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Schlosshersteller Abus:Schloss und Riegel

Liebesschlösser an Brücke

Langweilige Brücke oder der Ort, an dem man sich die Treue schwur: Die Umstände entscheiden über die Sympathie für einen Platz.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Ein Prokurist hat 16 Millionen Euro veruntreut. Der Gerichtsprozess zeigt, welches Risiko Familienunternehmen eingehen, wenn sie statt auf klare Regeln nur auf Vertrauen setzen.

Als sich Christian Bremicker am frühen Morgen des 30. August 2015 für den sonntäglichen Kirchgang bereit machte, wusste er noch nicht, dass sein Familienunternehmen Abus längst mitten in der größten Krise seiner Geschichte steckte. Bremicker las an diesem Morgen noch eine kurze E-Mail seines Prokuristen Joachim D., der um ein dringendes Treffen nach dem Gottesdienst bat. Nach diesem Treffen habe er dann "nur noch gebetet, dass ich keinen Herzinfarkt kriege", sagt Bremicker. Denn der Prokurist erklärte bei dem Treffen, dass er Firmengelder veruntreut habe. Zwischen 2010 und 2015 waren es insgesamt etwa 16 Millionen Euro, wie er schließlich vor Gericht gestand.

Joachim D. verfügte offenbar über alle Konten des Unternehmens, ohne jegliche direkte Kontrolle

Abus ist Weltmarktführer in der Sicherheitstechnik und verkauft Vorhängeschlösser, Alarmanlagen und Überwachungskameras. Jahrelang fiel in dieser Firma niemandem auf, dass eine enorme Summe Geld fehlt. Wie konnte es dazu kommen? Unter anderem um diese Frage ging es in dem Strafverfahren vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Hagen, das am Mittwoch zu Ende ging. Der Angeklagte Joachim D. wurde wegen Veruntreuung in 313 Fällen zu sechs Jahren Haft verurteilt. Er kann noch Berufung einlegen. Der Prozess zeigte, welch fragiles Fundament für eine Geschäftsbeziehung das absolute Vertrauen in das Gute im Menschen ist. Und welches Risiko patriarchalisch geführte Familienunternehmen eingehen, wenn sie nicht einmal grundlegende Compliance-Regeln beachten.

Im Januar 1988, als Joachim D. seinen ersten Arbeitstag in der Firmenzentrale in Wetter an der Ruhr hatte, waren gerade zwei Gesellschafter jung verstorben. Das Unternehmen, das seit 1924 traditionell nur von männlichen Familienmitgliedern geführt wurde, setzte zum ersten Mal jemanden von Außen als Einzelprokuristen ein. Immerhin war Joachim D. kein ganz Fremder. Er war der Familie Bremicker über ihre Kirchengemeinde empfohlen worden, die zur streng christlichen, traditionalistischen Brüderbewegung gehört. Damit erfüllte D. eine wichtige Voraussetzung: Wer bei Abus etwas werden will, der sollte die christlichen Grundsätze teilen, die sich das Unternehmen auferlegt hat.

Joachim D. übernahm also mit dem Schwerpunkt Finanzen und Controlling die Leitung des Unternehmens. "Mein Angestelltenvertrag war so weit gefasst, dass ich universell handeln konnte", sagt er vor Gericht. Das bedeutet: Er konnte offenbar über alle Konten des Unternehmens verfügen, ohne jegliche direkte Kontrolle. Absolutes Vertrauen. Nicht einmal ein Vier-Augen-Prinzip habe es gegeben, sagt der Anwalt der Eigentümerfamilie im Zeugenstand einigermaßen erstaunt. Als die Vorwürfe 2015 bekannt wurden, habe das Unternehmen erst einmal grundsätzliche Regeln für Arbeitsabläufe und gegenseitige Kontrolle erarbeiten müssen.

Bei Abus reden sie nicht gerne über Geld. Zumindest nicht in größerem Kreise. Das Unternehmen, eine Kommanditgesellschaft, veröffentlicht keine Zahlen. In den vergangen Jahren hat es weltweit expandiert, beschäftigt etwa 3500 Mitarbeiter. Das Unternehmen finanziere sich grundsätzlich aus Eigenmitteln, sagen die Gesellschafter - auch, um für Kredite keine Bilanzen vorlegen zu müssen. Die Familienmitglieder bemühen sich um einen bescheidenen Auftritt, fahren nach eigener Aussage zum Beispiel keine Luxuslimousinen. Den eigenen Wohlstand nicht zur Schau zu stellen, gebiete ihnen der Glaube, sagt Gesellschafter Christian Bremicker. Die Familie halte sich möglichst im Hintergrund.

