bedeckt München 28°

Vergütung bei Wohnungsunternehmen:Viel Gewinn, wenig Lohn

Vonovia in Essen

Fassade eines Vonovia-Mietshauses in Essen: Bei dem Dax-Konzern haben nur 20 Prozent der Beschäftigten einen Tarifvertrag. Die restlichen Mitarbeiter bekommen weniger Geld für die gleiche Arbeit, kritisiert Verdi.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Trotz blendender Geschäfte bezahlt Vonovia viele Mitarbeiter nicht nach Tarif. Nun lässt die Gewerkschaft Verdi Deutschlands größten Vermieter bestreiken.

Von Benedikt Müller

Das hat es noch nie gegeben bei Deutschlands größtem Vermieter. Im Kundenservice von Vonovia haben vorige Woche 70 Beschäftigte gestreikt, um auf die ungleiche Vergütung bei dem Dax-Konzern hinzuweisen. Ein Beispiel: Ruft ein Mieter bei Vonovia an, weil er etwa einen Schaden melden will, spricht er im bundesweiten Callcenter in Duisburg entweder mit einem Immobilienkaufmann - Mindestgehalt 2200 bis 2400 Euro brutto nach dem Tarif der Wohnungswirtschaft, plus Weihnachts- und Urlaubsgeld - oder mit einem Mitarbeiter des Dialogmarketings - Einstiegsgehalt ab 2000 Euro. Dieselbe Arbeit, aber Hunderte Euro Unterschied, kritisiert die Gewerkschaft Verdi und ruft erstmals zum Streik bei einem börsennotierten Vermieter auf.

Die Beschäftigten im Kundenservice sind für Verdi nur der Anfang. Der Gewerkschaft zufolge wird von den 6400 Vonovia-Mitarbeitern nur jeder Fünfte nach Tarif bezahlt. Der Konzern bestreitet die Zahl nicht. "Unser Ziel ist es, den Arbeitgeber an den Verhandlungstisch zu bringen", sagt Andrea Becker, die für Verdi Nordrhein-Westfalen seit einem Jahr erfolglos verhandelt. "Wenn Vonovia den Beschäftigten einen Tarifvertrag verweigert, wird der Warnstreik weitergehen, noch vor Weihnachten", sagt Becker.

Das alles geschieht bei einem Konzern, dessen Geschäfte blendend laufen. Vonovia besitzt 340 000 Wohnungen bundesweit. Leerstand gibt es praktisch nicht; vielerorts kann der Konzern die Mieten erhöhen. Zurzeit will Vonovia seinen Konkurrenten Conwert übernehmen. Der Konzern bietet 1,6 Milliarden Euro für alle Aktien - und kann die Summe aus der Portokasse zahlen. Da sollten auch bessere Verträge für die Beschäftigten drin sein, findet Becker. "Wir erwarten, dass sich der Konzern in dieser komfortablen Lage normalen Tarifverhandlungen nicht verschließt."

Der Streit zwischen Vonovia und Verdi zeigt, wie die vielen Privatisierungen und Fusionen die Wohnungswirtschaft verändert haben. Bei kommunalen oder mittelständischen Unternehmen ist es üblich, dass Immobilienkaufleute in der Verwaltung arbeiten und nach Tarif bezahlt werden. Doch um die Jahrtausendwende haben viele Städte und Länder ihre hoch verschuldeten Wohnungsgesellschaften privatisiert; Arbeitgeber wie die Bahn verkauften ihre Mitarbeiterwohnungen. So konnte ein Konzern wie Vonovia, der aus der Fusion von Deutsche Annington und Gagfah entstanden ist, erst großwerden. Heute sind Unternehmen wie Deutsche Wohnen oder LEG milliardenschwer, an der Börse gelistet - und Länder wie Berlin oder Nordrhein-Westfalen bereuen, dass sie ihre Gesellschaften verscherbelt und die Kontrolle über den Markt abgegeben haben.

Für Verdi geht es deshalb ums Prinzip. "Wenn wir zulassen, dass sich Deutschlands größter Wohnungskonzern zur tariffreien Zone erklärt, ist das die Einladung an alle Wettbewerber, das nachzuahmen", sagt Becker. Verbreitete Praxis sei: Ein Konzern kauft eine städtische Gesellschaft, ein Teil der Mitarbeiter wechselt mit den alten Tarifverträgen in eine neue Tochterfirma, neue Beschäftigte aber werden tariflos angestellt. "Seit der Privatisierung der Wohnungswirtschaft ist das Kennzeichen dieser Branche Tarifflucht", kritisiert Becker.

Vonovia erklärt die Gehaltsunterschiede in Duisburg mit der unterschiedlichen Qualifikation der Beschäftigten. Der Konzern versucht, seinen Kundenservice zu standardisieren. Neue Mitarbeiter werden zum "Kaufmann für Dialogmarketing" ausgebildet, übernehmen nicht alle Aufgaben eines Immobilienkaufmanns, sondern einzelne Teile wie etwa den Telefondienst. "Vonovia schafft im Kundenservice Arbeitsplätze innerhalb des Unternehmens, statt die Aufgaben auszulagern", betont der Konzern. Damit die Abteilung wettbewerbsfähig bleibt, zahle Vonovia deutlich mehr als den Mindestlohn, aber weniger als den Tarif der Wohnungswirtschaft. Am Tag des Streiks hat der Konzern erstmals einen externen Dienstleister hinzugeschaltet, um alle Anfragen von Mietern annehmen zu können. "Für unsere Mieter hat sich der Streik nicht bemerkbar gemacht", teilt Vonovia mit, "wir konnten alle Anfragen wie sonst auch bearbeiten."

Über Löhne redet Vonovia offenbar lieber mit Betriebsräten als mit Gewerkschaften

Verdi wirft dem Konzern vor, auf Betriebsversammlungen mit der Ausgliederung des Kundenservices zu drohen, sollten sich Beschäftigte gewerkschaftlich organisieren. "Wer Menschen existenziell bedroht, die von ihrem Grundrecht Gebrauch machen, will das erfolgreiche deutsche Modell der Sozialpartnerschaft abschaffen", kritisiert Becker. Vonovia weist den Vorwurf zurück. "Selbstverständlich können unsere Beschäftigten von ihrem Streikrecht Gebrauch machen", teilt der Konzern mit. Keinem Mitarbeiter drohen Nachteile, wenn er sich gewerkschaftlich organisiere. "Dies haben wir auch unseren Mitarbeitern gesagt."

Mit der Forderung nach Tarifverhandlungen scheint Verdi jedoch auf Granit zu beißen. "In Vergütungsfragen steht Vonovia mit dem Betriebsrat in Kontakt", heißt es bei dem Konzern. "Diesen Weg wollen wir weiter beschreiten."

Einen anderen Weg hat die LEG beschritten, früher Landesentwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen, heute privatisiert und im M-Dax gelistet. Als die Tarifbindungen der Beschäftigten ausliefen, hat die LEG mit Verdi einen Haustarifvertrag ausgehandelt für alle Beschäftigten im operativen Geschäft, einschließlich Callcenter. Die Vergütung liegt über dem Tarif der Wohnungswirtschaft. So habe man einen Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte der Branche, argumentiert der Konzern. Und man sichere den sozialen Frieden.

© SZ vom 22.11.2016
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB