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Supermärkte:Digitale Wühlkiste

View of a warehouse of the Dutch supermarket chain Albert Heijn in Eindhoven

Supermarkt von Albert Heijn in Eindhoven: Der niederländische Einzelhändler setzt versuchsweise auf künstliche Intelligenz. Preise für Lachssteaks werden automatisch gesenkt, wenn sie nicht mehr lange haltbar sind.

(Foto: Eva Plevier/Reuters)

Rückt das Mindest­haltbar­keits­datum näher, sinken die Preise. Mit diesem Modell versuchen Händler ihren Umsatz anzukurbeln und weniger Lebensmittel zu verschwenden. Aber gibt es deshalb mehr Schnäppchen?

Die Wühlkiste im Supermarkt weckt den Jagdtrieb vieler Menschen. Darin liegen laktosefreier Emmentaler, abgepackte Hotdogs und Joghurts in Spezialsorten, die das Schicksal eint, bald ihr Mindesthaltbarkeitsdatum zu erreichen. Allesamt versehen mit bunten Sonderpreisschildern, schreien sie den Kunden förmlich entgegen: Uns gibt's billiger! Und die Kunden, weil sie Menschen sind und Menschen nun mal Schnäppchen lieben, greifen zum Aprikose-Sanddorn-Joghurt, den sie sonst nie ausprobiert hätten. Kostet ja nur 28 Cent statt regulär 55 Cent.

Eine niederländische Supermarktkette will das Prinzip Wühlkiste perfektionieren. Seit einer Woche testet Albert Heijn, in Größe und Konzept vieler Läden etwa vergleichbar mit der deutschen Einzelhandelskette Real, in einer Filiale im Küstenort Zandvoort das Prinzip der "dynamischen Preissenkung". Ein Algorithmus senkt die Preise von Produkten automatisch, sobald sie sich dem Mindesthaltbarkeitsdatum nähern.

Zunächst probiert Albert Heijn die dynamischen Preise mit Hühnchen und Fisch aus. Auf einem elektronischen Schild sind jetzt zwei Preise angegeben: Einer markiert den regulären Preis für das Produkt, der andere den Sondertarif für die Hühnerbrustfilets oder Lachssteaks, die in näherer Zukunft ablaufen. Auch andere Faktoren wie Wetterlage oder Lagerbestand berücksichtigt er. Regnet es, wird das Grillgut tendenziell billiger.

Grillwürste könnten künftig kurzfristig teurer werden, wenn die Temperaturen steigen

Hinter der Idee steckt das israelische Start-up Wasteless, das nicht nur die Niederländer beraten hat, sondern auch schon in spanischen und italienischen Supermärkten das doppelte Preisschild etablierte. "Wir möchten die Lebensmittelverschwendung bekämpfen und die Umsätze der Händler erhöhen", sagt David Kat, der für Wasteless neue Märkte erschließt. Essen wegzuwerfen sei nicht nur ein ethisches Problem, sondern auch eine teure Angelegenheit für Supermärkte. "Die Händler haben die Produkte erworben, aber nehmen nichts ein, wenn sie die Lebensmittel nicht weiterverkaufen können", sagt Kat. Im Gegenteil: Weil die Waren entsorgt werden müssen, entstünden weitere Kosten.

Also hat eine künstliche Intelligenz basierend auf historischen Daten und dabei erkennbaren Mustern eine Logik entwickelt, die Preise zum möglichst günstigen Zeitpunkt verringert. Ideal ist der Zeitpunkt aus Sicht der Händler, wenn ihre Marge nicht zu sehr sinkt, aber gleichzeitig die Chance steigt, dass bald ablaufende Produkte noch verkauft werden.

In der Wühlkiste landen Produkte meist erst unmittelbar vor ihrem Ablaufdatum, dafür jedoch mit hohem Rabatt. In der Folge sinkt die Gewinnspanne. Nach dem Prinzip von Wasteless sinkt der Preis nur, wenn der Algorithmus dies für notwendig erachtet - "tendenziell schon früher als bisher, aber dafür nicht so stark", sagt Kat.