Mitarbeiter mussten auf ihr Gehalt warten, Abus stoppte mehrere Bauprojekte

Diese Art, die Geschäfte möglichst intransparent zu führen, gepaart mit dem absoluten Vertrauen in eine einzelne Person, trug wohl auch dazu bei, dass Joachim D. unbemerkt große Mengen Geld abzweigen konnte. Als Prokurist war er unter anderem für einen geheimen Kontenkreis verantwortlich, der separat von der restlichen Unternehmensbuchhaltung geführt wurde. Dieser diente nach Aussage von D. dazu, die wahre Finanzmacht der Kommanditgesellschaft und die Gelder der Familienmitglieder und Führungskräfte vor den Mitarbeitern zu verschleiern. Offenbar ohne dass es jemand mitbekam, konnte Joachim D. ein zuvor inaktives Konto bei der Hagener Commerzbank nutzen, um einen Großteil des veruntreuten Geldes auf seine Privatkonten zu transferieren.

So konnte er ein Leben führen, das mit seinem üblichen Prokuristengehalt nicht zu finanzieren gewesen wäre: eine Yacht aus Hongkong für drei Millionen Euro, eine Villa in Remscheid für sieben Millionen Euro, erlesene Weine, maßgefertigte Möbel aus Tropenholz. Wann genau und warum er damit begann, seine Position auszunutzen und Geld aus dem Unternehmen für private Zwecke zu verwenden, daran erinnere er sich nicht, sagt der Angeklagte. Er habe die Beträge ursprünglich als Darlehen verstanden, die er irgendwann zurückzahlen würde. "Tatsächlich habe ich aber ab einem gewissen Zeitpunkt Maß und Überblick verloren."

Damit stürzte er das Unternehmen in eine Existenzkrise: D. hatte das Commerzbank-Konto immer wieder mit Saisonkrediten belastet, angeblich für die Firma Abus. Einer davon wurde Ende August 2015 fällig. Wenige Tage vorher wurden die Banker misstrauisch und fragten bei Joachim D. nach. Erst unter diesem Druck habe er schließlich zugegeben, Gelder veruntreut zu haben, stellte das Gericht bei der Urteilsverkündung fest. Die Bank forderte von Abus, einen zweistelligen Millionenbetrag sofort auszugleichen. Die Eigentümer organisierten das Geld innerhalb weniger Tage aus dem privaten Familienvermögen, doch Abus-Mitarbeiter mussten trotzdem mehrere Tage auf ihr Gehalt warten und Bauprojekte gestoppt werden. Dass das Unternehmen daran nicht zerbrach und heute wieder gut dastehe, sei "ein Wunder", sagt Gesellschafter Christian Bremicker.

Sechs Jahre Haft lautet nun das Urteil für Joachim D. und fällt damit eher streng aus. Der Vorsitzende Richter Andreas Behrens begründete das mit der "erheblichen kriminellen Energie" des Angeklagten. Er habe das enorme Vertrauen seines Arbeitgebers ausgenutzt, um sich seine "hemmungslose Geldverbrennung" im Privatleben leisten zu können. Auch zur Aufklärung habe Joachim D. nicht ausreichend beigetragen, bis auf sein Geständnis der belegbaren Vorwürfe habe er sogar eher gemauert. Echte Reue sei nicht erkennbar gewesen.

Vielmehr hätte die Familie D. trotz der beiden Privatinsolvenzverfahren von Joachim D. und seiner Frau alles dafür getan, ihren Lebensstandard zu halten. Die Insolvenzverwalterin versucht derzeit, Schenkungen an die beiden Töchter rückgängig zu machen. Die Staatsanwaltschaft Hagen ermittelt wegen Konkursdelikten gegen die Ehefrau und prüft derzeit offenbar Anzeichen, ob Joachim D. hier Beihilfe geleistet haben könnte.