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SZ-Serie zur Globalisierung:Kampfblatt ohne Bilder

Frankreichs Globalisierungsskeptiker haben ihr eigenes Zentralorgan: Die Zeitung "Le monde diplomatique".

Unsere Nachbarin Valérie, geschiedene allein erziehende Mutter eines Kindes, 44 Jahre alt, gehört zu jenen Nachdenklichen, die mit dem Zustand des Landes nicht zufrieden sind und mit dem der Welt schon gar nicht.

Valérie wählt grün, gelegentlich trotzkistisch, niemals die Sozialisten. Manchmal demonstriert sie. Sie ist parteilos, aber seit es Attac gibt, das Sammelbecken der linken Globalisierungsgegner, ist sie Mitglied.

Sie hat aufgegeben, die Libération zu lesen, liest auch nicht Le Monde, überhaupt keine Tageszeitung.

Sie verzichtet aufs Fernsehen, hört Nachrichten im Radio. Aber Le Monde diplomatique, "diplo", wie die Stammleser sagen, hat sie schon seit Jahren abonniert. Da findet sie, was sie zur Information braucht, wenn auch nicht von heute auf morgen, aber in die Tiefe gehend. Die Lehrerin Valérie ist die typische diplo-Leserin. Andererseits ist das Leser-Spektrum bei 170000 verkauften Exemplaren breit genug, um auch Besserverdienende als Valérie einzuschließen.

Der typische Leser ist Attac-Mitglied

Dass der typische diplo-Leser auch Attac-Mitglied ist, liegt nahe. Die Monatszeitung, die selbst zu den entschiedensten Globalisierungs-Kritikern gehört, hat ihren Einfluss seit der Attac-Gründung noch verstärkt. Dabei ist es ein Blatt, dessen Erscheinungsbild jeder publizistischen Mode zuwider läuft.

Das Schwesterblatt einer der besten Zeitungen der Welt wurde 1954 von Le Monde-Herausgeber Hubert Beuve-Méry für "diplomatische Kreise und internationale Organisationen" gegründet; der erste Leitartikel war mit dem Titel "Alte und neue Diplomatie" überschrieben.

Damals, mit dem Verlust von Dien Bien Phu fiel gerade das französische Kolonialreich zusammen, und die von dem neuen Blatt angepeilten Leser brauchten Orientierungen. Die Zielgruppe war genau das, was man sich bei einem solchen Titel vorstellt, das Blatt war lange eine Art Sprachrohr des Quai d'Orsay.

Das Publikum hat sich gewandelt

Über die Jahre hat sich mit dem Publikum auch der Inhalt des Blattes geändert. Le Monde diplomatique ist mehr denn je eine Herausforderung an den Leser. Wo ein Bild steht, braucht man keinen Text, lautet eine alte Redakteurs-Weisheit.

Bei diplo ist es umgekehrt. Wohl hat das Blatt ein paar Bilder, doch die sind eher symbolischer Art. Dafür sind die Texte umso länger, 400 - auch mal 500 - Zeilen für einen theoretisch nachdenklichen Aufsatz sind keine Ausnahme. Le Monde diplomatique informiert ohne Mätzchen.

"Sich zu informieren ist eine Tätigkeit, welcher der Citoyen mit Fug und Recht einen Teil seiner Zeit und Aufmerksamkeit zuwenden sollte", sagt Ignacio Ramonet, der Chefredakteur, der zudem an der Neuen Sorbonne Kommunikationswissenschaften lehrt.

"Entwaffnung der Finanzmärkte als Bürgerpflicht"

Mit einem Leitartikel im Dezember 1997 hatte Ramonet indes mehr erreicht, als andere Chefredakteure in einer Karriere. Allenfalls während der 68er-Bewegung waren Professoren so einflussreich gewesen.

"Will man verhindern, dass die Welt sich im 21. Jahrhundert in einen Dschungel verwandelt, in dem die Räuber den Ton angeben", hatte Ramonet geschrieben, "wird die Entwaffnung der Finanzmächte zur ersten Bürgerpflicht."

Er rief dazu auf, eine "Action pour un taxe Tobin d'aide aux citoyens" zu gründen, kurz Attac genannt. Attac fordert die Einführung einer geringen Steuer auf internationale Devisengeschäfte, so wie es der Wirtschafts-Nobelpreisträger James Tobin schon zu Beginn der Siebziger Jahre vorgeschlagen hatte. Damals belief sich die tägliche Währungsspekulation auf rund 80 Millionen Dollar, heute, so schätzt Attac, wird mit täglich 1,5 Milliarden Dollar spekuliert.

"Füchse des Kalten Krieges"

Die französische Linke fand in Attac eine neue Heimat, sogar 120 Abgeordnete der Nationalversammlung sind inzwischen Attac-Mitglieder. In Frankreich ist die Bewegung die intellektuelle Speerspitze der Globalisierungs-Skeptiker, und Le Monde diplomatique ist das Theorie-Organ.

Für Attac war das Blatt Schöpfer und Geburtshelfer. Eine der gemeinsamen Botschaften läuft darauf hinaus, dass die Amerikaner die Herren der Welt sind, weil sie die Kommunikation beherrschen; nicht mehr wie einst bei Marx ist die Religion das Opium fürs Volk, diese Rolle spielen heute die neuen Medien.

Vom "impérialisme communicationel" der USA werden auch die Bürger in den Industrieländern für dumm verkauft. Wir müssen uns wehren, lautet die Aufforderung, gegen eine wahrhaftige Unterdrückung durch diesen Imperialismus. Der Bürger ist einer ständigen "authentique oppression" ausgesetzt.

Nach dem 11. September sieht diplo die "alten Füchse des Kalten Kriegs" am Werk, wie Ramonet in einem Leitartikel schrieb. Sie umgäben George W. Bush und seien nun froh darüber, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder einen Gegner zu haben.

Gleichzeitig drohe sich alles zu wiederholen, einschließlich einer neuen Form der Menschenjagd à la McCarthy, "bei der diesmal die Globalisierungsgegner die Zielscheibe abgeben". Aber noch gibt es Le Monde diplomatique - die Bastion im Kampf gegen die Meinungsvorherrschaft.