Serie: Finanzfrauen Die Staatsdienerin

Eva Altmann schuf die wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagen für den Arbeiter-und Bauernstaat DDR. Als das Land starb, zerbrach auch sie.

Von Hanna Maier

Hausfrau und Mutter wäre sie vielleicht lieber geworden, oder Kinderpflegerin. Aber Eva Altmann hatte keine Wahl. Es war das Jahr 1950 und statt persönliche Zukunftsträume zu spinnen, galt es, ein Land aus der Zerstörung zu befreien und neu aufzubauen. Und Eva Altmann half, mit einer ganz eigenen Genauigkeit. "Mitte Mai 1950 informierte mich der Staatssekretär im Ministerium für Planung, Bruno Leuschner, es sei beschlossen, mich mit dem Aufbau einer Hochschule für Planökonomie zu beauftragen", schreibt die damals 47-Jährige umständlich in ihren Memoiren. Es sollte an ihr sein, die Grundlagen für die akademische Ausbildung im Fach Wirtschaft für junge Menschen in der damals noch kein Jahr alten Deutschen Demokratischen Republik zu legen. Viel mehr als Grundkenntnisse brachte sie nicht mit. Sie hatte Stalin, Marx und Lenin gelesen und war mit einigen bildungspolitischen Ämtern bekleidet gewesen.

Eva Altmann, Tochter eines Kaufmanns, hatte in der Weimarer Republik Volkswirtschaft studiert. 1923 trat sie aus Überzeugung in die Kommunistische Partei ein. Sie fand ihre große Liebe, gebar einen Sohn, Fritz. Doch kurz darauf wanderte ihr jüdischer Mann Anfang der 1930er Jahre mit einer anderen Frau nach Russland aus.

Es war ein schwieriges Leben für Altmann, wie für so viele damals: Der Sohn mit jüdischen Vorfahren, sie selbst politische Feindin, mehrmals war Eva Altmann unter den Nazis in Haft. Wie eine Rückkehr in das gute Leben hätte der Alltag von 1945 an in der Sowjetischen Besatzungszone sein können - doch 1947 nahm sich Fritz aus Liebeskummer das Leben. Von nun an verschrieb sich Eva Altmann der Wissenschaft. Streng, perfektionistisch und unprätentiös spaltete sie fast alles Persönliche von sich ab, vergrub ihre Bedürfnisse hinter der Idee des Sozialismus. Keine Fehler machen, nichts außer Kontrolle geraten lassen, schienen die selbst auferlegten Prinzipien zu sein.

Die Aufgabe und Altmanns Herangehensweise entsprachen der Zeit. Im Nachkriegsdeutschland gab es viele ungerade Biografien, für diese Menschen setzte sich Altmann fortan ein. Nachdem man sie im Mai von ganz oben berufen hatte, begann die Lehre an der Hochschule im Oktober 1950. Mit 20, teilweise ungelernten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und 185 Studenten baute Eva Altmann über Jahre eine Denkschule auf, die heute kaum noch gelehrt wird - und die damals die Grundlagen der Ideologie des Arbeiter-und-Bauern-Staates erläuterte. Dieser Ideologie widmete sie ihr Leben.

Eva Altmann war überzeugt, dass der Sozialismus dem Kapitalismus überlegen ist.

(Foto: Süddeutsche Zeitung/SZ-Collage)

"Die Arbeit ist allgemeine Bedingung des menschlichen Lebens", schreibt sie in ihrem 1955 erschienenen Grundlagenwerk. Denn wer arbeitet, erschafft Güter. Zunächst für sich, dann für andere. Fast schon mit einem Kopfschütteln blickt Altmann deshalb auf den Kapitalismus. Dort gehörte ihrer Meinung nach alles ein paar wenigen Zylinderträgern, das konnte nicht gut gehen. Sie glaubte immer daran, dass sich das sozialistische System gegen den Westen behaupten könne. Sie wollte das Kräftemessen dieser Systeme. Und sie war überzeugt, dass der Sozialismus siegen würde.

