Thyssen-Krupp:Von Algorithmen und Aufzügen

Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger plant für die Zukunft - und arbeitet nun mit Microsoft zusammen.

Von Varinia Bernau

Seit Wochen laufen die Spekulationen über mögliche Fusionen in der Stahlbranche. Am Donnerstagabend gab es nun die Gelegenheit, den Mann zu befragen, der am besten weiß, ob sich Deutschlands größter Stahlhersteller demnächst mit Arcelor Mittal, Salzgitter oder Tata verbünden könnte: Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger, 55. Doch der will lieber über die Digitalisierung der deutschen Industrie reden. Vielleicht, sagt Hiesinger mit einem Lächeln auf den Lippen, sei dies sogar wichtiger als die Frage, wer sich mit wem zusammentun wird, um der Krise zu trotzen.

So falsch ist das nicht. Wenn die Hütten weltweit heute schon mehr Stahl produzieren als gebraucht wird, wenn "die Nachfrage nur unwesentlich wachsen wird in der Zukunft", wie Hiesinger glaubt, dann ist es für ihn sehr wichtig, sich Gedanken zu machen, wie Thyssen-Krupp anderswo Geld verdienen kann.

Lange wurde verhandelt, jetzt arbeiten die Essener mit Microsoft zusammen

Zum Beispiel mit Aufzügen: In diesem Bereich macht der Essener Traditionskonzern inzwischen fast genauso viel Umsatz wie mit in Europa produziertem Stahl. Allerdings bleibt bei diesem Geschäft wesentlich mehr hängen. Mit Aufzügen verdient man nicht nur Geld, wenn man sie verkauft, sondern auch über die Jahre mit dem Service. Am besten ist dabei, wenn man den Kunden versprechen kann, dass die Dinger selten stillstehen. Zwölf Millionen Aufzüge gibt es weltweit, rechnet Hiesinger vor. Sie transportieren eine Milliarde Menschen täglich, sind in Summe aber auch 190 Millionen Stunden wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb.

Deshalb hat Thyssen-Krupp für seine Aufzüge eine Art Frühwarnsystem gegen den Stillstand entwickelt. Sensoren erfassen stetig allerlei Daten von der Motortemperatur bis zur Kabinengeschwindigkeit. Algorithmen ermittlen daraus die Lebensdauer von wichtigen Komponenten und schlagen Alarm, wenn eine Reparatur ansteht. Nun kennt sich ein Konzern wie Thyssen-Krupp nicht allzu gut aus mit der schnellen Analyse von riesigen Datenmengen und steht damit sinnbildlich für die deutsche Industrie. Es gehe nicht ohne Partner, sagt Hiesinger. Die Essener haben sich bei ihren Aufzügen mit Microsoft zusammengetan.

Allein über die Frage, wer welche Erkenntnisse aus dem Alltag eines Aufzugs nutzen darf, haben beide Unternehmen ein halbes Jahr verhandelt. Länger als über die technischen Details, erzählt Hiesinger. Es galt sicherzustellen, dass Microsoft diese Daten nicht anderen Herstellern anbietet. Auch deshalb werden sie nun verschlüsselt in die digitale Welt geschickt. "Wir müssen sicherstellen, dass uns nicht andere von unseren Kunden abschneiden und zu Auslieferern degradieren", mahnt Hiesinger. Die Frage, wer den Zugang zum Kunden hat, werde in der deutschen Industrie allerdings noch unterschätzt.

Und die Verhandlungen in der Stahlbranche? Ja, er führe Gespräche, sagt Hiesinger. Aber: "Ob, wann und mit wem eine Konsolidierung stattfindet, ist heute noch absolut unklar."

© SZ vom 16.04.2016
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