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Stählerne Kühe:Milch aus dem Automaten

Milchautomat in Markt Indersdorf, 2015

Kommt an: Ein Milchautomat auf einem Bauernhof bei Dachau.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Mehr und mehr landwirtschaftliche Betriebe setzen auf den Direktvertrieb mittels Maschinen. Bei den Kunden kommt das gut an. Und es bringt mehr Geld in die Kasse.

Von Julia Klaus

Sie heißen stählerne Kühe, sie geben Milch, doch damit hören die Gemeinsamkeiten mit dem lebenden Vieh schon auf: Es geht um Automaten, an denen Kunden Milch direkt vom Bauernhof zapfen können. Viele dieser Maschinen stehen in der Nähe der Höfe auf dem Land, doch inzwischen werden auch immer mehr vor Supermärkten in Städten aufgestellt. Das freut die Hersteller, für die Landwirte aber geht es oft um die Existenz.

Christian Hartmann führt seinen Hof im Allgäu in der vierten Generation. "Es ist ein Familienbetrieb und soll auch einer bleiben", sagt der 42-Jährige. 63 Kühe stehen in seinem Stall, und nicht erst seit der Milchpreis so dramatisch eingebrochen ist, hat er sich Gedanken über alternative Vertriebswege gemacht. Das ist nicht so einfach, weil sein Hof etwas abseits liegt. Hartmann hat deshalb vier Milchtankstellen gekauft, die er vor nahe gelegenen Supermärkten aufstellte - die erste im November 2016, jetzt, im Mai, soll die vierte folgen. Täglich befüllt er sie mit Milch, die er vorher auf seinem Hof pasteurisiert, also erhitzt, hat. Das ist nötig, der Verkauf von unbehandelter Rohmilch ist nur direkt auf dem Hof erlaubt.

Ein Liter an Hartmanns Automaten kostet einen Euro, davon zahlt er drei bis fünf Cent an den Supermarkt als Standgebühr. Es sei ein einträgliches Geschäft, er verkaufe im Schnitt 350 Liter pro Tag, sagt er. Bei Molkereien dagegen bekommt er zwei Drittel weniger für sein Produkt. Die Investitionen von rund 300 000 Euro in Technik, Transport und Umbau hätten sich gelohnt.

Die vier Geräte liefert ihm Milch Concept aus Oberbayern. Die Firma hat sich auf den Vertrieb von Automaten für die Stadt spezialisiert. Die Nachfrage ist laut Geschäftsführer Markus Fograscher groß: "Wir sind seit November 2016 maximal ausgelastet." Vorangegangen waren dem allerdings vier harte Jahre, in denen Fograscher kaum Automaten verkaufte. Mittlerweile stehen seine Tankstellen an 60 Standorten in Deutschland, vor allem in den Regionen um Leipzig, Berlin, Ulm, Rostock und im Harz. Bis Ende des Jahres sollen 140 Standorte in Deutschland dazukommen. Ähnliches berichtet die Konkurrenz: Auch beim Hersteller Risto Vending boomt seit einem dreiviertel Jahr das Geschäft mit den Geräten für die Stadt. Etwa die Hälfte der verkauften Automaten werde vor oder in Supermärkten aufgestellt, teilt der Vertreiber mit. Davor sei die Nachfrage nahezu nicht vorhanden gewesen.

Der Boom lässt sich vor allem mit dem Ende der Milchquote im April 2015 erklären. Seitdem können Erzeuger in der EU so viel produzieren, wie sie wollen. Die Preise brachen daraufhin ein, erst seit kurzem steigen sie wieder leicht. Viele Betriebe aber überlebten die Einschnitte nicht: 2014 zählte das Statistische Bundesamt noch knapp 76 500 Milch-Höfe, 2016 waren es fast 7300 weniger. Auch Landwirt Christian Hartmann macht sich Sorgen: "Ich arbeite gern viel, aber ich will davon leben können", sagt er.

Immerhin zeigen auch die Supermärkte zunehmend Interesse an den Automaten. Sie versprechen sich davon neue Kunden, denn das Konzept passt zum aktuellen Trend in der Lebensmittelbranche: weg vom anonymen Fabrikat, hin zum regionalen Produkt, das auch etwas mehr kosten darf. "Ich würde auch mehr als einen Euro bezahlen", bestätigt ein Kunde, als er einen Liter an einem Automaten in München abzapft. Im Einzelhandel wurden die ersten Milchautomaten schon in den 70er- und 80er-Jahren aufgestellt, auch um Verpackung zu sparen. Doch der große Erfolg blieb in Deutschland - immerhin der größte Milchproduzent der EU - bislang aus. In Osteuropa und Italien dagegen hätten sich die Automaten durchgesetzt, weiß Fograscher von Milch Concept.

Milchtankstellen kosten zwischen 2000 und 20 000 Euro, der Preis variiert je nach Ausstattung. Damit sich der Betrieb für die Landwirte lohnt, sollten zwischen 60 und 80 Liter pro Tag verkauft werden, sagt Fograscher. Bauer Hartmann spricht von 80 bis 100 Litern.

Neben Milch Concept und Risto Vending beliefern Brunimat, Millymat und Elmer den deutschen Markt. Noch ist der Anteil der Milch-Automaten so klein, dass es nicht einmal genaue Zahlen gibt. Der Deutsche Bauernverband schätzt, dass unter einem Prozent der in Deutschland hergestellten Milch über Automaten verkauft wird. Die Milchtankstellen, ob in der Stadt oder auf dem Land, sind für Landwirte also nur ein Zubrot zum Verkauf an die Molkereien - doch kann es wie bei Christian Hartmann ein wichtiges Zubrot sein. Die Milchkrise mit den niedrigen Preisen kann das aber auch nicht lösen.

© SZ vom 08.05.2017
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