bedeckt München 23°

Schwierige Umzüge:Entrümpeln mit Kölnisch Wasser

Jeder zehnte Haushalt in Deutschland packt einmal im Jahr die Umzugskoffer - nicht immer freiwillig. Nun hilft ein Sozialpädagoge bei Problemfällen.

Reinhold Rühl

"Immer der Nase nach", sagt der Hausmeister und drückt Holger Reichhelm den Wohnungsschlüssel in die Hand. Als sich im neunten Stock die Aufzugstür öffnet, riecht der Umzugsunternehmer, dass dies im wörtlichen Sinn gemeint ist. Ohne auf die Namensschilder zu achten, findet er in dem Wohnblock die Tür des Einzimmer-Appartements sofort.

Möbelspediteur Holger Reichhelm hat sich auf schwierige Fälle spezialisiert.

(Foto: Foto: R. Rühl)

Bis in den Hausflur stinkt es nach Fäulnis und Kloake. Auf so etwas ist Reichhelm vorbereitet. Er zückt ein Papiertaschentuch, träufelt darauf ein paar Tropfen Kölnisch Wasser und hält sich das Tuch vor die Nase. Gegen das, was Reichhelm in der Wohnung sieht, hilft das nur bedingt.

Plastiktüten und vergammelte Speisereste

Zwei Schritte hinter der Türschwelle beginnt die Müllkippe, die bis zur Fensterfront des Wohnzimmers eine Höhe von einem halben Meter erreicht: Eine fest verbundene Schicht von Zeitungen und einem Bindemittel, "vermutlich Exkremente und Urin", schreibt Reichhelm in sein Notizbuch und schätzt die Entsorgungsmenge auf vier bis sechs Kubikmeter Papier. Gewicht rund drei Tonnen. Ein Trampelpfad führt zur Küche, die aber nicht mehr zu erkennen ist. Kartons stapeln sich bis zur Decke, allerlei technische Geräte, dazwischen Plastiktüten und vergammelte Speisereste.

In der Wohnung in München-Großhadern lebt ein Mann, der unter dem "Messie-Syndrom" leidet. Solche Menschen neigen zum zwanghaften Sammeln wertloser oder verbrauchter Dinge und können mit dem Chaos, in dem sie leben, nicht mehr umgehen. Auch nicht die Nachbarn des Mieters. Aus diesem Grund soll der Müllsammler auf Vorschlag des Sozialbürgerhauses in eine betreute Wohngruppe umziehen. Vorher muss der Müll aus der vergammelten Wohnung entfernt und das Appartement renoviert werden. Das kostet rund 6300 Euro plus Mehrwertsteuer, wird Reichhelm später in seinem Angebot ausrechnen.

Natürlich kommt Reichhelm nicht mit seinem Trupp, ohne vorher mit dem Mieter gesprochen zu haben. Doch der hat sich vor der Wohnungsbesichtigung verdrückt. "Aus Scham", vermutet Reichhelm. "Solche Menschen haben bereits viele Signale von der Gesellschaft bekommen, dass sie nicht mehr gebraucht werden."

Der Möbelspediteur hat sich mit seiner Firma auf schwierige Kunden spezialisiert. Auf Menschen, die aus eigener Kraft nicht mehr umziehen können: Psychisch Kranke, Behinderte oder Senioren. Der 53-Jährige will ihnen die "Angst vorm Umzug" nehmen. Reichhelm ist seit über 20 Jahren nicht nur IHK-geprüfter Möbelspediteur, sondern auch ausgebildeter Sozialpädagoge - eine eher seltene Kombination in einer Branche, in der eigentlich starke Männer mit schweren Transportern den Ton angeben.

Muskeln und Einfühlungsvermögen

Zu tun gibt es genug für Firmen, die in Deutschland Privatumzüge durchführen: Jeder zehnte Haushalt packt mindestens einmal jährlich die Umzugskoffer, und immer mehr Deutsche tun dies nicht freiwillig. Zum Beispiel viele Empfänger von Arbeitslosengeld II. Knapp ein Jahr nach Einführung der Arbeitsmarktreform Hartz IV rechnete der Deutsche Mieterbund noch mit einer drastisch steigenden Zahl von Zwangsumzügen, weil eine halbe Million Hartz-IV-Empfänger "unangemessen" wohnen. Das heißt, in zu großen oder zu teuren Wohnungen. Sie müssen mit Überprüfungsverfahren rechnen.

Obwohl die befürchtete Umzugskarawane von Hartz-IV-Empfängern bislang ausblieb, mussten allein in Berlin im vergangenen Jahr 680 Menschen aus ihrer zu teuren Wohnung ausziehen. Auch in München, der Stadt mit dem geringsten Anteil an Empfängern von Sozialleistungen, gibt es "vereinzelte Fälle" von Zwangsumzügen, bestätigt Ottmar Schrader von der Arbeitsgemeinschaft für Beschäftigung München. 1200 Schreiben hat seine Behörde vergangenes Jahr verschickt und die Empfänger darin aufgefordert, sich um eine Reduzierung der "unangemessenen" Mietkosten zu bemühen. Auf gut Deutsch: sich eine billigere Wohnung zu suchen oder zum Beispiel einen Untermieter aufzunehmen. Andernfalls droht nach sechs Monaten die Kürzung des Mietkostenzuschusses.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie viele schwarze Schafe es in der Branche gibt.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB