Vermarktung des Sports Showtime!

Spektakulärere Rennen, mehr Auftritte in den USA, finanzielle Beteiligung der Teams: Was sich in der Formel 1 mit den neuen Eigentümern ändern soll.

Von René Hofmann

Bernie Ecclestone braucht sich nicht zu wundern. Er hat die Formel 1 stets als knallharten Verdrängungswettbewerb organisiert - und so treffen die Gesetzmäßigkeiten der Branche nun eben auch ihn. Am Morgen nach der Demission des 86-Jährigen ließ Weltmeister Nico Rosberg die Welt über Twitter wissen, was er von dem Zug hält. Ecclestone hatte Rosberg im vergangenen Jahr vorgeworfen, er tue zu wenig für die Show. Nun schlug der 31-Jährige zurück: "Eine Veränderung war überfällig", schrieb Rosberg und hieß die neuen Eigentümer von Liberty Media herzlich willkommen. Schon neulich hatte er gestichelt: "Vielleicht können sie das Ganze sogar ein wenig amerikanisieren, auf Showbusiness verstehen sie sich eben. Und das brauchen wir jetzt."

Was braucht die höchste Motorsport-Kategorie, um zukunftsfähig zu sein? Das ist die große Frage. Im September 2016 kündigte Liberty Media an, die Aktienmehrheit an der Rennserie übernehmen zu wollen. Bis zum Saisonfinale aber, das Ende November in Abu Dhabi stattfand, vermochten die unmittelbar Beteiligten noch nicht zu sagen, welche Änderungen sich mit den neuen Herrschern verbinden. Die breite Hoffnung bei den Teams war: Der Sport solle besser und sein Image moderner werden - und mehr Geld solle er ihnen bitte auch noch bringen. Seit dieser Woche ist nun zumindest eines gewiss: Liberty Media fackelt nicht lange. Nachdem die Aktionäre der Firma und der Motorsportweltverband FIA zugestimmt hatten, war der Deal am Montagabend perfekt. Und Ecclestone, der seit 1978 die Geschäfte geführt hatte, wurde umgehend vor die Tür gesetzt.

Die Führungsspitze besteht künftig aus einem Triumvirat: Neben Geschäftsführer Chase Carey wird es zwei Direktoren geben: Sean Bratches aus den USA, der 27 Jahre lang beim US-Sportsender ESPN wirkte, soll sich um den Vertrieb kümmern und vor allem die Verbreitung der Formel 1 über digitale Medien vorantreiben. Als Motorsportdirektor wurde Ross Brawn berufen. Der 62 Jahre alte Brite ist in der Szene eine bekannte Figur. Als technischer Direktor bei Benetton und bei Ferrari begleitete er Michael Schumacher zu sieben WM-Titeln. Sein größter Coup aber glückte Brawn 2009. In jenem Jahr gewann der Brite Jenson Button mit Brawns Privatteam den Titel - dank eines umstrittenen Teils: Brawn hatte eine Lücke im Reglement ausgemacht und in die Hecks der Autos sogenannte Doppeldiffusoren gebaut, die die Straßenlage deutlich verbesserten.

"Ross versteht den Sport besser als jeder andere", sagte der neuen Geschäftsführer Chase Carey am Dienstag den Sendern der Sky-Gruppe. Er solle sich nun "wirklich darauf fokussieren, wie wir aus dem Sport alles herausholen können, was er sein kann und soll". Brawn hat sich noch nicht konkret geäußert, was er in seiner neuen Rolle vorhat. Vor Kurzem aber sagte er dem Fachmagazin F1 Racing: "Ich denke, die Formel 1 muss sich das Format ihrer Rennen anschauen und die Art, wie sie sich präsentiert." Wer ein Fußballspiel oder ein Golfturnier zur Halbzeit erst einschalte, fände sich spielend zurecht, bei den Formel-1-Rennen sei das derzeit nicht der Fall. "Ich bin in dem Punkt sehr gebildet und sehr erfahren, aber selbst ich habe manchmal Mühe zu verstehen, was in einem Rennen passiert", sagte Brawn.

Setzen die neuen Herrscher wie ihr Vorgänger auf Härte? Konflikte zeichnen sich bereits ab

Spektakulärerer Sport, der gleichzeitig leichter verständlich ist: Das ist ein Teil des Plans. Zu sehen geben soll es die Show zudem öfter auf dem amerikanischen Markt, auch das haben die neuen Machthaber bereits durchblicken lassen. In Nordamerika hatte das Fahrgeschäft unter Ecclestone lange Mühe. Von 2008 bis 2011 gab es in den USA kein Rennen. Pläne, einen Grand Prix in New Jersey auszutragen, mit der Skyline von New York als Hintergrund, scheiterten. Erst seit 2012 gibt es wieder einen US-Grand-Prix: in Austin/Texas. 2015 kam ein Rennen in Mexiko-Stadt hinzu. 2016 gab es so 21 Veranstaltungen, ein Rekordwert, mit dem viele Beteiligten unglücklich waren, weil er die reisenden Teammitglieder an die Grenze der Belastung brachte. Über noch mehr Rennen weiter wachsen zu wollen, wie Carey es vorhat, darf deshalb als gewagt gelten.

Die Interessen der Rennställe - aktuell sind es elf - auszubalancieren, ist eine Sisyphusarbeit, die Ecclestone meist mit kaltem Machtkalkül betrieb. Welchen Stil die neuen Machthaber pflegen, wird spannend zu beobachten sein. Einerseits ködern sie alle Teams mit dem Angebot, in den kommenden sechs Monaten Anteile an dem Geschäft erwerben zu können, andererseits dürfte es den etablierten Kräften Ferrari, Mercedes, Red Bull, McLaren und Williams gar nicht gefallen, wenn sie ihre üppigen Bonuszahlungen verlieren könnten, wie es Greg Maffei angekündigt hat. Der Liberty-Media-Manager sagte dem Forbes-Magazin: "Wir denken darüber nach, die Team-Zahlungen anzugleichen, um mehr Fairness zu schaffen."

Formal haben sich alle Teams aktuell verpflichtet, bis mindestens 2020 in der Formel 1 aktiv zu bleiben. So lange laufen auch die Verträge über den derzeit gültigen Verteilungsschlüssel noch und die Verabredungen über das komplizierte Prozedere bei Regeländerungen, die nicht die Sicherheit betreffen. Von heute auf morgen können die US-Showexperten also gar nicht alles umstürzen.