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Serie Impulsgeber:Das Bauchgefühl hat ausgedient

Aus Daten und Fakten über die deutsche Fintech-Szene lassen sich Trends früh ablesen, davon ist Analyst Peter Barkow, 46, überzeugt.

(Foto: oh)

Peter Barkow ist die zentrale Stelle, wenn es um Daten und Fakten zu Fintech-Unternehmen in Deutschland geht.

Für ihn gibt es kein schöneres Betätigungsfeld, als im Nebel zu stochern: "Als Analysehaus lieben wir intransparente Märkte", sagt Peter Barkow und lacht. Denn dann sind seine Dienstleistungen besonders gefragt. Bei den Finanz-Start-ups ist er damit völlig in seinem Metier. Der Markt wächst so schnell, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Damit das nicht passiert, hat Barkow die "Fintech Money Map" entwickelt. Das ist die wohl umfangreichste Datensammlung zu den deutschen Fintechs und deren Investoren. Inzwischen sind darin 500 Fintechs und mehr als 550 Investoren verzeichnet. Auch wer wissen will, wie viel Wagniskapital hierzulande in die Finanzbranche fließt, ist bei Barkow gut aufgehoben. Denn er ist so etwas wie der zentrale Datenspeicher der deutschen Fintech-Szene.

Den Karrierebeginn des Zahlenliebhabers umweht ein Hauch von Exotik. Barkow hat seine Ausbildung bei der Deutsch-Südamerikanischen Bank gemacht, einer Tochter der Dresdner Bank; damals war er viel in Lateinamerika und Spanien unterwegs. Erst später verschlug es ihn in die digitale Welt: Als Analyst für die britische Großbank HSBC sammelte er reichlich Start-up-Erfahrung. In der Hochphase der Tech-Bubble Anfang des Jahrtausends war er für die Internet-Firmen zuständig, die überall aus dem Boden schossen. Am Neuen Markt, dem damals neu geschaffenen Börsensegment, begleitete er die Börsengänge der jungen Unternehmen.

Und kaum war diese Blase geplatzt, näherte er sich langsam der nächsten: über die Analyse von Onlinebrokern tastete er sich an die Banken heran, und über deren Immobilienboom landete er bei der Analyse von Immobilienunternehmen. 2007 platzte auch diese Blase. Das war dann erst einmal genug der geplatzten Blasen. Barkow nahm sich eine Auszeit in Südafrika und machte sich danach selbständig. 2009 gründete er Barkow Consulting. Seither erstellt er mit seinem Team nicht nur Analysen zu verschiedenen Bereichen des Finanz- und Immobilienmarktes, er berät auch Start-ups, wie sie ans Geld der Investoren kommen können. "Als Analyst wird man darauf getrimmt, das Investment-Potenzial eines Unternehmens zu erkennen", so Barkow. Zur Beratung, wie sich junge Unternehmen organisieren müssen, um für Investoren attraktiv zu sein, ist es da nicht mehr weit.

Seine Datenanalysen zeigen, dass das Interesse der Geldgeber an den jungen Finanzunternehmen in Deutschland ungebrochen ist. Im ersten Quartal 2016 flossen in Deutschland 134 Millionen Euro an Wagniskapital in die Finanz-Start-ups. Die Kurve zeigt steil nach oben. Einer wie Barkow, der schon so viele Blasen hat platzen sehen, ist da natürlich immer skeptisch. "Wir erkennen Trends früh", sagt er. Aber eine Blase zu erkennen, das sei hohe Kunst. Für Deutschland sieht er derzeit keinen Anlass zur Sorge: "Noch gibt es keine Anzeichen, dass das Interesse der Investoren nachlässt", sagt Barkow. Und selbst wenn, wäre das nur vorübergehend, da ist er sich sicher. Er ist davon überzeugt, dass Finanz-Start-ups die gesamte Finanzbranche dramatisch verändern werden.

Ein besonders gutes Beispiel dafür seien Vergleichsportale, die in der Baufinanzierung tätig sind, so Barkow. Sie bringen Transparenz in den Markt, was die Margen für Banken unter Druck bringt. "Das kostet die Banken rund eine Milliarde Euro pro Jahr, das tut richtig weh", sagt Barkow.

"Es wird irgendwann keine Unterscheidung mehr zwischen Fintechs und Banken geben. Fintech ist ein Technologietrend", sagt Barkow. Da ist es auch nicht entscheidend, wie viele Spieler am Markt sind. Eine gewisse Konsolidierung in der Fintech-Szene ist unumgänglich, glaubt er. Einige Fintechs werden vom Markt verschwinden, andere werden sich zusammenschließen, manche werden von Banken aufgekauft. Eine solche Marktbereinigung ist in jungen Märkten völlig normal.

Besonders gute Zukunftschancen sieht Barkow bei Geschäftsmodellen, die mit Datenanalysen arbeiten. "Früher wurden im Banking viele Entscheidungen mit Bauchgefühl getroffen. Schon jetzt kann man durch gute Auswertung verfügbarer Daten viel bessere Ergebnisse erzielen", so Barkow. Und zwar in allen Bereichen des Bankgeschäfts, etwa bei der Kreditvergabe, aber auch in der Geldanlage. Vielfach sind die Berechnungen von Computermodellen zuverlässiger und vor allem schneller als individuelle Entscheidungen.

Die sogenannten "Robo-Adviser", also Unternehmen, die Anlageentscheidungen aufgrund von Datenanalysen treffen, gehen bereits in diese Richtung. Doch das ist nur der erste Schritt. Würde es gelingen, künstliche Intelligenz mit Fintech zu verbinden, so ergäben sich ganz neue Ansätze, sagt Barkow.

© SZ vom 25.04.2016
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