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Silicon Valley:Auf dem Daten-Highway

Nach der Jahrtausendwende pilgerten deutsche Journalisten und Top-Manager in Scharen ins Silicon Valley, um sich inspirieren zu lassen. Unser Autor war schon lange vor ihnen dort - hier sein Bericht aus dem Jahr 1994.

Silicon Valley - der Name dieses 50 mal 15 Kilometer großen Landstriches südlich von San Francisco stand jahrelang als Synonym für Erfindergeist, Unternehmermut und Wachstum. Doch auch hier zog die Rezession tiefe Spuren. 50 000 Arbeitsplätze gingen entlang der Route 280 an der San Francisco Bay in den vergangenen drei Jahren verloren, davon die Hälfte in der Herstellung von High-Tech-Produkten. Selbst dies aber konnte den Kaliforniern ihren unerschütterlichen Glauben an die Allmacht des Computers nicht rauben. Nun lassen sie Silicon Valley zum Smart Valley mutieren, der ersten "elektronischen Landschaft" in den Vereinigten Staaten.

Aus dem Archiv

Dieser Text erschien am 14. März 1994 in der SZ.

Der frühere IBM-Manager Harry J. Saal steht hinter dieser Idee, für die auch wieder Unternehmermut gezeigt werden darf: "Firmen investieren mehr, als die Regierung es je könnte."

Entstehen soll ein Daten-Netzwerk, an dem nicht nur Unternehmen, sondern auch öffentliche Einrichtungen und Privathaushalte mit ihren Personal-Computern angeschlossen sein werden. Der elektronische Einkaufsbummel wird durch eine virtuelle Bildschirm-Welt führen, in der der mit einem Multimedia-PC ausgestattete Kunde dann sogar zum Beispiel einen Fotoapparat aus dem Regal nehmen und ihn so drehen kann, daß ein Blick durch den Sucher möglich wird. Der Patient in einer abgelegenen Siedlung wird seinen Arzt per Videoschaltung konsultieren, der Student von seiner Bude aus Datenbanken und Bibliotheken durchforschen. Der Bürger könnte mit seinem Einwohnermeldeamt interaktiv in Verbindung treten, einen Dialog führen und dabei ein Formular ausfüllen. Und mancher Bürojob wird sich in Heimarbeit verwandeln.

Der Wandel wird für das Tal so gravierend sein wie einst jener vom Obst zur Industrie

Voraussetzung hierfür ist ein Glasfasernetz, das die Übertragung gewaltiger Datenmengen mit Lichtgeschwindigkeit ermöglicht. Wegen der vorhandenen Strukturen entsteht es zunächst im Silicon Valley. Landesweit soll ein solcher nationaler Daten-Superhighway bis zum Jahr 2000 installiert sein. Im Gegensatz zu anderen, kleineren Testgebieten, die es bereits gibt, sollen im Landstrich zwischen San Francisco und San Jose nicht nur die technischen Voraussetzungen geschaffen werden, sondern vor allem auch das Interesse der Bevölkerung am PC als Kommunikationsmaschine geweckt werden. "Die Bedienung muß so einfach sein wie bei einem Kühlschrank", gibt Harry Saal das Ziel vor.

Für Saal ist das Projekt Smart Valley der dritte Neuanfang in seinem Berufsleben. Mit der von ihm 1978 gegründeten Nestar Systems wurde der frühere IBM-Manager Pionier bei lokalen Computernetzen. Als Präsident von Network General sammelte er seit 1986 Erfahrungen im Geschäft mit komplexen Systemen für das Management von Netzwerken. Harry Saal ist überzeugt, daß die eines wohl nicht allzufernen Tages kommende weltweite Verknüpfung leistungsfähiger, zunächst nationaler Datenautobahnen der Computerindustrie einen neuen Milliarden-Markt öffnen wird.

Vieles bleibt vorerst noch offen: Es könne sein, daß es zehn bis 15 Jahre dauert, bis die rechtlichen Details ausgehandelt sind - und klar ist, wer Netzbetreiber sein soll, wie der Datenschutz gesichert, das Copyright abgegolten wird. Bis dahin werde es auch völlig neuartige Anwendungen geben, die noch niemand kennt, sagt Saal. "Es werden neue Firmen kommen, die heute noch in Garagen sind" - so wie in den Anfangszeiten die Computer-Tüftler.

In einem Punkt aber ist er sich sicher: Die Auffahrt auf den Daten-Highway werde für das High-Tech-Tal so gravierend sein, wie damals der Wandel von der Obstgegend, die Santa Clara Valley hieß, zum Industriegebiet Silicon Valley, das heute dringend neue Impulse braucht.

Man hört nun weniger auf die Ingenieure, sondern mehr auf die Kunden

Im Zuge des kalifornischen Goldrausches legten Mitte des vorigen Jahrhunderts europäische und amerikanische Siedler in der Gegend um Palo Alto und Menlo Park, Mountain View und Sunnyvale Obstplantagen an. Das Tal wurde der weltweit größte Lieferant von Dörrpflaumen. Libby, McNeil & Libby eröffneten hier 1907 die seinerzeit größte Konservenfabrik. Zwei Jahre später, 1909, wurde beim ersten Hersteller von Funkgeräten in Amerika, der Federal Telegraph Company, die Radioröhre entwickelt. Robert Noyce erfand 1959 in Mountain View den ersten integrierten Schaltkreis. Das war der Start für die Denkfabriken mit Schwimmbad und Tennisplatz. Wenige Jahre später brachte Hewlett Packard den ersten wissenschaftlichen Taschenrechner, den legendären HP-35, auf den Markt, wenig später folgten die Personal Computer.

