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Schmerzmittel-Sucht:Strafe für die Dealer

Erstmals verurteilt ein US-Gericht einen Pharmakonzern für seine Rolle in der Opioid-Epidemie - wegen "falscher und irreführender Werbekampagnen".

Für Reggie Whitten war der Prozess persönlich: Der Anwalt hat seinen Sohn an die Epidemie verloren. Brandon steckte gerade mitten in der Ausbildung zum Rettungssanitäter, als er süchtig nach Schmerzmitteln wurde. Er wurde einer der 6000 Menschen in Oklahoma, die in den vergangenen 20 Jahren an einer Überdosis gestorben sind. "Mein Junge hat heute von oben zugeschaut", sagte Whitten unter Tränen. "Er war ein Kämpfer. Und wir sind es auch."

Whitten ist Mitglied des Teams von Juristen, das an der Klage des US-Bundesstaats Oklahoma gegen Johnson & Johnson beteiligt war. Vor dem Gericht im Bezirk Cleveland County feierten sie nun einen Sieg: Der amerikanische Pharmakonzern wurde zu einer Geldstrafe von 572 Millionen Dollar verurteilt, weil er mit seinen Medikamenten die Opioidkrise in Oklahoma mitverursacht habe.

Die Summe klingt zunächst nicht sonderlich hoch. Was sind für den weltgrößten Pharmakonzern schon 572 Millionen Dollar im Vergleich zu den Milliarden-Urteilen, die US-Richter gegen die Bayer-Tochter Monsanto wegen des Unkrautvernichters Glyphosat verhängten? In seiner Klage hatte Oklahoma 17 Milliarden Dollar gefordert. Doch die Zahlen sind nur ein Aspekt. Wichtiger ist die Botschaft, die mit dem Urteil verbunden ist: Erstmals wird ein Hersteller von Schmerzmitteln für seine Rolle bei der Epidemie zur Verantwortung gezogen. Konzerne wie Johnson & Johnson sollen schuld sein an der Sucht vieler Amerikaner nach Schmerzmitteln, eine Sucht, die in den USA alleine 2018 48 000 Todesfälle nach sich zog - und insgesamt schon 220 000 Todesfälle.

Betäubter Schmerz

"Es gibt in Deutschland keine Opioid-Epidemie", sagt Jens Reimer. Der Professor leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. In den allermeisten Fällen würden opioid-basierte Schmerzmittel "sinnvoll und dosiert eingesetzt". Der Begriff Opioide beschreibt eine Gruppe von natürlichen und synthetischen Substanzen, die eine morphinähnliche Wirkung haben. Opioide sind in Deutschland verschreibungspflichtig, das Gros der Präparate unterliegt sogar dem noch strengeren Betäubungsmittelgesetz. Zu den bekanntesten Präparaten zählen Fentanyl, Morphin oder Buprenorphin. Opioide werden bei starken Schmerzen verabreicht, zum Beispiel an Krebspatienten oder in der Palliativ-Medizin. Kritischer sieht Reimer die Behandlung von Nicht-Tumorschmerzen mit Opioiden, etwa chronischen Rückenschmerzen. Wie aus dem Arzneiverordnungsreport hervorgeht, ist die Zahl der Gesamtverordnungen in den vergangenen Jahren leicht gestiegen. Opioide bergen Suchtpotenzial. Reimer warnt aber vor voreiligen Schlüssen aus den Zahlen über schmerzmittelabhängige Menschen. "Es gibt auch Krebspatienten, die abhängig sind, aber ohne Schmerzmittel könnten sie den Alltag nicht mehr bestreiten." Elisabeth Dostert

Die Opioidkrise habe den Staat Oklahoma erschüttert, sagte Richter Thad Balkman, ein konservativer Republikaner, als er das Urteil verkündete. In seiner Begründung warf er Johnson & Johnson vor, die unter anderem von der früheren Tochterfirma Janssen Pharmaceuticals hergestellten Schmerzmittel mit "falschen und irreführenden Werbekampagnen" in Umlauf gebracht zu haben. In der Folge seien die Zahl der Abhängigen und der tödlichen Überdosen in Oklahoma enorm gestiegen. Die Schmerzmittel enthielten Opioide, Substanzen mit starker, morphinähnlicher Wirkung. Den Verantwortlichen von Johnson & Johnson sei die hohe Suchtgefahr der Medikamente durchaus bewusst gewesen, sagte der leitende Staatsanwalt Mike Turner. Sie hätten sich aber von "Raffgier" leiten lassen.

