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Report:Stille Macht am Berg

Der DAV ist die größte Bergsportvereinigung der Welt, ein Konzern mit Millionenumsatz. Auf Spurensuche in den Alpen.

Es ist kalt an diesem Dezembermorgen in Oberaudorf. Es hat geschneit. Sogar die Schlittenstrecke vom Brünnstein hinab in die Mühlau sei befahrbar, lautet die Auskunft von der Hütte unter dem 1600 Meter hohen Gipfel. Das Aufsteigen wärmt auf, die Wegbeschreibung passt. Der Weg klar gekennzeichnet, ja man kann sagen: Der Berg ist gemacht. Zwei Stunden soll es dauern bis zum Brünnsteinhaus. Die vom Bergführer angeratenen Grödeln mit den Metallzacken für besseren Tritt können im Rucksack bleiben. Dass es so gut bergan geht, liegt vor allem an Christian Berghofer.

Bevor der erste große Schneefall kam, hat er Schilder erneuert und Stufen ausgebessert, ein paar dicke Äste, die nach den herbstlichen Stürmen liegen geblieben waren, beseitigt und das Wegenetz rund um "seinen" Berg für den Winter vorbereitet. Berghofer ist Wegereferent beim Deutschen Alpenverein in Rosenheim, bei einer von 356 Sektionen im größten Bergsportverein der Welt mit bald 1,3 Millionen Mitgliedern, den alle nur kurz DAV nennen. Berghofer macht das im Ehrenamt. Gemeinsam mit einem Kollegen kümmert er sich um 400 Kilometer Wanderwege, Pfade und Gipfelstiege rund um den Brünnstein und den Hochries, beides beliebte Ausflugsziele, die einschließlich der Hütten von der Sektion Rosenheim unterhalten werden. "Es muss alles passen, damit Wanderer und Bergsteiger sicher unterwegs sein können", erklärt der 51-Jährige, der im Hauptberuf Hubschrauberpilot ist bei der Bundespolizei.

Das rund 30 000 Kilometer große Wegenetz und die insgesamt 322 Hütten des DAV in den Alpen sind so etwas wie "die heiligen Kühe des Alpenvereins", sagt Berghofer. Neben den Mitgliedsbeiträgen sind die Hütten mit 800 000 Übernachtungen im Jahr Einnahmegaranten für den Verein.

Er habe das Glück, in früheren Jobs vieles gelernt zu haben, was er in seinem Ehrenamt nun brauchen könne, sagt Berghofer: Wege trockenlegen, Mauern untersetzen, Gerüste bauen, Stufen reparieren. "Die meiste Freizeit verbringe ich mit meiner Frau in den Bergen. Die Alpen, das ist ein Refugium, das uns viel gibt, und das ich erhalten will", erklärt er sein Engagement. Er teilt diesen Enthusiasmus mit mehr als 26 000 ehrenamtlich tätigen Mitgliedern im Alpenverein. Sie arbeiten fast zwei Millionen Stunden pro Jahr für den DAV und bringen dem Verein abzüglich der Kosten eine "Wertschöpfung von fast 28 Millionen Euro", wie sie beim Bundesverband in München ausgerechnet haben.

Überall gilt, was Yvonne Tremml vom Brünnsteinhaus bei Schlechtwetter mit Fotos belegt: Der Ausblick ist unschlagbar.

(Foto: Simone Boehringer)

"Wieso fragen Sie nach Geld?", sagt die Wirtin. Und zeigt das Gipfelpanorama

Diese Freiwilligendienste weiß auch Yvonne Tremml zu schätzen. Mit ihrem Mann Sepp betreibt die 40-jährige Oberaudorferin ganzjährig das Brünnsteinhaus, das dem DAV gehört. Das heißt: Sie zahlt eine "faire Pacht", wie sie sagt, einen monatlich vierstelligen Betrag. Einschließlich der Bettenpauschale vom DAV pro Übernachtungsgast "haben wir schon unser Auskommen", sagt sie. Freilich sei es nicht zu vergleichen mit ihrem vorherigen Job als Tourismuschefin. Und ihr Mann, der jetzt in der Hütte kocht, leitete zuvor den Bauhof in Oberaudorf. "Wieso fragen Sie nach Geld? Schauen Sie doch, wie es hier aussehen kann!" Wirtin Tremml nimmt einen Posterkalender mit Panoramen von der Wand. "Vom Kaisergebirge bis zum Großglockner und Großvenediger können Sie sehen, wenn es das Wetter hergibt." Es seien diese Momente, die ihr und ihrem Mann immer wieder bestätigen, das Richtige getan zu haben, als sie ihre Managerjobs im Tal aufgaben und rauf auf die Hütte zogen.

