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Telematik-Tarife:Prämien nach Maß

Telematik-Tarife können sich für junge Fahrer lohnen. Demnächst können aber auch Ältere die Tarife nutzen, die vorsichtiges Fahren belohnen.

Lange galt es als ausgemacht bei Versicherern: Die deutschen Autofahrer wollen sich nicht überwachen lassen. Telematik-Tarife sind nur etwas für kleine Kundengruppen, beispielsweise junge Fahrer, die als Anfänger hohe Aufschläge zahlen.

Doch inzwischen ändert sich das Bild. Immer mehr Versicherer bieten Telematik-Tarife an. Die Allianz hat gerade angekündigt, die Spezialpolice auch Fahrern anzubieten, die 29 Jahre und älter sind.

Bei Telematik-Tarifen bekommen Fahrer einen Rabatt für eine besonders umsichtige Fahrweise. Dabei messen entweder eine App auf dem Smartphone, ein Stecker oder eine Telematikbox das Fahrverhalten und vergeben Punkte. Kunden können, je nach Gesellschaft, zwischen 15 und 30 Prozent sparen. Auch Huk-Coburg, VHV und W&W haben solche Angebote.

Für die Branche hat die Beschäftigung mit Telematik-Tarifen auch eine strategische Seite. Moderne Pkw generieren riesige Mengen Daten - und die Frage ist, wem diese Daten gehören. Die Autohersteller nutzen sie für alle möglichen Zwecke, von Wartungshinweisen bis zur Analyse des Fahrverhaltens, und gehen wie selbstverständlich davon aus, dass die Daten ihnen gehören. Die Versicherer hätten auch gerne Zugriff - und versuchen, mit dem Argument des Datenschutzes die Kunden auf ihre Seite zu ziehen. Gleichzeitig üben sie mit Telematik-Tarifen selbst, wie so große Datenmassen auszuwerten sind. Der Streit zwischen Versicherern und Herstellern wird 2018 eskalieren, wenn Neufahrzeuge das automatische EU-weite Notrufsystem "eCall" an Bord haben müssen.

Heute nutzen Telematik-Tarife vor allem Fahranfängern. Sie gelten als besonders unfallgefährdet, weil sie wenig Erfahrung haben und manchmal auch forscher fahren. Deshalb zahlen sie mehr - und können durch Telematik am meisten sparen. Aber mit ihrem Schritt, die Tarife auch für andere Fahrer zu öffnen, reagiert die Allianz auf wachsendes allgemeines Interesse an den Policen. Die Huk-Coburg hat ebenfalls angekündigt, ihren Tarif zu öffnen.

Manche Erwartung von Fahrern wird dabei enttäuscht. Das Online-Portal Finanztip warnt, dass es selbst für Fahranfänger schwierig ist, die vollen Rabatte zu bekommen. "Die Angaben der Anbieter sind Spitzenwerte, die in der Realität fast nie erreicht werden, da oft auch unbeeinflussbare Faktoren in die Bewertung der Fahrweise eingehen", erklärt Arne Düsterhöft, Telematik-Experte bei dem Portal. Dazu gehören Wetterlage und Tageszeit.

Beim Abschluss einer Police sollten nicht nur Preise oder Rabatte eine Rolle spielen, warnt Bianca Boss vom Bund der Versicherten (BdV). "Wie bei allen Verträgen sollte man aufmerksam das Kleingedruckte in den eingeholten Angeboten lesen, denn darauf, und nicht auf den zu zahlenden Beitrag, kommt es wirklich an." Die Versicherungssumme sollte mindestens 100 Millionen Euro betragen, empfiehlt der BdV. "In der Wildschadenklausel sollten Kollisionen mit Tieren aller Art eingeschlossen sein", sagt Boss. Sonst sind Unfälle mit Kühen und Hunden nicht versichert.

Eine Alternative zu Telematik-Angeboten können sogenannte "Pay-as-you-drive"-Tarife sein. Dabei wird die Prämie anhand der gefahrenen Kilometer berechnet. In Deutschland verkauft der Kfz-Versicherer Friday, eine Tochter der Baloise, solche Policen. Die Tarife beginnen bei einem Cent pro Kilometer. Seit Oktober kooperiert Friday mit dem Start-up Tank Taler und bringt so eine Telematik-Komponente in die Police ein. Kunden erhalten für sicheres Fahren Gutscheine von Tank Taler für Tankstellen oder Amazon. Auch die Konkurrenten HDI und Bayerische kooperieren mit Tank Taler.

© SZ vom 02.11.2017
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