Neben Johnson & Johnson hatte Oklahoma unter Staatsanwalt Turners Führung auch zwei weitere Pharmafirmen angeklagt. Sowohl der US-Hersteller Purdue als auch der israelische Konzern Teva schlossen mit dem Bundesstaat allerdings Vergleiche ab. Purdue soll 270 Millionen Dollar bezahlen, Teva 85 Millionen Dollar.

Die Strafe von 572 Millionen Dollar, die Richter Balkman nun gegen Johnson & Johnson verhängte, fällt dagegen um einiges höher aus. Sie entspricht den errechneten Mitteln, die der Staat Oklahoma während eines Jahres für die Bewältigung der Opioidkrise aufbringen muss. Rechtskräftig ist das Urteil allerdings noch nicht. Johnson & Johnson hat bereits angekündigt, dagegen in Berufung zu gehen. Der Konzern verwies darauf, dass der Marktanteil der von ihm verkauften Schmerzmittel in Oklahoma nie mehr als ein Prozent betrug. Man habe Mitgefühl mit Menschen, die von Schmerzmitteln abhängig seien, aber "man kann sich nicht aus der Opioidkrise herausklagen", sagte eine Anwältin des Konzerns. Johnson & Johnson habe die Krise nicht verursacht, eine Lösung für sie müsste einer Vielzahl Beteiligter gemeinsam finden.

"Wir haben es in Oklahoma geschafft. Ihr könnt es auch anderswo schaffen."

In ihrer Klage waren die Staatsanwälte einen ungewöhnlichen Weg gegangen: Sie hatten Johnson & Johnson nicht etwa Verstöße gegen Betäubungsmittelgesetze vorgeworfen, sondern eine "Störung der öffentlichen Ordnung". Indem der Konzern seine Produkte auf rücksichtslose Weise unter die Bevölkerung gebracht habe, habe er bewusst die Gesundheit der Einwohner gefährdet. Auf ähnliche Weise war Oklahoma schon in den Neunzigerjahren gegen Tabakkonzerne vorgegangen. Und so hatten vor einigen Jahren auch zehn kalifornische Städte und Bezirke argumentiert, die US-Hersteller von gesundheitsschädigender Bleifarbe vor Gericht gebracht hatten - was für diese letztlich mit einer Geldstrafe von 400 Millionen Dollar endete. Im Zusammenhang mit Schmerzmitteln war diese Strategie aber ein Novum. Sein Bundesstaat habe nun einen Weg für andere Kläger aufgezeigt, sagte Staatsanwalt Turner: "Wir haben es in Oklahoma geschafft. Ihr könnt es auch anderswo schaffen."

Schmerztabletten

Opioide können süchtig machen – eine Gefahr, die Pharmahersteller nach Ansicht eines Richters in Oklahoma verharmlosen.

(Foto: John Moore/AFP)

Tatsächlich könnte das Urteil Signalwirkung haben. In der vergangen Zeit haben sich viele Bundesstaaten, Indianerstämme, Gemeinden und Krankenhäuser zu Sammelklagen gegen weitere Pharmakonzerne zusammengetan. Besonders groß ist das öffentliche Interesse an einer Zivilklage gegen knapp zwei Dutzend Unternehmen, die in Cleveland im Bundesstaat Ohio eingereicht wurde. Ihr haben sich 2000 Kläger angeschlossen. Der Prozessbeginn ist für Anfang Oktober vorgesehen, doch der verantwortliche Richter Dan Polster hat bereits vor einiger Zeit klargestellt, dass er sich einen außergerichtlichen Vergleich zwischen den Klägern und den Konzernen wünscht. Der Vergleich wäre wahrscheinlich mit hohen Entschädigungszahlungen verbunden, die nach einem erst noch zu ermittelnden Schlüssel an die verschiedenen Kläger zu verteilen wären.

Die Chance, dass es zu einem solchen Vergleich kommt, sei nach dem Urteil von Oklahoma gestiegen, sagte David Maris, Pharma-Analyst bei der Bank Wells Fargo & Co., dem Wall Street Journal. Ein globaler Konzern wie Johnson & Johnson könne eine Geldstrafe von 572 Millionen Dollar verkraften. Kleinere Unternehmen dagegen, die mit ihren Schmerzmitteln womöglich einen größeren Marktanteil erzielten, gingen mit einem Prozess ein großes Risiko ein. Gut möglich also, dass sich bei Klägern in ganz Amerika schon bald die Anwälte von Pharmakonzernen melden werden, die sich mit ihnen hinsetzen wollen - um eine Entschädigung auszuhandeln.