils aus den großen Entwicklungslabors der Industrie, aber auch von Wissenschaft und innovativen Start-ups.

Ein Beispiel ist die Münchener Firma Landpack, die Stroh und Hanf ohne Einsatz von Klebstoffen zu Isolierverpackungen verarbeitet. Diese können komplett im Biomüll entsorgt werden. Für Aufmerksamkeit sorgt auch die Firma Sulapac mit einer biologisch abbaubaren Materialinnovation aus Holzchips, die von Forest Stewardship Council (FSC) zertifiziert wurden, und natürlich abbaubaren Klebstoffen. Diese kommen bei Luxusgüter- und Kosmetikverpackungen zum Einsatz. "Es gibt nicht die eine Lösung. Egal ob Folie aus Cellulose, Maisstärke als Papierersatz, oder Pilze statt Styropor, die Materialien haben alle ihre Stärken und Schwächen. Wir können die Chemie und Physik nicht außer Kraft setzen", sagt Verpackungsforscher Sadlowsky. Auch einfache Lösungen wie Papier statt Plastik in der Obst- und Gemüseabteilung haben nicht zwingend nachhaltige Wirkung. Insgesamt ist die Ökobilanz bei einmaliger Benutzung von Papiertüten schlechter als jene von Plastik. Denn für ihre Herstellung wird mehr Energie und Wasser verbraucht. "Besonders Kunden aus der Lebensmittel- und Getränkeindustrie und damit die verpackungsintensivsten Branchen sind ständig auf der Suche nach intelligenten Lösungen.

Das Käuferverhalten in den Supermärkten und die ganze Plastik-Diskussion hat hier großen Einfluss und ist Hauptantrieb für die Selbstverpflichtung der Konsumgüterkonzerne", sagt Fehlner. Jüngstes Beispiel für erfolgreiches Konsumentenlobbying ist die Biogurke bei Rewe. Der Verzicht auf die Schrumpffolie, die das Gemüse vor Austrocknung und Beschädigungen schützen sollte, bringt dem Lebensmittelkonzern 80 000 Kilogramm Kunststoff-Einsparung im Jahr. Um Frische und Qualität zu erhalten, mussten Transportprozesse entlang der Logistikkette verändert werden. "Hier wird nicht einfach ein Schalter umgelegt, der Prozess der Verpackungsumstellung zieht sich ungemein hin. Materialtests, Produktionstechnik und Transport brauchen Zeit. Bei der Bio-gurke hat es auch fast zwei Jahre gedauert", sagt Sadlowsky.

Stark getrieben wird der Produktwandel der Hersteller durch das EU-Verbot für Einweg-Plastik, die geplante Reduzierung der PET-Plastikflaschen sowie die verpflichtende Verbindungseinheit von Deckel und Flasche. Nach dem seit Jahresanfang geltenden deutschen Verpackungsgesetz müssen Händler alle Verpackungsmaterialien verwerten oder zurücknehmen, sowie die Pfandpflicht auf Einweggetränkeverpackungen einführen. Herkömmliche PET-Einwegflaschen mit Verbundmaterialien sind bisher nur schwer recycelbar. Die Hersteller reagieren mit Neuheiten, die auf den Verpackungsmessen, die dem Thema Bio-Kunststoffe großflächig Ausstellungsraum geben, gezeigt werden. Der Verpackungsproduzent KHS, Stammgast auf der Interpack, hat mit der FreshSafe-PET-Technologie eine Möglichkeit für zu 100 Prozent wiederverwertbaren Kunststoff entwickelt. Innen an der PET-Flasche liegt eine hauchdünne Glasbeschichtung, die während des Recyclingprozesses rückstandfrei abgewaschen werden kann. Das Ergebnis ist sortenreiner Kunststoff.

"Die Kunststoffbranche steht aktuell massiv unter Druck. Ein Schwarz-Weiß-Denken, Plastik ist schlecht und Papier gut, ist zu einfach. Die Verpackungsbranche ist Teil der Lösung", sagt Fehlner. Ziel müsse sein, je nach Verpackungszweck das bestmögliche Produkt zu liefern, auch für die Umwelt. Dabei geht es nicht nur um das Endprodukt, flexible und wiederverschließbare Verpackungen. "Nachhaltigkeit ist mehr als eine Verpackung aus Milchstärke, dazu zählen auch eine energieeinsparende Produktion, geringerer Materialeinsatz und andere hinsichtlich ihrer Recyclingfähigkeit optimierte Packstoffe", sagt Jablonowski. Umweltschonende Produktion und Prozesstechnik sowie neue Transportlösungen für alle Branchen sind im kommenden Jahr in Düsseldorf Thema. Auf der begleitenden Konferenz "Life without packaging?" will der Veranstalter über Verpackungen kontrovers diskutieren. Soll Plastik endgültig alternativen Verpackungsstoffen Platz machen, muss der Preis steigen? "Kunststoff ist charmant billig im Vergleich zu Glas, und der Wettbewerb am Markt ist hoch. Da mischen die Produzenten doch lieber ein bisschen Bio-Kunststoff bei und starten eine Marketing-Kampagne", sagt Sadlowsky. Das ist dann gut für das Image und rechnet sich auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Angesichts steigender Rohölpreise, seit Jahresbeginn um 30 Prozent, könnte diese Rechnung allerdings mittelfristig nicht mehr aufgehen.