Speditionen Nicht voll

Lkw auf der Autobahn: Nicht jeder hat Fracht an Bord.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Viele Laster sind nicht wirklich ausgelastet. Firmen wollen das ändern - mithilfe der künstlichen Intelligenz. Das soll die Speditionsbranche verändern.

Von Louis Gross

Geparkte Container dienen als Lounge-Bereich, eine Reling markiert das Areal eines Frachtschiffunternehmens. Die Welt die sich einmal jährlich im Münchner Osten auftut, ist die der Messe "Transport Logistic". Für Spediteure aus aller Welt die ideale Möglichkeit zu zeigen, wie sich Ware am besten von A nach B bringen lässt. Es ist ein Ort, an dem man über "Transportnetzstrukturen" und "Leerkapazitäten" sprechen kann - und dabei verstanden wird. Großkonzerne wie Dachser oder die Deutsche Bahn locken Besucher mit Bühnenshows und meterhohen Leuchtanzeigen.

Die Vertreter des Hamburger Unternehmens Carrypicker treten bescheidener auf. Sie stehen an einem weißen, in der Größe rund zwei Pizzakartons umfassenden Tisch. Nichtsdestotrotz hat das Logistik Start-up große Pläne: Mithilfe einer künstlichen Intelligenz (KI) wollen sie die Speditionsbranche revolutionieren.

Leerfahrten kosten viel Geld und schaden zudem der Umwelt

Das Problem sei folgendes, sagt Ronald Schinckel, der bei Carrypicker fürs Marketing zuständig ist: "Nur rund 70 Prozent der Laster die täglich über die Straßen fahren sind ausgelastet". Teilladungen optimal auf die Fahrzeuge zu verteilen sei eine komplexe Angelegenheit. Die oft mühselige und manuelle Vermittlung zwischen Auftraggeber und Fuhrunternehmen sorge häufig für kostspielige Leerfahrten. In der Regel könnten in Speditionsbetrieben nur etwa acht bis zehn Lastwagen-Transporte am Tag geplant werden - pro Person.

Der von den Hamburgern entwickelte Algorithmus, soll dies nun in Sekunden schaffen. Dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) war diese Idee eine Förderung von rund 2,4 Millionen Euro wert. "Seit der Gründung haben wir anderthalb Jahre im dunklen Keller verbracht und über 300 Millionen historische Frachtdaten verarbeitet", sagt Schinkel. Mithilfe der KI sollen Teilladungen verschiedener Aufträge nun gebündelt werden, der Computer spuckt dann im Anschluss die beste Route aus - der Preis dafür wird in Echtzeit berechnet. Zu den Stoßzeiten wird es teurer, genau wie bei Flugtickets. Kunden könnten dabei zwischen der schnellsten Lieferung, dem günstigsten Weg oder einem garantierten Lieferzeitpunkt wählen. Ist die Fracht gebündelt, wird die Fahrt per Handy-App Fuhrunternehmen angeboten, die sich dort registriert haben. Über 2000 Unternehmen mit insgesamt mehr als 15 000 Lkws nutzten die App bereits, sagt Schinckel. Carrypicker übernehme zudem die Garantie, dass die Ladung transportiert werde.

In anderen Branchen ist das Konzept nicht neu: Auch Hotels oder Airlines lasten dank dynamischer Preise ihre Zimmer beziehungsweise Sitzplätze möglichst effizient aus. "Was in der Logistikbranche bisher fehlte, war die KI dafür", sagt der Marketingexperte. Damit sparten Kunden Zeit und Kosten und die Umwelt profitiere. Denn weniger Verkehr auf den Straßen bedeute auch weniger CO₂-Belastung.

Schinckel und seine Kollegen tragen rosa Polo-Shirts mit der Aufschrift: "Reden wir ganz offen über Laster". Das Start-up hat sich zum Ziel gesetzt, die Auslastung der Kapazität bei Lkw-Fahrten innerhalb der nächsten zwei Jahre auf 80 Prozent zu erhöhen. Ihren Berechnungen zufolge, würden dadurch die jährlichen Kohlenstoffdioxid-Emissionen des Lkw-Verkehrs um zwölf Prozent reduziert - das entspräche etwa dem jährlichen CO₂-Ausstoß einer Großstadt wie Frankfurt am Main.

"Jetzt brauchen wir Firmen, die bereit sind mit uns das Logistik-Konzept nachhaltig zu verändern. Mit jedem Kunden den wir gewinnen, hält die Digitalisierung ein Stück weit mehr Einzug in die Branche", so Schinckel. Denn klar sei: Je mehr Aufträge eingingen, desto mehr Teilladungen könnten gebündelt werden. Insbesondere von größeren Konzernen, wo das Konzept Nachhaltigkeit zunehmend eine entscheidende Rolle spiele, erhalte man gute Resonanz. Details könne Schinckel jedoch noch keine nennen.