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Screwerk:Er hat den Dreh raus

Alte Hallen und alte Maschinen: Für die Screwerk-Chefs Alexander Hoffmann (links) und Heiko Schlabach ist das mit der digitalen Welt kombinierbar.

(Foto: oh)

Ein Gründer aus Südwestfalen will Mittelständler mit künstlicher Intelligenz profitabler machen. Was bei Schrauben klappt, soll auch anderen helfen.

Die Schraube ist Bote der digitalen Welt. Mit dieser zugegeben höchst analogen Ware möchte Gründer Alexander Hoffmann beweisen, wie künstliche Intelligenz alte Industrie profitabler und damit zukunftsfähig machen kann. Bei Screwerk, dem Unternehmen des 45-Jährigen, hat der Computer die Macht. Welche Schrauben sollten die Mitarbeiter am besten produzieren und in welcher Menge? Das überlegt sich nicht der Chef, sondern die eigens entwickelte Datenbank-Software "Graph-IT" rechnet das aus - mit Hilfe vergangener und aktueller Bestellungen sowie des Lagerbestands und weiterer Marktdaten. Die Ware vertreibt Screwerk online und hat es so zu einem der am schnellsten wachsenden Internethändler des Landes gebracht.

Der Ansatz kann Vorbild für den deutschen Mittelstand sein. "Ressourcen und Kapital für Neuerungen hätten viele Betriebe", sagt Hoffmann. Wenn er von seiner Idee überzeugen möchte, lächelt er wie ein Showmaster am Samstagabend.

Hoffmanns Bühne ist der Firmensitz im südwestfälischen Lüdenscheid, in einer Region voller Mittelständler. Die Industrie, das sind lange Hallen an kurvigen Landstraßen und Verwaltungsgebäude, die früher mal repräsentativ waren. Die Gegend schmückt sich damit, zu den drei stärksten Industrieregionen Deutschlands zu gehören. Viele Familienbetriebe blicken auf erfolgreiche Jahre zurück. Maschinenbauer und Automobilzulieferer gehören in ihrer Nische zur Weltspitze. Doch wer zwischen Hagen und Siegen unterwegs ist, bemerkt, dass diese Position keine unverrückbare Gegebenheit ist.

Der Mittelstand muss in der digitalen Welt den Anschluss halten. Das ist gar nicht so einfach. "Für den Großteil der Betriebe hier ist die Digitalisierung ein Thema", sagt Michael Dolny, der sich bei der Industrie- und Handelskammer Südwestfalen um Digitalthemen kümmert. Damit tatsächlich etwas passiere, brauche es gerade in Familienbetrieben technikaffine Führungskräfte. Hinzu kommt, dass junge IT-Experten lieber in Metropolen bleiben als ins Sauerland zu ziehen. Für Schraubenverkäufer Hoffmann sind industriell starke Provinzen dennoch keine Auslaufmodelle. Der Geschäftsmann behelligt seine Softwareentwickler gar nicht erst mit dem Landleben, er lässt sie in Köln tüfteln. Die Produktion hat er im Sauerland aufgebaut. Seit der Gründung im Jahr 2013 hat Screwerk alte Hallen und Fertigungsstätten übernommen.

Die Lüdenscheider Zentrale an einer jener südwestfälischen Landstraßen sieht auf den ersten Blick nach Vergangenheit aus. Schwere Walzen und Pressen mit grüner Metallverkleidung reihen sich aneinander, einige sind locker 30, 40 Jahre alt. Doch die Reindustrialisierung gelingt. Über den Geräten hängen Monitore, jede Maschine, jede Lampe ist mit Kabeln ans Computersystem angeschlossen. "Wir rüsten alle relevanten Geräte um und vernetzen sie über das übergeordnete System", sagt Hoffmann. Die künstliche Intelligenz kann so von der Bestellung über die Produktion bis zum Versand über alle Schritte bestimmen. In Echtzeit rechnet das System: Diese Schraube soll hergestellt, jenes Paket gepackt werden. Die Arbeiter sehen die Anweisung auf Bildschirmen.