50, 100, am Wochenende auch mal bis zu 300 Gäste kämen am Tag in das Brünnsteinhaus, sagt Tremml. Bis zu 60 Ausflügler könne sie pro Nacht beherbergen. Auf dem Brünnstein, nur eine Stunde von München entfernt, ist meist viel los.

Die bayerische Landeshauptstadt ist Hochburg für den Alpenverein. Allein die beiden größten Sektionen, München und Oberland, haben zusammen etwa 170 000 Mitglieder und Jahresbudgets von etwa zehn Millionen Euro. Ein Volumen, das für mehr reicht als zum Unterhalt der 16 zu den Sektionen gehörenden Hütten. So stemmte die Sektion München vor drei Jahren mithilfe von Fördergeldern, Darlehen und Spenden den 5,5 Millionen Euro teuren Neubau der Höllentalangerhütte auf dem Weg zur Zugspitze. Für 2019/20 ist im Verbund mit mehreren Sektionen ein weiteres Leuchtturmprojekt geplant: der Ausbau des europaweit größten Kletterzentrums in Thalkirchen mit einer weiteren Halle. Bis zu sechs Millionen Euro sind für das Projekt veranschlagt. Die Genehmigung steht allerdings noch aus.

Da die Sektionen als regionale Vereine alle einzeln Buch führen, ist es schwer, einen Überblick über alle Bauvorhaben und Aktivitäten des DAV zu bekommen. "Es gibt keine konsolidierte Bilanz", heißt es in der Bundesgeschäftsstelle. "Die Sektionen müssen uns keine Rechenschaft ablegen." Man muss also viele Hundert Einzelberichte durchforsten, um zu erfassen, was dieser Riesenverein so alles auf die Beine stellt. Dass die beiden mitgliederstärksten Sektionen München und Oberland Millionenetats verwalten, überrascht nicht. Aber auch eine mittelgroße Einheit wie etwa die in Rosenheim kommt mit 10 000 Mitgliedern auf Beitragseinnahmen von immerhin 400 000 Euro.

So urig sie auch sind, in den Vereinshütten stecken Millionensummen

Insgesamt habe der DAV in den vergangenen zehn Jahren allein für Hüttenbaumaßnahmen 103 Millionen Euro ausgegeben, heißt es im Sektions-Magazin Alpinwelt-Extra zur Fertigstellung der Höllentalangerhütte 2016. Seitdem sind weitere Projekte hinzugekommen. Die genehmigte Gesamtbausumme im DAV für 2017 lag laut Jahresbericht bei knapp 15 Millionen Euro. Hinzu kamen knapp neun Millionen Euro für Kletteranlagen, dem zweiten starken und seit Jahren boomenden Bereich. Rund 200 Anlagen sind inzwischen in Betrieb, pro Jahr kommen nach Angaben des DAV etwa zehn neue hinzu. Seit der Jahrtausendwende hat der Boomsport dem Alpenverein 300 000 neue Mitglieder eingebracht, ist dem bundesweiten Mitgliedermagazin Panorama zu entnehmen.

Im Gespräch mit Wegereferent Berghofer und Hüttenwirtin Tremml interessieren die Großprojekte nur am Rande. Hier geht es um Einkäufe, Reparaturen und Organisatorisches. Für die Zahlen sind andere zuständig. Zum Beispiel Franz Knarr, der Sektionsvorsitzende. 1,5 Millionen Euro habe sich der DAV Rosenheim die Modernisierung des Brünnsteinhauses in den vergangenen 25 Jahren kosten lassen, rechnet Knarr vor. Weitere zwei Millionen Euro entfielen auf die Hochrieshütte auf dem "Rosenheimer Hausberg", wie sie hier sagen. Sie soll die erste Skihütte der Alpen gewesen sein, erbaut vor dem Ersten Weltkrieg - aber ganz sicher weiß man das nicht.

Der Berg ist bereitet von den Wegewarten und so geht es auch im Schnee gut voran: Aufstieg auf den Brünnstein im morgendlichen Sonnenschein.

(Foto: Simone Boehringer)

Knarr führt die Geschäfte der Sektion seit 30 Jahren. Die Ehrenamtsstunden seiner Leute rechnet er mit der Bundesgeschäftsstelle ab, "wir bekommen dann Beiträge rückvergütet vom Dachverband", erklärt er. Geld, das er dann wieder in Renovierungen von Hütten und Wegen, in Schulungen und Veranstaltungen für die Mitglieder stecken kann.

