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Scheinwissenschaft:Im Netz der Raubverleger

Immer wieder fallen Wissenschaftler auf zwielichtige Magazine herein, so wie der Professor und Unternehmer Günther Schuh. Die Forscher sehen sich als Opfer.

Günther Schuh, der Professor auf der Überholspur, steht im Stau. Prof. Dr. Günther Schuh, 59 Jahre, ein großer Mann mit großem Selbstvertrauen, erscheint fast zwei Stunden zu spät und ist atemlos: Derzeit sei so viel los, dass er nicht mal dazu komme, seine Familie zu bitten, die Anzüge aufzubügeln.

Zwischendurch auch noch Journalisten zu treffen, ist er gewohnt: "Maschinenbau-Professor mischt die Autobranche auf", schrieb die FAZ über ihn, erst kürzlich porträtierte die Süddeutsche Zeitung den "geschäftstüchtigen Professor". Schuh ist beides: Wissenschaftler und Unternehmer.

Gemeinsam mit seinem Kollegen Achim Kampker hat er einen Elektrotransporter entwickelt, 2014 verkauften die beiden ihr Unternehmen Streetscooter an die Deutsche Post. Schuhs neue Firma, die e.GO Mobile AG, steht nun kurz davor, einen batteriebetriebenen Stadtflitzer auf den Markt zu bringen. Mitte Juli eröffnete Ministerpräsident Armin Laschet feierlich das erste e.GO-Werk in Aachen.

Günther Schuh, der Unternehmer, profitiert davon, ein angesehener Wissenschaftler zu sein. Und Günther Schuh, der Wissenschaftler, profitiert davon, ein findiger Unternehmer zu sein. Doch jetzt zeigen Recherchen von SZ-Magazin, SZ, NDR und WDR: Günther Schuhs Name taucht, wie auch der seines Wegbegleiters Achim Kampker, neben zahlreichen anderen Wissenschaftlern in Publikationen von sogenannten Raubverlegern auf.

Eröffnung Elektroauto-Werk von e.GO

Politiker im Werk: Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Ego-Chef Günther Schuh und Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp mit dem Ego Life (von links).

(Foto: Marius Becker/dpa)

Die Betreiber geben sich als Wissenschaftsverlage aus und bringen Forscher dazu, ihre Ergebnisse bei ihnen einzureichen oder ihre Konferenzen zu besuchen - gegen Gebühren von bis zu 2000 Euro. Das Problem: Die meisten dieser Raubjournale behaupten zwar, eine Peer Review durchzuführen, also die Beiträge vor der Veröffentlichung von unabhängigen Wissenschaftlern prüfen zu lassen, wie es bei ernst zu nehmenden Verlagen üblich ist - jedoch zeigen die Recherchen: In vielen Fällen ist es ein Leichtes, dort selbst größten Unsinn unterzubringen und ihm damit einen seriösen Anstrich zu verpassen.

Die Datenauswertungen der SZ offenbaren: Die Schattenwissenschaft ist im Zentrum der Elite-Forschung angekommen, aber nicht nur dort. Auch parteinahe Institute, Dax-Konzerne und sogar Behörden finden sich in den fragwürdigen Publikationslisten. Genauso wie zahlreiche führende Wissenschaftler, die bei diesen Verlagen auftauchen und sich betrogen fühlen. Peter Nyhuis aus Hannover zum Beispiel, ein führendes Mitglied des nationalen Wissenschaftsrates. Nyhuis äußerte sein Bedauern und erklärte, man sei "nicht wissentlich einem System aufgesessen." Oder der Rektor der Universität Bremen, Bernd Scholz-Reiter. Er erklärte, dass ihm damals die Machenschaften dieser Verlage unbekannt waren und er sie heute verurteile. Viele Betroffene gaben auf Nachfrage an, von den Machenschaften solcher Verlage nichts gewusst zu haben.

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Scheinwissenschaft Wie eine Mischung aus Wissen, Halbwahrheit und Irreführung in die Welt sickert

Auch die RWTH Aachen ist mit 50 Dokumenten bei Raubverlegern vertreten. Mitarbeiter des Instituts, in dessen Direktorium Günther Schuh sitzt, haben über Jahre hinweg beim Raubverleger Waset publiziert, der mit grotesken Pseudo-Konferenzen fast wöchentlich Wissenschaftler an die schönsten Orte der Welt lockt, von Bali bis New York - wo dann die Ernüchterung folgt: In den Konferenzräumen herrscht inhaltliche Leere, Hauptsache jeder zahlt die Teilnahmegebühr, mindestens 300 Euro.

Mit den Recherchen konfrontiert, wird Schuh auffällig leise. "Wusste ich nicht", sagt er, "kenn' ich gar nicht!". Sein Haus verlasse nur anständige Forschung. Schuh gibt aber von sich aus eine Antwort auf die Frage, wie es kommen konnte, dass wiederholt Mitarbeiter von ihm auf Waset hereingefallen sind: Wenn jemand seinem Institut eine Bühne biete, "nehmen wir die in aller Regel mit". Der Veröffentlichungsdruck sei immens. Später lässt Günther Schuh schriftlich mitteilen, dass auf die Hinweise der SZ hin, "keinerlei Aktivität meiner Institutsteile mehr mit diesen Verlagen passieren werden". Für ihn wird es wohl nur ein kleiner Lackschaden bleiben, bei voller Fahrt. Aber die gesamte deutsche Wissenschaft sollte die Kollision mit den Raubverlegern daran erinnern, dass Geschwindigkeit oft genug auf Kosten von Gewissenhaftigkeit geht.