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Unternehmenskäufe:Gebremster Hunger

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Illustration: Stefan Dimitrov

Handelskrieg und Brexit drosseln den Markt für Unternehmenszukäufe. Vor allem das Interesse der Chinesen hat deutlich nachgelassen. Das hat auch mit ihrer Strategie zu tun.

Der deutsche Maschinenbauer hatte eine klare Vision. Er suchte einen chinesischen Partner, mit dem er eine gemeinsame Strategie für den Weltmarkt entwickeln wollte. Die Bildung eines Gemeinschaftsunternehmens stand schon kurz vor dem Abschluss. Doch der chinesische Partner bestand darauf, die Mehrheit an dem Joint Venture halten zu wollen: 51:49 zu seinen Gunsten. Weshalb der Partner in spe kompromisslos die Mehrheitsbeteiligung forderte, wurde dem deutschen Unternehmer erst klar, als dessen Anwälte genauer hinter die Kulissen der Gegenseite schauten. Der Chinese hatte verschwiegen, dass er einen Börsengang mit seiner Firma plante. Die anvisierte Partnerschaft sollte ihm vor allem dazu dienen, das eigene Unternehmen für mögliche andere Investoren attraktiv zu machen. Seine Motivation für die Bildung eines Joint Ventures war zwar legitim, nur widersprach sie komplett dem strategischen Ansatz des deutschen Maschinenbauers. Die Verhandlungen scheiterten an einem Prozentpunkt.

"Tong chuan yi meng", sagen die Chinesen. Man liegt im selben Bett, hat aber verschiedene Träume. Vielleicht zum Glück für die deutsche Firma kam es nicht zum Zusammenschluss. Denn erst danach festzustellen, dass die Träume des Partners andere sind als die eigenen, kostet viel Zeit und Geld, wenn man sich wieder trennen will. Gerade nachdem 2008 die weltweite Finanzkrise eingeschlagen hatte, gingen viele deutsche Unternehmen voreilig Partnerschaften in der Hoffnung ein, das Patentrezept gegen sinkende Nachfrage gefunden zu haben. Bei vielen folgte Jahre später die kostspielige Reue.

Patrick Heid, Partner und Leiter der Shanghai-Repräsentanz der deutschen Anwaltskanzlei GvW Graf von Westphalen, registriert "zwei- bis dreimal" mehr deutsch-chinesische Unternehmenstrennungen als neue Zusammenschlüsse, die sein Team juristisch begleitet. "Das Investitionsklima in China der Nullerjahre ist nicht mehr das gleiche wie im heutigen China. Deswegen funktionieren viele Gemeinschaftsunternehmen nicht mehr so wie damals", sagt Heid. Mehr Ausländer versuchen sich heute lieber auf eigene Faust in China. Auch weil die kulturellen Differenzen manchmal so groß sind, dass sich viele Unternehmer scheuen, die nötige Energie aufzubringen, um sie zu überbrücken.

Während die Deutschen gern eine langfristige Strategie entwickeln und diese verfolgen, sträuben sich viele chinesische Unternehmer, länger als zwei Jahre oder drei Jahre vorauszudenken. Sie treffen viele grundsätzliche Entscheidungen lieber erst dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Mit Unverständnis können Chinesen auch reagieren, wenn deutsche Partner auf schriftlich fixierte Vereinbarungen bestehen, statt sie anzupassen, wenn sich beispielsweise die Weltmarktpreise ändern.

Der chinesische Appetit auf Zukäufe von deutschen Firmen hat in jüngster Zeit tatsächlich deutlich nachgelassen. Das Beratungsunternehmen Ernest & Young zählte für das erste Halbjahr 2019 nur noch elf Zukäufe oder Beteiligungen im Wert von 500 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2016 waren es mehr als 300 Transaktionen. Vor allem die Übernahme des deutschen Roboter-Spezialisten Kuka durch einen Konzern aus der Volksrepublik schürte damals die Angst, die Chinesen würden den deutschen Mittelstand und dessen Know-how komplett aufkaufen. Als Konsequenz verschärfte die Bundesregierung Ende vergangenen Jahres sogar die Außenwirtschaftsverordnung, die ihr jetzt mehr Mitsprache verschafft, wenn deutsches Know-how ins Ausland verkauft werden soll.

Der internationale Markt für Übernahmen und Fusionen litt zuletzt vor allem unter wachsender Unsicherheit, vor allem auch in China, wo sich die Dynamik abschwächte. Die Eskalation im Handelskrieg zwischen Peking und den USA sowie der anstehende Brexit drücken die Stimmung zusätzlich stark und produzieren auch in anderen Teilen der Welt die Sorge vor einem Abschwung. Unter diesen Bedingungen werden mögliche Unternehmenszukäufe lieber auf die lange Bank geschoben. Die internationale Anwaltsgesellschaft Allen & Overy zählte für das erste Quartal 2019 nur noch 390 Transaktionen mit deutscher Beteiligung, 44 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Nur in manche Branchen blieb das Geschäft lebhaft, vor allem dort, wo es einen digitalen Bezug gibt, aber auch in der Chemie und im Life-Science-Sektor. "Der Markt für Automatisierungslösungen boomt ebenfalls, da der E-Commerce-Handel immer stärker auf dem Vormarsch ist und die damit einhergehende und benötigte Infrastruktur um- und aufgebaut werden muss", schreiben die Analysten von A&O. Prinzipiell gehören deutsche Firmen zu den sehr beliebten Übernahmekandidaten. Wer technologisch etwas zu bieten hat, rückt auf dem Weltmarkt automatisch in den Blickpunkt potenzieller Käufer.

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) stellt seit 2013 einen Zuwachs an ausländischem Interesse für deutsche Unternehmen fest. Die Bank untersuchte mehr als 14 000 vollständige und anteilige Übernahmen sowie Fusionen, bei denen deutsche Unternehmen mit bis zu 500 Millionen Euro Umsatz im Jahr das Ziel der Investoren waren. Der durchschnittliche Anteil ausländischer Interessenten betrug zwischen 2005 und 2017 42 Prozent. "Bisher haben die inländischen Käufer dominiert. Seit 2013 haben jedoch die Aktivitäten ausländischer Investoren deutlich zugelegt", resümiert die KfW.

Die meisten ausländischen Zukäufer für deutsche Mittelständler stammen aus Europa: jeder vierte. Aus den USA sind es acht Prozent, aus China zwei. Das Münchner Ifo-Institut fand heraus, dass chinesische Investoren gern zu größeren Firmen greifen, die zudem eine höhere Verschuldungsquote aufweisen und deren durchschnittliche Profitabilität zum Zeitpunkt der Übernahme fast null betrug. Der Vorteil dieser Käufe ist, dass solche Firmen zu vergleichsweise günstigen Preise zu haben sind. Bieterkämpfe, die den Kaufpreis weiter nach oben treiben, sind sehr unwahrscheinlich. Investoren aus anderen Ländern bevorzugen laut Ifo kleinere Unternehmen, die Profit machen und wenig Schulden in ihren Bilanzen verzeichnen.