Dazu wollte sie selbst so viel wie möglich beitragen. Die Lehre war ihr Lebenselixier, Altmann brauchte im Gegensatz zu manch anderem Wissenschaftler keinen außeruniversitären Ruhm, sie hasste es, auf Kongressen zu reden, wusste nicht einmal, welches Auto sie fuhr oder wie man darin das Licht einschaltete. Doch im Hörsaal war sie selbstsicher - und fordernd. Jeder Student ihrer Hochschule musste das Marx'sche Kapital studiert und verstanden haben. Um ihre Studenten zu fordern, führte Eva das 'kasernierte Selbststudium' ein. Morgens, von sieben bis 13 Uhr fanden die Seminare statt und vom Nachmittag an waren alle zum Lernen verabredet, von 14 bis 18 Uhr. Wer früher ging, musste eine Begründung abliefern. Doch Altmann bekam auch die Härte des sozialistischen System zu spüren: Im April 1953 erhielt sie vom Zentralkomitee eine Abmahnung. Die Hochschule für Ökonomie sei ein "Hort des Opportunismus", politisch nicht annehmbar. Der Grund: In einer Vorlesung hatte ein Dozent das jüngste Werk Stalins kritisiert. Er und Altmann bekamen eine Parteistrafe. Gemaßregelt zu werden von dem System, für das sie arbeitete, das kränkte sie.

Trotzdem quälte sie weiter Jahrgang um Jahrgang ihre Studenten mit Literaturhinweisen, Quellenangaben und "Kapital"-Seminaren. In ihr Privatleben aber drang nur vor, wer Auto fahren konnte. Denn draußen, im brandenburgischen Motzen hatte sie eine Datsche, das, was man im Westen als Schrebergarten bezeichnet. Das war ihr Fleck Privatleben. Manchmal lud sie Doktoranden, deren Familien oder Gaststudenten dorthin ein. "Nach außen schien sie unnahbar, doch innen drin gab es einen ganz zärtlichen Kern", beschreibt Günter Hoell sie. Er war jahrelang ihr Doktorand und Mitarbeiter.

Diese Frauen haben die Finanzwelt bewegt. SZ-Serie, Teil 26.

(Foto: )

Doch auch in der Datsche zeigte sie ihre forsche Art, wollte sie ihren Willen bekommen. Ein Gaststudent hatte einmal seine Kinder dabei. Altmann fuhr mit ihnen zu einem Bauern, um Äpfel zu kaufen. Er habe keine Äpfel sagte der Bauer. "Das stimmt nicht", meinte Eva barsch, ging schnurstracks in den Keller, füllte einen Korb voll Äpfel und drückte dem Bauern Geld in die Hand - und sagte: "Kinder brauchen Äpfel."

Bis ihre Konsequenz und ihr Arbeitseifer anerkannt werden sollten, dauerte es: Am 5. Dezember 1973 erhielt Altmann eine Wiedergutmachung für die Schmach wegen der Stalinkritik. Längst war sie nicht mehr als Rektorin tätig, sie lehrte nur noch und war gerade kurz davor, ihre überarbeitete Fassung von "Zur politischen Ökonomie der Arbeiterklasse" zu veröffentlichen. Altmann wurde die eine große Ehrung zuteil: der Karl-Marx-Orden für "außerordentliche Verdienste in der Arbeiterbewegung, bei der schöpferischen Anwendung des Marxismus-Leninismus im Kampf für Frieden und Völkerfreundschaft". Auf den Erinnerungsfotos der Feierlichkeiten empfängt eine verschämte Gestalt mit gesenktem Kinn einen Straus Nelken. Diese fast 70-jährige Frau wirkt zugeknöpft, ihre Augen sagen: "Das wäre doch nicht nötig gewesen". Wenn es um sie ging, war sie nicht die große Stille mit der Erhabenheit in den Augen.

Mit der Wende wurde die Hochschule für Ökonomie abgewickelt. Auf den Entlassungspapieren der Mitarbeiter war der kantige Adler abgebildet. Darunter stand, dass jede Bewerbung bei Institutionen der Bundesrepublik Deutschland zwecklos sei. Das Ende der sozialistischen Idee und damit auch der Politischen Ökonomie, wie Altmann sie für die Deutschen Demokratische Republik gedacht hatte, kam zur gleichen Zeit wie Eva Altmanns Ende. Als die Mauer fiel, war sie fast 90 Jahre alt, krank und tief getroffen. Kurz darauf starb sie.