Stellenabbau bei DaimlerChrysler höher als erwartet:Mercedes baut 8500 Stellen ab

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Ursprünglich wollte der Autokonzern 5000 Arbeitsplätze abbauen. Die Streichungen werden für den Konzern teuer: Wegen eines Beschäftigungspakts darf die Konzernspitze keine betriebsbedingten Kündigungen aussprechen. Mercedes rechnet dafür mit Kosten von 950 Millionen Euro.

Dagmar Deckstein

Wie DaimlerChrysler am Mittwochabend mitteilte, sollen die Mitarbeiter innerhalb der nächsten zwölf Monate durch freiwillige Vereinbarungen aus dem Unternehmen ausscheiden. Diese "Personalanpassung" sei notwendig, damit "die Produktion am Standort Deutschland nachhaltig abgesichert werden kann", verteidigte die Konzernleitung den massiven Stellenabbau.

Mercedes-Werk Sindelfingen

Rote Ampel vor dem Mercedes-Werk in Sindelfingen.

(Foto: Foto: dpa)

Für den heutigen Donnerstag wurde in Sindelfingen eine Betriebsversammlung anberaumt, wo Mercedes-Chef Dieter Zetsche und Gesamtbetriebsratsvorsitzender Erich Klemm die Belegschaft über Einzelheiten des Personalabbaus informieren wollen.

Nach dem Beschäftigungssicherungspakt vom Juli 2004 verzichtet der Autokonzern auf betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2011. Dafür spart die Belegschaft mit flexiblen Arbeitszeiten, Pausenkürzungen und weiterem finanziellem Entgegenkommen 500 Millionen Euro pro Jahr ein.

Ausscheiden mit Abfindung

An dieser Vereinbarung halte DaimlerChrysler "ohne Abstriche" fest, teilte der Konzern am Mittwochabend weiter mit. Daher ist der Stellenabbau im wesentlichen nur durch freiwilliges Ausscheiden von Mitarbeitern möglich.

Diesen Kostenaufwand in Höhe von fast einer Milliarde Euro will DaimlerChrysler durch außerordentliche Erträge - etwa durch den Verkauf der Tochter MTU Friedrichshafen - sowie durch Ergebnisverbesserungen im operativen Geschäft kompensieren. Der größere Anteil der Belastungen soll noch im vierten Quartal 2005 in der Bilanz verbucht werden.

In diesem Jahr hat der Autokonzern bereits 1,1 Milliarden Euro an Restrukturierungskosten für die angeschlagene Kleinwagenmarke Smart veranschlagt. Ohne Berücksichtigung der Kosten für Smart geht DaimlerChrysler für das Geschäftsjahr 2005 weiterhin von einem "leichten Anstieg" des operativen Gewinns aus, der 2004 bei 5,8 Milliarden Euro gelegen hatte.

Wie Betriebsrat Erich Klemm mitteilte, werde neben dem freiwilligen Ausscheiden auch an Angebote zur Frühpensionierung sowie an Teilzeit- und Sabbatical-Lösungen gedacht. Außerdem soll interessierten Beschäftigten ermöglicht werden, im Rahmen eines so genannten "Placements" auf eine neue Stelle außerhalb des Unternehmens vermittelt zu werden; Existenzgründungen sollen ebenfalls unterstützt werden.

In einer Reihe mit Opel und VW

Mit dem Stellenabbau zur Kostensenkung steht Mercedes in einer Reihe mit Opel und VW. Auch bei diesen Autoherstellern sind in diesem Jahr schon Tausende von Stellen gestrichen worden, oder die Mitarbeiter hatten sich zur Sicherung ihrer Jobs auf weitreichende Lohnzugeständnisse eingelassen. Mercedes beschäftigt in Deutschland 94 000 Mitarbeiter, davon allein 62 800 an den Hauptstandorten Sindelfingen und Untertürkheim, wo die größten Personalüberhänge bestehen.

Klemm kritisierte allerdings, dass diese auf Annahmen künftiger Rationalisierungsfortschritte beruhten. "Es ist also beabsichtigt, zuerst Personal abzubauen und dann erst im Nachgang die Maßnahmen zu suchen, die diesen Abbau rechtfertigen", so Klemm.

Wegen der schleppenden Autonachfrage und Qualitätsmängeln, die zu einer Reihe von Rückrufaktionen führten, war der Mercedes-Absatz seit Ende 2004 eingebrochen. Im vergangenen Jahr waren 1,2 Millionen Autos der Marke Mercedes verkauft worden, im ersten Halbjahr 2005 fanden nur noch 520 000 Mercedes-Autos einen Käufer.

Schon der Vorgänger des heutigen Mercedes-Chefs, Eckhard Cordes, hatte Anfang des Jahres ein Sparprogramm aufgelegt, durch das die Kosten bis 2007 um drei bis vier Milliarden Euro gesenkt werden sollten. Noch auf der Frankfurter Automobilausstellung Mitte September hatte Zetsche bekräftigt, das Sparprogramm fortsetzen zu wollen. Um einen Personalabbau zu vermeiden, müsste Mercedes den Autoabsatz erheblich steigern.

Dass bei Mercedes mehr als 5000 Stellen gefährdet sein könnten, behauptet eine Analyse der Unternehmensberatung McKinsey vom Juni 2004. Darin kamen die von DaimlerChrysler beauftragten Berater zu dem Ergebnis, dass die Mercedes-Car-Group (Mercedes, Maybach, Smart) über eine "Produktivitätsreserve" von ungefähr zehn Prozent verfüge. Dies entspräche ungefähr den 8500 Stellen, die wegfallen sollen.

Die Berichte über solche Dimensionen des Personalabbaus beflügelten die Börse. Am Mittwoch stieg der Kurs der DaimlerChrysler-Aktie bis Handelsschluss um 3,92 Prozent auf 45,65 Euro. "Es ist zwar zynisch, aber das treibt die Aktie an", sagte ein Händler.

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