Serie: Die Angreifer Passwort überflüssig

Die Schweden sind bargeldlos unterwegs. Fintech-Firmen wie Trustly haben hier leichtes Spiel.

(Foto: oh)

Schwedische Online-Bezahldienste wie Trustly und Klarna wollen das Einkaufen bequemer und sicherer machen.

Von Silke Bigalke

Klar gibt es auch bei Trustly diesen Raum, den Spielplatz für die Programmierer, wo sie auf bunten Sitzkissen hocken und laut Musik hören können, bis ihnen geniale Ideen kommen. So ein Ort für Kreativität gehört zu jedem jungen Tech-Unternehmen, zumindest im Norden. Trustly hat sein Büro im sonst eher konservativen Stockholmer Stadtteil Kungsholmen, in dem vor allem Anwaltskanzleien und Immobilienfirmen zu Hause sind. Es ist eines jener Start-ups, die Stockholm zum Fintech-Zentrum des Nordens machen sollen.

Trustly ist ein Online-Bezahldienst mit einer simplen Idee. Wer im Internet etwas bestellt, bezahlt meistens mit Kreditkarte, über sein Paypal-Konto oder lässt sich eine Rechnung schicken. Man könnte das Geld aber auch einfach direkt online von seinem Bankkonto an den Händler überweisen. "In der Realität tut das niemand, weil man dafür so viele Schritte braucht und es wirklich unbequem ist", sagt Oscar Berglund, Vize-Chef bei Trustly. Man müsste sich bei seiner Bank online einloggen, Name und Kontonummer des Empfängers eingeben, den Betrag und zusätzlich als Verwendungszweck oft eine lange Referenznummer eintippen.

Mit Trustly fällt vieles davon weg. Wählt der Kunde nach dem Einkauf diese Methode, öffnet sich eine Maske, in die er nur noch Kontonummer und Pin eingeben muss. Den Einkauf bestätigt er am Ende mit einer Tan-Nummer. Die bekommt er, wie beim Online-Banking, von seiner Bank meistens per SMS zugeschickt. Das ist zwar immer noch aufwendiger, als online mit der Kreditkarte zu zahlen. Doch durch die Tan sei es viel sicherer, so Berglund. Außerdem seien die Gebühren für die Händler normalerweise niedriger als bei Kreditkarten. "Einige geben dies über Rabatte an Kunden weiter, wenn sie mit Trustly zahlen." Anders als etwa bei Paypal braucht man bei Trustly zudem kein Benutzerkonto einzurichten, sich kein Passwort merken. Im Vergleich zur Zahlung auf Rechnung hat der Händler sein Geld schneller und kann die Ware früher losschicken.

Etwa 700 Einkaufsseiten in acht Ländern bieten inzwischen Trustly als Bezahl-Option an. Das schwedische Start-up hat das Verfahren nicht von Grund auf neu erfunden. In Deutschland zum Beispiel gibt es seit einigen Jahren etwa mit Giropay ein ähnliches Angebot. Auch in Schweden bieten Banken diesen Dienst für Online-Einkäufe an. Man könnte sagen, Trustly verpackt es in eine neue Form und nutzt dabei die von den Banken geschaffenen Strukturen. "Als Bank kann man nicht überall Spitze sein. Wir stellen das Online-Bankkonto in den Mittelpunkt, lassen es aber schöner aussehen, machen es benutzerfreundlicher und schaffen eine Verbindung zu den Händlern", sagt Berglund.

Seine Programmierer haben sich in ihrem Kreativraum zum Beispiel ausgedacht, wie Trustly auch auf mobilen Geräten, Tabloids und Handys, möglichst einfach genutzt werden kann. Vor allem in den vergangenen 18 Monaten sei die Nachfrage auf mobilen Geräten stark gewachsen, sagt Berglund. Etwa eine Million Mal bezahlen Online-Käufer inzwischen pro Monat mit Trustly, fast 35 Prozent dieser Überweisungen schicken sie von Handys oder Tabloids. Größter Kunde ist der Konkurrent Paypal, denn in Schweden, Dänemark und Finnland kann man sein Paypal-Konto per Trustly-Überweisung auffüllen. Das Unternehmen ist außerdem in Norwegen, Spanien, Italien, Polen und Estland auf dem Markt, weitere europäische Länder sollen folgen. Das Büro in Kungsholmen muss es mit seinen heute 70 Mitarbeitern bald verlassen. Es wird zu klein.

Stockholm ist ein guter Ort für Fintech-Start-ups, denn die Schweden sind ebenso Internet-affin wie bargeldlos unterwegs. Mindestens vier von fünf Einkäufen bezahlten sie elektronisch, sagt Niklas Arvidsson, Professor an der Königlich Technischen Hochschule in Stockholm und spezialisiert auf bargeldlose Bezahlsysteme. Dank Erfindungen wie iZettle kann man in der schwedischen Hauptstadt selbst die Obdachlosen-Zeitung mit Kreditkarte bezahlen. Die Verkäufer haben zwar kein Dach über dem Kopf, aber ein kleines Kartenlesegerät dabei, das sie für Transaktionen mit einem Handy verbinden.

Auch online bezahlen die meisten Nutzer nach wie vor mit Kreditkarte, so Arvidsson, doch Alternativen wie Trustly gewinnen in Schweden an Boden. Als größte Erfolgsgeschichte gilt bisher Klarna. Dabei zahlt der Einkäufer auf Rechnung, bekommt das Produkt aber, noch bevor er diese begleicht. Das Risiko, dass er nicht bezahlt, übernimmt Klarna gegen eine Gebühr. Ein weiteres Beispiel ist Seamless, das eine Art elektronisches Portemonnaie anbietet. Mit dem Handy scannt man einen Code im Geschäft oder beim Online-Einkauf und bestätigt die Zahlung mit Pin.

Hauptkonkurrent dieser Ideen bleiben jedoch die Kreditkartenanbieter, die sich über Jahre eine weltweite Infrastruktur aufgebaut haben. "Auch wenn die Plastikkarten selbst irgendwann verschwinden werden, wird diese Infrastruktur noch eine lange Zeit erhalten bleiben", sagt Arvidsson.

Die Digitalisierung hat die Finanzbranche voll erfasst, immer mehr Start-up-Unternehmen fordern die Banken heraus. In dieser Serie stellt die SZ die Angreifer vor.