So funktioniert es, das Stammgeschäft des Alpenvereins, das eigentlich "Zweckbetrieb" heißt in der Buchhaltersprache der Vereine. Es ist das traditionelle und neben den Bereichen Bergsport, Ausbildung und Klettern mehr als nur ein Standbein für den Alpenverein. "Die Hütten sind die wichtigsten Identifikationsflächen für den Verein. Da fließt so viel Herzblut hinein, die Bedeutung kann man wirtschaftlich gar nicht messen", erklärt Olaf Tabor, seit gut sechs Jahren Hauptgeschäftsführer des DAV. Der 47 Jahre alte promovierte Sportwissenschaftler leitet die Bundesgeschäftsstelle in München. Tabor hat sich Zeit genommen, zu Finanzdetails wird er von der Presse nicht oft gefragt, verrät sein Sprecher.

Dabei gibt es auch im Bundesverband einiges zu berichten. So laufen die Fäden des DAV derzeit noch in einem wenig repräsentativen, aber funktionalen Gebäude im unspektakulären Stadtteil Untermenzing zusammen. Aber: "Das Wachstum hat dazu geführt, dass wir bald aus den Nähten platzen", sagt Tabor. Etwa 5000 neue Mitglieder stoßen jedes Jahr dazu. Für 2020 ist deshalb ein Umzug geplant, die neue Zentrale entsteht gerade in der Parkstadt Schwabing, nahe der Autobahn-Zufahrt zur A9. Dort saniert der DAV einen Teil des ehemaligen Stammhauses des Langenscheidt-Verlags.

Die Kosten für den Umbau: mehr als 20 Millionen Euro. Eine Summe, die man sich ohne die riesige Mitgliederzahl im Hintergrund sicher nicht leisten könnte. Tabor und seine etwa 100 Kollegen in der Bundesgeschäftsstelle - dazu gehören auch das DAV-Museum auf der Münchner Praterinsel und die Bildungsstätte Bad Hindelang im Allgäu - sind hauptberuflich im Alpenverein tätig. Der Bau der neuen Zentrale ist nur eine Baustelle des Vereins, und sicher auch nicht die Wichtigste. Gleichwohl erntet das Projekt mehr Kritik als jede Hüttenrenovierung: "Braucht's das?" hört man in Gesprächen mit Mitgliedern, gelegentlich fällt auch das Wort "Wasserkopf". Mit solchen Reaktionen hatte die Geschäftsführung wohl schon gerechnet. Sie hat sich das Bauvorhaben von der Hauptversammlung des Vereins und damit von allen Delegierten der Sektionen absegnen lassen.

103 Millionen Euro verbaute der Alpenverein in den vergangenen zehn Jahre in seinen Hütten. Manche wurden neu errichtet, wie die Höllentalangerhütte.

(Foto: Bernd Ritschel/mauritius)

Der DAV ist überall in Deutschland vertreten, nicht nur nahe den Alpen. Auch im Ruhrgebiet oder Hamburg sitzen große DAV-Sektionen. Viel Zulauf gibt es zuletzt in Ostdeutschland, wo 2017 neue Kletterzentren eröffnet wurden, in Dresden und Weimar. Viele Sektionen haben zudem eine oder auch mehrere DAV-Hütten in der Obhut. Nicht wenige Häuser sind nach der Sektion benannt, die sie erbaut hat - so gibt es etwa ein Hannover und ein Kölner Haus und eine Wormser und eine Potsdamer Hütte. Alles Orte, die man nicht unbedingt mit den Alpen in Verbindung bringt.

"Es gibt viele unterschiedliche Motive, die die Menschen zu uns führen", freut sich Geschäftsführer Tabor. Wandern, Skitouren gehen und Klettern gehörten genauso dazu wie der Wunsch nach Ausbildung im Bergsport oder schlicht die Liebe zur Natur. Denn der DAV ist beides, Naturschutzorganisation und Sportverein. Und seit Neuestem ist der DAV auch betreuender Dachverband für eine olympische Sportart: Der Wettbewerb im Klettern wird 2020 zum ersten Mal in Tokio olympisch ausgetragen. "Dafür haben wir zu Januar 2019 den Leistungssport in eine gemeinnützige GmbH ausgegliedert", sagt Tabor. So verlangen es Bundesinnenministerium und Deutscher Olympischer Sportbund, damit die neue Einheit für Leistungssport direkt Fördermittel bekommen kann. Der DAV insgesamt finanziert sich allerdings "zu gut 80 Prozent aus Mitgliedsbeiträgen und ist somit weitgehend unabhängig von Zuschüssen und Spenden", betont Tabor.

