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Suizid in Unternehmen:"Ein Arbeitsplatz ist immer auch ein Beziehungsplatz"

Bei Renault in Frankreich herrscht nach dem Selbstmord dreier Mitarbeiter Betroffenheit. Im Interview erklärt der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention die Rolle von Sanierungsprogrammen bei Risikogruppen.

Nach dem Selbstmord dreier Renault-Mitarbeiter in einem kurzen Zeitraum sind die Arbeitsbedingungen im Technik-Zentrum des Autobauers ins Visier der Behörde von Versailles geraten.

Wie die Gewerkschaft erklärte, hätten die Männer unter erhöhtem Druck am Arbeitsplatz gelitten, seit das Sanierungsprogramm umgesetzt wird, welches Renault aus einer schweren Krise führen soll.

In einem Abschiedsbrief eines Arbeiters begründete dieser seine Entscheidung mit Schwierigkeiten im Beruf, ein zweites Suizid-Opfer sprang aus dem fünften Stock eines Renault-Werkes, der dritte ertränkte sich in einem See nahe der Anlage.

In Deutschland begehen jährlich mehr als 10.000 Menschen Selbstmord. sueddeutsche.de befragte Georg Fiedler, den Sprecher und stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention über mögliche Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Suizid:

sueddeutsche.de: Herr Fiedler, nach der Selbstmordserie bei Renault drängt sich die Frage auf, welche Rolle die Arbeitsbedingungen beim Suizid spielen.

Fiedler: Grundsätzlich denken wir, dass sehr viel vom Betriebsklima im Unternehmen abhängt. Allerdings ist ein Suizid immer der Endpunkt eines Bündels an Ereignissen. Man kann daher nicht den Schluss ziehen, dass bestimmte Arbeitsbedingungen zum Suizid führen.

sueddeutsche.de: Aber der Umstand von drei Suiziden in einem Werk lässt schon Fragen über die Arbeitsbedingungen zu...

Fiedler: Ein Suizid im näheren Umfeld kann bei Risikopersonen einen Suizid auslösen. Wir haben das in Kliniken beobachtet, aber wir müssen auch feststellen, dass der Suizid von Stars beispielsweise Folgesuizide auslösen kann.

sueddeutsche.de: Welche Auswirkungen können große Sanierungsprogramme bei Konzernen haben?

Fiedler: Ein Arbeitsplatz ist immer auch ein Beziehungsplatz. Wird dieser durch ein Sanierungsprogramm gefährdet, kann das eine Kränkung sein, mit der man nicht fertig wird. Arbeitslosigkeit wird von vielen Menschen als Gefahr aufgefasst - sie erachten diese als kaum zu tragende Schande gegenüber ihnen nahe stehende Personen.

Wir haben festgestellt, dass in bestimmten Risikogruppen eine Häufung von Suizid gegeben ist. Zu diesen Risikogruppen zählen Süchtige, Menschen mit gewissen biographische Problemen oder depressiven Erkrankungen.

Leider ist es so, dass diese Risikogruppen bei Sanierungsprogrammen oft als erstes auf der Liste stehen, so dass bei Arbeitslosen insgesamt eine höhere Suizidrate besteht.

sueddeutsche.de: Gibt es Untersuchungen, ob die Beschäftigten von Großkonzernen öfter Suizid verüben als jene in kleinen Unternehmen?

Fiedler: Also mir sind keine derartigen Statistiken bekannt. Allerdings kann man sagen, dass bestimmte Berufsgruppen höhere Suizid-Raten aufweisen.

sueddeutsche.de: Welche sind das?

Fiedler: Grundsätzlich alle waffentragenden Berufe, also Polizei, Militär etc., da sie einen unmittelbaren Zugang zur Suizid-Methode haben. Aber auch bestimmte Arztgruppen weisen ein erhöhtes Risiko auf.

Gefährdet sind auch solche Menschen, die vor allem auf äußere Bestätigung aus sind. Sie sind oft in der Werbung zu finden. Meist stehen sie permanent unter Stress und kämpfen mit erheblichen Problemen, wenn der Strom abgestellt wird, beispielsweise weil die Firma zusperrt.

sueddeutsche.de: Sind Ihnen in Deutschland ähnliche Ereignisse wie bei Renault bekannt?

Fiedler: Nein, da ist mir nichts bekannt. Firmen und Gewerkschaften sind ja zumindest um ein gewisses Maß an sozialer Integration bemüht - auch wegen der negativen PR, die solche Suizidserien mit sich bringen.

sueddeutsche.de: Herr Fiedler, wir danken für das Interview.