Auch für die Kunden ergebe sich daraus ein Vorteil: Anders als bei Produkten aus der Wühlbox stünden die Verbraucher nicht so stark unter Zeitdruck, die reduzierten Lebensmittel noch am gleichen Tag verzehren zu müssen. Wasteless will sein Geschäftsmodell als Anreiz für Kunden verstanden wissen, nachhaltiger einzukaufen.

Das Prinzip der dynamischen Preise ist nicht neu, bislang allerdings weniger unter Nachhaltigkeitsaspekten aufgefallen. Es soll vor allem den Gewinn maximieren, indem sich der Preis optimal an Angebot und Nachfrage anpasst. An der Tankstelle können Verbraucher das beobachten, wenn zum Wochenende hin die Spritpreise steigen. Im Onlinehandel kostet der Einkauf oft zu späterer Stunde weniger Geld. Die Entwicklung dahinter sei nicht aufzuhalten, glaubt Martin Fassnacht, Professor für Marketing und Handel an der Wirtschaftshochschule WHU. "Unser Leben wird dynamischer und unsere Preise werden es auch."

Davon ist nicht jeder begeistert. Umfragen zeigen, dass Verbraucher schwankende Preise nur dann für vertretbar halten, wenn sie sich nicht täglich oder gar stündlich verändern. Verbraucherschützer befürchten, dass die Menschen das Gefühl für den Wert von Waren verlieren, wenn der Preis nie stagniert.

Marketingexperte Fassnacht findet: Gerade weil viele Menschen dynamische Preise kritisch sehen, ist es klug, sie zunächst ausschließlich zu senken und über die Nachhaltigkeit zu vermarkten. "Mit diesem Thema lassen sich zurzeit nicht nur Wahlen, sondern auch Kunden gewinnen", sagt Fassnacht. Allerdings glaubt er nicht, dass die Preise für Lebensmittel künftig nur zum Vorteil der Kunden ausgelegt werden. So könnten die Grillwürste künftig auch kurzfristig teurer werden, wenn die Temperaturen ansteigen.

David Kat vom Start-up Wasteless winkt ab. Zwar könnten sich die Preise auch während des Tages mehrmals ändern, also theoretisch auch, wenn die Ware schon im Korb liegt, aber noch nicht bezahlt ist. Allerdings nur in eine Richtung - nach unten. Kat glaubt auch nicht, dass die Händler ihre Startpreise nach oben setzen werden, um trotz der Rabatte höhere Gewinne herauszuschlagen. "Das wäre in einem umkämpften Markt nicht gut für die eigene Wettbewerbsfähigkeit." Indem sie weniger Lebensmittel wegwerfen, verdienten die Händler ohnehin schon mehr Geld, sagt Kat. Ein Supermarkt in Italien, der mit dem doppelten Preisschild arbeitet, nehme seither 25 Prozent mehr ein.

Und was, wenn die Supermärkte sich durch die dynamische Preissenkung noch ehrgeizigere Schnäppchenjäger heranzüchten, die stets abwarten, bis es das Produkt billiger gibt? "Das Timing des Algorithmus lässt sich nicht vorhersagen", sagt Kat. Es könne auch Tage geben, an denen gar kein Preis sinkt.

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) beäugt die Idee eher vorsichtig. "Die Preisgestaltung ist ein sehr empfindlicher Bestandteil des Marketings", heißt es beim BVLH. Wer dynamisch Preise senke, handele sich schnell den Vorwurf ein, Kunden zu täuschen. Fraglich ist, ob diese Kritik auch gilt, wenn die Preise sinken. Nach eigener Aussage spricht Kat schon mit deutschen Supermärkten. Bis die smarten Preise kommen, können sich die Kunden noch an der Wühlkiste austoben, wo die wirklichen Schnäppchen versteckt sind, wie der supergünstige Aprikose-Sanddorn-Joghurt.

© SZ vom 31.05.2019
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