Rund 26 Millionen Euro aus Mitgliedsbeiträgen bekommt der Bundesverband von den Sektionen für 2018 überwiesen. Ein Gutteil davon fließt als Zuschuss für den Bau von Kletteranlagen oder für Hütten- und Wegesanierungen an die Sektionen zurück.

2019 wird ein großes Jahr für den DAV, ein Jubiläumsjahr. Vor 150 Jahren, 1869, wurde der Verein gegründet, mit dem "Zweck, die Kenntnisse von den Deutschen Alpen zu erweitern und verbreiten, ihre Bereisung zu erleichtern", wie es in der ersten Satzung heißt. Statt Sennerhütten mit Strohlagern und ohne Toiletten entstanden nach und nach komfortablere Herbergen, der Österreichische und der Deutsche Alpenverein taten sich schnell zusammen, um die logistische Herausforderung gemeinsam zu stemmen.

Heute gelten die Alpen als ausreichend erschlossen, insgesamt 570 Hütten betreiben der Deutsche, der Österreichische und der Südtiroler Alpenverein. Vielen Mitgliedern geht es nun darum, das Erreichte zu bewahren und eine weitere Kommerzialisierung, wie sie etwa mit der Zusammenlegung verschiedener Skigebiete immer wieder versucht wird, zu verhindern.

Im Kleinen hat das Engagement gefruchtet. Auf Druck vieler Umweltschützer, auch aus dem DAV, hat die Bayerische Landesregierung die Pläne für eine Skischaukel am Riedberger Horn im Allgäu gestoppt. Dabei sind sich die Sektionen nicht immer grün bei solchen Fragen, und manche vertreten auch andere Meinungen als das Präsidium oder die Bundesgeschäftsstelle. In der jährlichen Hauptversammlung und in den regionalen Mitgliedertreffen wird oft heftig um den Kurs gestritten. "Auseinandersetzungen zwischen Naturschützern und Bergsportlern sind bei uns so alt wie der Verband selbst", sagt Hauptgeschäftsführer Tabor. "Wir führen diese Debatten mit Leidenschaft und Überzeugung. Im Ergebnis müssen wir unsere Positionen immer wieder nachjustieren, und das ist gut so." Lokale Skivereine zum Beispiel wollen möglichst ortsnah gute Trainingsgebiete, die Gemeinden legen oft mehr Wert auf naturbelassene Naherholungsgebiete.

"Die Alpen sind schön", heißt der aktuelle Slogan, "Noch." Es lohne sich dafür zu kämpfen

Für 2019 hat sich der DAV entschieden, dem Naturschutz Vorrang zu geben. Gemeinsam mit den Österreichern und den Südtirolern wird gerade eine Kampagne gestartet: "Die Alpen sind schön. Noch. Es lohnt sich, dafür zu kämpfen", heißt der Slogan, mit dem der DAV die Bevölkerung mobilisieren will. "Projekte zur Zusammenlegung der Skigebiete Sölden und Pitztal, Hochötz und Kühtai sowie eine Skischaukel vom Kaunertal bis ins Langtauferer Tal, mit der erstmals mit Liften der Alpenhauptkamm überwunden würde, sollen problematisiert werden", erklärt ein DAV-Sprecher. Ziel sei es, Ausbauprojekte zu stoppen.

Brünnstein-Wirtin Tremml muss sich mit solchen Themen nicht rumschlagen. Viele Wege führen auf ihren Berg, aber kein Lift, der die Ruhe stört. Es ist nachmittags halb vier, der Mittagsansturm an Gästen ist vorbei. Für die Übernachtungsgäste muss sie noch nichts tun. Bleibt noch eine Stunde, um bei Helligkeit einige Arbeiten draußen zu erledigen - und um Schlitten herauszugeben. Die Naturrodelbahn beginnt vor der Hütte, der Weg führt zurück in die Mühlau und dauert etwa 20 Minuten. Und: Die Wolkendecke reißt auf, der Blick, von dem Yvonne - am Berg oberhalb 1000 Meter ist man jetzt per Du - so geschwärmt hatte, ist plötzlich live, der Großglockner gut sichtbar. "Und da fragst noch, warum wir hier bleiben?"

Und dann reißt die Wolkendecke auf - und die Brünnsteinhütte bietet ihren schönsten Blick auf die Alpen.

(Foto: Simone Boehringer)