Einen Knick bekam die Erfolgskurve, als Mitte der achtziger Jahre die amerikanischen Verbraucher nach der großen Kaufwelle mit jährlicher Verdoppelung des PC-Absatzes enttäuscht feststellten, daß sich Computer nicht so einfach wie Telefone bedienen lassen. Die amerikanische Investmentbank Hambrecht & Quist sprach schon damals von "einem schweren Kater nach einer spektakulären Orgie". Es kam zum Shakeout - von 3000 in den Jahren davor neu gegründeten Firmen waren 1987 nur noch einige hundert übrig.

Die Überlebenden hörten fortan weniger auf die hauseigenen Ingenieure und stattdessen mehr auf die Kunden. Der Weg aus der Krise führte folgerichtig über kundenspezifische Schaltkreise (Chips mit Grips). Damit wurde seinerzeit die große Richtung vorgezeichnet, die auch heute etlichen Unternehmen im Silicon Valley zweistellige Wachstumsraten beim Umsatz und ein gutes Auskommen ermöglicht. Statt für den technikbegeisterten und im Umgang mit Lötkolben geübten Freak wird für den normalen Konsumenten produziert - und zwar sowohl Hardware wie auch Software.

Objekt der Begierde in der ganzen EDV-Branche ist der Computeranwender, der das Gerät aus freien Stücken nutzt und das möglichst noch gern. Aufgrund solcher Überlegungen etwa entwickelte das Unternehmen Sybase Inc. in Emeryville ein dreifach gegliedertes Computer-System, wie es sich im Einzelhandel und bei Dienstleistungsunternehmen durchsetzen dürfte. Der Kunde, der eine Compact Disc kaufen möchte, kann sich - heute im Geschäft, später per Datennetz - mit Hilfe von Videofilmen und akustischen Möglichkeiten (Multimedia) auf einem farbenfrohen Bildschirm mit dem Angebot vertraut machen. Seine Bestellung erscheint dann auf einem formularartig programmierten Bildschirm im Lager und an der Kasse, wo das Ladenpersonal den Kauf abwickelt. Eher für Computer-Experten gedacht ist schließlich noch eine dritte Art von Software, die vor allem das System steuert. Ähnliche Abläufe sind auch vorstellbar beim Kauf eines Neuwagens, der dann nach der Bestellung in der gewünschten Ausführung gebaut wird.

Impulse für die Entwicklung anwenderfreundlicher und zugleich leistungsfähiger Software kamen in der Vergangenheit häufig vom Militär oder aus der Rüstungsindustrie. Neuerdings könnte die Unterhaltungsindustrie hier Motor des Fortschritts sein. So hat das Unternehmen Silicon Graphics Incorporated mit Sitz in Mountain View zwar derzeit noch seine wichtigsten Abnehmer in der Kraftfahrzeugindustrie, der Raumfahrtindustrie, dem Maschinenbau, der Chemie und der geowissenschaftlichen Forschung. Mit Computeranimationen für die erfolgreichen Spielfilme "Jurassic Park" sowie "Die Schöne und das Biest" erschließt sich das Unternehmen einerseits einen neuen Markt im zivilen Bereich, andererseits lernt der Kinobesucher nebenbei die virtuelle Multimedia-Welt ein wenig kennen.

Da steckt Musik drin in doppelter Hinsicht: Mit Multimedia-Produktionen auf CD-Rom konnte das Unternehmen Media Vision, Fremont, jetzt gerade binnen Jahresfrist den Umsatz auf über 200 Millionen Dollar verdreifachen. Wobei Media Vision im schnelllebigen Geschäft mit Computerspielen zunächst den Erfolg beim Endverbraucher testet und dann erst sein Zubehör den Geräteherstellern zum Einbau anbietet.

Vom Silicon Valley zum Smart Valley - das ist die digitale Revolution

Bereits auf Daten-Netzwerke eingestellt haben sich im Silicon Valley die 3Com Corporation, Santa Clara, die schon seit 14 Jahren in diesem Business tätig ist und heute weltweit acht Millionen Anschlüsse geschaltet hat, sowie Adobe Systems mit Software und zum Beispiel Faxgeräten, die Druckvorlagen auch über große Entfernungen in sehr hoher Qualität übertragen. Adobe-Vorstandsvorsitzender John Warnock sagt: "Wir bringen das Papier auf den Highway."

Vom Santa Clara Valley über das Silicon Valley zum Smart Valley mit einer ausgebauten Informatik-Infrastruktur und der allgemein verbreiteten Fähigkeit, diese zu nutzen - für Harry Saal ist das die digitale Revolution: mit neuen Technologien, neuen Industrien, neuen Spielern und großen sozialen Veränderungen. Saal ist es gewohnt, daß ihm nicht sofort alles geglaubt wird. 1977 prophezeite er dem Personal Computer eine große Zukunft und verließ seinen Arbeitgeber IBM: "Sie behandelten mich wie ein ungezogenes Kind."

© SZ vom 14.3.1994
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