Damit das funktioniert, müssen sich Betriebe von Gewissheiten verabschieden. Zum Beispiel ist es in der Schraubenbranche bislang üblich, auf Auftrag zu arbeiten, sagt Hoffmann. "Das müssen mehrere 100 000 Stück sein, damit der Hersteller die Maschine anwirft", sagt Hoffmann. Die Anbieter kämpfen um Großaufträge. Etablierte, große Händler, allen voran Würth, beherrschen den Markt. Kleinere Produzenten und Verkäufer müssen ihre Nische finden, Screwerk hat das geschafft. Sein Ansatz habe es ermöglicht, über ein standardisiertes Sortiment, von Auftragsarbeit auf Verfügbarkeit umzustellen, sagt Hoffmann. Die Kunden sehen im Onlineshop, was da ist, und suchen aus. Kleinere Mengen von seltenen Spezialschrauben, es gibt Tausende Varianten, sind vorrätig. Schließlich antizipiert die Software den Bedarf, erkennt Trends und Veränderungen auf dem Markt. Entsprechend erweitert die Firma ihr Sortiment.

"Der durchschnittliche Bestellwert liegt bei etwa 400 Euro", sagt Hoffmann und schiebt hinterher: "Wir sind die Krümelkuchenbäcker." Das lohnt sich, weil Kunden auf der ganzen Welt das Angebot nutzen. Hoffmann stellt das Geschäft mit dem Selbstbewusstsein eines Unternehmers vor, der seinen Umsatz bislang jedes Jahr verdoppeln konnte. Mehr als sieben Millionen Euro waren es im Jahr 2018. Hoffmann scheut auch nicht den Vergleich mit Tesla-Gründer Elon Musk: Dessen Versuch, die Autoproduktion zu revolutionieren, sei sicher anspruchsvoll, sagt er. Die Schraube sei als einteiliges Produkt erheblich weniger komplex. Darin liegt die Chance für eine durchgängige Digitalisierung der Fertigung. So könne auch in Deutschland ein große Innovation entstehen.

Nur wenige Mittelständler sammeln ihre Daten und werten sie aus

Hoffmann setzt darauf, dass seine Software auch für andere Gewerbe funktioniert. Das ist möglich, Grundlage ist das Sammeln von Daten und ihre Auswertung. Das tun aber erst etwa 20 Prozent der mittelständischen Betriebe, hat das Bundeswirtschaftsministerium ermittelt. Viele Firmen hätten Daten mit spannenden Informationen zu ihren Maschinen, Prozessen und Produkten, sagt Dirk Hecker, stellvertretender Leiter des Fraunhofer-Instituts für Intelligente Analyse- und Informationssysteme. "Doch oft fehlt ihnen noch die Kompetenz, die Potenziale zu erkennen und Mehrwerte aus ihrem Datenschatz zu ziehen." Ein Grund ist, dass viele Führungskräfte Kaufleute und Ingenieure sind, aber keine IT-Experten. Wissenschaftler Hecker macht den Firmen Mut: "Wer hat Daten zu Spezialschrauben in den USA? Google hat sie nicht."

Dafür haben Konzerne wie Google viel Geld. Deswegen glaubt Hoffmann, dass sich Betriebe zusammentun müssen, um zumindest für ihren Markt eine erfolgreiche Technologie zu entwickeln. Screwerk hat sein System als Open-Source-Lösung angelegt und wäre bereit, die nötige Hard- und Software offenzulegen. Andere Firmen könnten gratis zugreifen. Mit einer größeren Nutzerbasis stünden für die Weiterentwicklung erheblich mehr Softwareentwickler zur Verfügung. Damit es so einen offenen Digitalstandard für den Mittelstand geben kann, setzt Hoffmann auch auf öffentliche Förderung. Das Land Nordrhein-Westfalen soll helfen, die Technik zu verbreiten. Gespräche dazu stehen an. Ein einzelnes Unternehmen wie Screwerk kann einen solchen Schritt finanziell kaum stemmen, sagt Hoffmann

Partner in der Industrie zu finden, ist eine Herausforderung. Um die Digitalisierung voranzutreiben, arbeiten erst 20 Prozent der Mittelständler mit Firmen aus der eigenen Branche zusammen; 15 Prozent branchenübergreifend, berichtet das Wirtschaftsministerium.

Hoffmann tritt Sorgen entgegen. "Jedes Unternehmen ist einzigartig." Wer seine Daten teile, müsse nicht gleich Nachahmer fürchten. Auch die Angestellten beruhigt er. Hoffmann rechnet der künstlichen Intelligenz eine Assistenzfunktion zu, bei ihm habe sie keine Arbeitsplätze vernichtet, sondern neue geschaffen. Es brauche weiter Personal an den Maschinen und neue IT-Experten sowieso.