Strafsteuer:Süßes teurer

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Katalonien besteuert Erfrischungsgetränke, die viel Zucker enthalten. Süßwaren sollen bald folgen. Denn die Bürger werden immer dicker. Die anderen Regionen in Spanien wollen dem Vorbild allerdings nicht folgen.

Von Thomas Urban

Wieder einmal gehen die Katalanen voran, verkündet man in Barcelona stolz. Nicht nur in Spanien, sondern in ganz Europa. Zum 1. Mai wurde in der Industrie- und Touristikregion mit ihren eigensinnigen Politikern eine Zuckersteuer auf Erfrischungsgetränke eingeführt. Süßwaren aller Art sollen bald folgen. Denn das Volk ist zu dick. Die Regionalregierung in Barcelona verhehlt nicht ihren Stolz darauf, dass sie dem Lobbydruck internationaler Getränkekonzerne standhält.

Über den Befund herrscht weitgehend Einigkeit: Zu viele Spanier sind übergewichtig, nämlich etwa jeder zweite, Frauen wie Männer. Ein Viertel der Bevölkerung ist fettleibig. Politiker und Presse beunruhigt vor allem, dass besonders unter Kindern und Jugendlichen die Zahl der Dicken in den vergangenen beiden Jahrzehnten stark zunahm. Manche Statistiken weisen die Spanier als das dickste Volk Europas aus, andere sehen sie auf dem kaum erfreulicheren zweiten Platz - nach den Deutschen.

Nun gibt es in Katalonien für die süßen Dickmacher in flüssiger Form einen Aufschlag von sieben Prozent - ein viel zu kleiner Schritt, klagen Gesundheitspolitiker. Denn die Dose Cola kostet nun im Durchschnitt 62 Cent, bislang waren es 58, ein Unterschied, den die meisten Konsumenten kaum spüren. Auch sind es ja nicht nur Brausen, Limonaden und Säfte, die nach einer Untersuchung der Gesellschaft Foodwatch pro Liter bis zu zwei Dutzend Stück Würfelzucker enthalten, sondern auch Schokolade und andere industriell hergestellte Süßigkeiten, bei deren Konsum die Spanier ebenfalls zur europäischen Spitze gehören.

Doch die Mahnungen verhallen nahezu ungehört. Denn täglich bombardieren zahllose Werbeclips die spanischen Fernsehzuschauer, in denen Schokolade, süße Joghurts, Milchshakes, Obstsäfte und Cola mit Fitness in Verbindung gebracht werden. Manche Politiker fordern hier Warnungen mit abschreckenden Bildern und Sprüchen, wie sie für Zigaretten durchgesetzt wurden, doch eine Mehrheit gibt es bisher dafür nicht.

Experten der Universität von Navarra haben noch einen anderen, bislang unterschätzten Übeltäter ausgemacht: das Weißbrot, das reichlich zu allen Mahlzeiten gegessen wird. Dies besteht überwiegend aus Stärke und die wird im menschlichen Körper zu Zucker umgewandelt, mit den bekannten Folgen.

Die Katalanen stehen bisher fast allein im Kampf gegen die Volkskrankheiten Fettleibigkeit und Diabetes, gegen Herzinfarkt und Karies. Lediglich die Kanarischen Inseln kündigen an, dem Beispiel zu folgen. So hofft man nun in Barcelona, dass die EU Druck auf die Regierung in Madrid ausübt, eine landesweite Steuer auf Süßwaren aller Art einzuführen. Die EU-Kommission sprach nämlich kürzlich eine entsprechende Empfehlung aus. Doch nur Franzosen, Dänen, Finnen und Ungarn machen mit - nicht aber die Deutschen. Die Madrider Presse vermeldet staunend, dass die Bundesrepublik, in den Augen der Spanier das Land der Gesundheitsapostel, die Sondersteuer auf Zucker vor 24 Jahren abgeschafft hat.

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