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Soziale Gerechtigkeit in den USA:Ein Land, das so nicht sein sollte

Soziale Ungerechtigkeit in Deutschland? Ihr habt ja keine Ahnung, was Ungleichheit ist, sagt der Amerikaner Paul Krugman. Ein Treffen zwischen dem Princeton-Ökonom und Studenten der FU Berlin.

Sarina Märschel

Es gibt einen Schuldigen. Dass die Schere zwischen Arm und Reich in den USA seit 30 Jahren immer weiter auseinander geht, ist nicht allein das Werk von Globalisierung und unsichtbaren Marktmächten, sagt Paul Krugman. Der Trend zu sozialer Ungleichheit sei vor allem eines: Politisch geschaffen, und zwar von konservativen Kräften. Paul Krugman spricht im Audimax der Freien Universität Berlin.

Paul Krugman bei einer Lesung in New York

(Foto: Foto: Getty Images (Archiv))

Es ist nicht irgendein Ökonom, der da um am frühen Abend ans Rednerpult tritt; Krugman lehrt an der Elite-Universität Princeton und gilt seit Jahren als möglicher Anwärter auf den Wirtschaftsnobelpreis.

"Er ist ein bedeutender Ökonom", sagt Irwin Collier, der mit Krugman zusammen promoviert hat und gerade einen Ruf als Professor am J.F. Kennedy-Institut in Berlin angenommen hat, "das kann man schon allein an den Treffern in Google sehen". "Er ist ein Megaphon", sagt Davud Rostau-Afschar, VWL-Student im 5. Semester und Zuhörer im Audimax. Ein Lautsprecher für linksliberale politischen Ansichten und ein Kämpfer für die Rechte der sozial Benachteiligten in den USA.

Als Kolumnist in der New York Times und als Blogger kritisiert Paul Krugman US-Präsident Bush und die konservative Politik regelmäßig scharf. Mit seinem neuen Buch "The Conscience of a Liberal", das in Deutschland unter dem verkaufssteigernden Titel "Nach Bush. Das Ende der Neokonservativen und die Stunde der Demokraten" erschienen ist, wird er sich im konservativen Lager wohl auch keine Freunde machen. Es ist eine Generalabrechnung mit den Konservativen.

Das Netzwerk hat Erfolg gehabt

Ein konservatives Netzwerk aus marktradikalen Ökonomen, Politikern und Medienschaffenden, das in den vergangen 30 Jahren immer größeren Einfluss gewann, habe nur ein Ziel gehabt: den New Deal zu zerstören. Der New Deal war ein Bündel von Wirtschafts- und Sozialreformen, mit dem der neu gewählte Präsident Franklin D. Roosevelt 1933 auf die Folgen der Weltwirtschaftskrise reagierte.

Zum New Deal gehörte die Einführung eines Sozialversicherungssystems und eines Steuersystems, durch das die Reichen viel abgeben mussten. Der "Konservativen Bewegung", wie Kurgman das Netzwerk nennt, gehe es letztlich darum, die Maßnahmen zurückzuschrauben, die einer kleinen, begüterten Elite wehtun.

Das Netzwerk hat Erfolg gehabt. Es hat erreicht, dass eine ganz konkrete Umverteilung von unten nach oben stattgefunden hat: Niedrigere Steuern für Superreiche, Schwächung der Gewerkschaften, Abbau des Sozialstaates - Krugmann diagnostiziert eine Politik der Ungleichheit.

"Die Wahl wird eine harte Zeit für mich"

"Ich hoffe, das Amerika bereit ist für einen Richtungswechsel", sagt Krugman zu Beginn seiner Buchvorstellung in Berlin, "Amerika ist heute nicht das Land, das es sein sollte". Mit den Ellenbogen stützt er sich aufs Rednerpult, mit einem Fuß wippt er hin und her. Krugmans größtes Ziel: Dass die USA ihren Bürgern in Zukunft medizinische Versorgung garantieren. Krugman will nicht einsehen, dass ein hochentwickeltes Industrieland das nicht schafft.

Fest steht für ihn, dass ein Demokrat an die Macht kommen muss, wenn Amerika diesem Ziel irgendwie näher kommen soll - ob das klappt, ist natürlich noch nicht ganz sicher. "Die Wahl wird deshalb eine harte Zeit für mich", klagt er und grinst dabei, "aber mein Buch ist ein fröhliches Buch, weil ich denke, dass die Bush-Ära vorbei ist."

Er weiß, dass soziale Ungleichheit auch in Deutschland die Gemüter bewegt. Doch für ihn sind die deutschen Probleme im Vergleich zu den USA ein Klacks: "Ich glaube nicht, dass Sie eine Vorstellung davon haben, wie echte Ungleichheit aussieht", sagt er den deutschen Zuhörern.

Feststellen, ob man "liberal" ist

Dann schimpft er über Managerlöhne in Millionenhöhe und unterirdische Löhne für einfach Arbeiter. Dass George Bush trotz der wachsenden Ungleichheit im Jahr 2004 die Präsidentschaftswahl gewonnen hat, erklärt er mit dem Bedürfnis nach Sicherheit: Terrorismus wurde von der Bevölkerung damals als große Bedrohung wahrgenommen, und die Leute hätten es Bush eher zugetraut als Kerry, auf Amerika aufzupassen.

Am Ende des Vortrags, als die Studenten ihre Fragen stellen dürfen, erklärt Krugman ihnen noch, wie sie feststellen können, ob sie "liberal" sind, auf deutsch würde man das mit sozialdemokratisch oder linksliberal übersetzen. "Glaubst du, dass der kategorische Imperativ für die Gesellschaft gilt? Willst du, dass Arme und Arbeitslose so behandelt werden, wie du in dieser Situation behandelt werden wollen würdest?" Krugman selbst hat diesen Test vor langer Zeit gemacht. Er hat die Fragen mit "Ja" beantwortet.

© sueddeutsche.de/ihe/aho
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