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Report:Monsieur Jean-Philippe macht sein Ding

Die Industriellen-Dynastie Peugeot will nicht mehr in Autos investieren. Die Erben besinnen sich stattdessen auf die Ursprünge des Clans. Es geht dabei auch darum, verlorenen Unternehmerstolz zurückzugewinnen.

/Quingey"Das ist der Hang, der dem deutschen Auto zu steil war!" Jean-Philippe Peugeot zeigt auf die kleine Auffahrt zur Villa Le Rocher. "Wie ärgerlich!", feixt er. Bei den Peugeots erzählt man sich noch immer gern diese Story über Gottlieb Daimler, der 1889 mit seinem Motorwagen an der sanften Drei-Prozent-Steigung scheiterte. Der Benzinantrieb, eine revolutionäre Innovation, verhungerte just vor der Familienvilla der Peugeots im Örtchen Valentigney. Die gute Zusammenarbeit, die danach zwischen Daimler und Jean-Philippes Urahn Armand Peugeot entstand, verhinderte das Malheur aber nicht. Im Gegenteil, Armand Peugeot baute den Daimler-Motor in sein Vierrad Type 3 ein, verkaufte es 64-mal - und legte das Fundament für das Autoimperium der Familie.

Hier in der Gegend um Sochaux, am Fuß des französischen Jura, ist der Ursprung des Imperiums. Hier schlägt "das Herz von Peugeot", wie Jean-Philippe Peugeot sagt. Graue Arbeiterhäuschen säumen die Straßen, man sieht den Dörfern ihre industrielle Vergangenheit an. Jeder Ort wartet mit einem eigenen Superlativ auf: ältester Peugeot-Standort, erste Motorenwagen-Manufaktur der Welt, älteste noch laufende Autofabrik der Welt. Zwischendrin verbergen sich hinter hohen Hecken prächtige Herrenhäuser. Das sind die Villen der Peugeots.

Jean-Philippe Peugeot, 64, ein Mann ohne viele Allüren, besteht darauf, hinten im Auto zu sitzen. Es ist einer dieser neumodischen SUV-Geländewagen, aber kein Angeberauto, so etwas gibt es von Peugeot sowieso nicht. Der Chef lässt den mitreisenden Firmenhistoriker fahren. Er ruft ihn immer nur beim Nachnamen: "Charpentier!" Charpentier wiederum nennt ihn stets "Monsieur Jean-Philippe". Der Familienname erübrigt sich. Ein wenig patriarchalische Rest-Allüren dürfen dann doch sein. Die Peugeots sind schließlich Europas älteste Autodynastie. Gegen sie sind die Porsche-Piëchs (Volkswagen), Quandts (BMW) und Agnellis (Fiat) Anfänger auf dem Zeitstrahl der Industriegeschichte.

Die Peugeots neigen nicht dazu, sich in der Öffentlichkeit zu produzieren. Man pflegt protestantische Diskretion. Aber Monsieur Jean-Philippe, der Chef der Familienholding Établissements Peugeot Frères (EPF), macht eine Ausnahme. Er nimmt die Süddeutsche Zeitung mit auf eine Reise durch Peugeot-Land. Denn er will etwas zeigen: dass in der glorreichen Vergangenheit seiner Familie auch ihre Zukunft liegt. Es ist nicht lange her, da musste sich der Clan sorgen, überhaupt Zukunft zu haben.

Doch wenn Jean-Philippe Peugeot nun in der Vergangenheit einen Neuanfang sucht, hat er eine Epoche im Sinn, die noch weiter zurückliegt als 1889, als mit Gottlieb Daimlers Hilfe die Auto-Ära bei Peugeot begann. Er denkt an die berühmten Peugeot-Pfeffermühlen. An Werkzeuge. Auch an Kaffee. Alles schon mal da gewesen in der Firmengeschichte, lange vor dem Auto. Alles Dinge, die mit Kraftfahrzeugen gottlob nichts zu tun haben.

Europas älteste Autodynastie will nämlich nicht mehr in Autos investieren. Die Abhängigkeit vom PSA-Konzern, zu dem neben Peugeot und Citroën seit Neuestem die deutsche Traditionsmarke Opel gehört, hätte die Familie vor vier Jahren fast ins Verderben gestürzt. "Wir wollen jetzt nicht mehr alle Eier in einen Korb legen", sagt Jean-Philippe Peugeot. Das ist Französisch für: nicht alles auf eine Karte setzen. Die Peugeots wollen nachholen, was ihnen etwa die Quandts weit voraus haben. Sie müssen ihr Vermögen breiter anlegen, diversifizieren.

Aber es geht nicht nur um Geld. Es geht um mehr. Es geht um verlorene Unternehmer-Ehre. Denn der Stolz der Dynastie geriet mit unter die Räder, als ihr 2014 die Kontrolle über PSA entglitt. Mit Investitionen, die mindestens zum Teil an die Anfänge anknüpfen, will sie ihn zurückgewinnen. Als Entrepreneure vor der eigenen Geschichte zu bestehen - darum geht es.

Sie investieren jetzt in den Fonds der Familie Reimann

Zurück zu den Ursprüngen. Nimmt man es wörtlich, entdeckt man ein reizendes, unbekanntes Stück Frankreich. Von der Villa Le Rocher in Valentigney aus führt die Straße erst am romantisch gewundenen Fluss Doubs und dann, an einem Bach entlang, sanft hinauf in ein nebelverhangenes Tal. Die Gegend sei "schön, aber ein wenig karg", murmelt Jean-Philippe Peugeot auf der Rückbank. "Verständlich, dass man sich da der Arbeit hingibt."

Je weiter die Straße ins Tal führt, durch die schlichten Dörfer, vorbei an den alten Manufakturen, desto weiter zurück gelangt man in der Historie der Peugeot-Standorte. Autos, Fahrräder, Nähmaschinen, Kaffee- und Pfeffermühlen, Stoffe, Holzwerkzeuge - so geht die Rückwärts-Zeitreise am Wasser hinauf. Als es nur noch wenige Kilometer bis zur Schweizer Grenze sind, dort, wo sich der Bach zu einem Teich staut, hält Charpentier den Wagen an. Hier ist es. Dies ist der Fleck, an dem alles begann, als zwei Brüder 1810 ihre Getreidemühle in eine Gießerei umwandelten. Ihr erstes Produkt waren Qualitätssägen, Marke Peugeot. Außer einem Gedenkstein zeugt heute nichts mehr davon.

Zurück zu den Ursprüngen. Nimmt man es nicht wörtlich, sondern erhebt es zu einer Maxime für unternehmerisches Handeln, wird daraus keine kurzweilige Reise, sondern vielleicht ein beschwerlicher Gang. Jean-Philippe Peugeot versucht sich mit seiner Holding EPF derzeit an neuen Werkzeugen Marke Peugeot. Er lässt in einer kleinen Firma Elektrobohrer fertigen, und in einer anderen eben Pfeffer- und Kaffeemühlen. Er fange klein an, räumt er ein. "Aber es ist mein Ding", sagt er. Sein Cousin Robert Peugeot, PSA-Aufsichtsrat und Chef der zweiten, von Jean-Philippes EPF beherrschten Familienholding FFP, verwaltet unterdessen das Gros der verbliebenen Beteiligung am Autohersteller und kümmert sich um die größeren Investments.

Jean-Philippe Peugeot: Der 64-Jährige ist Chef der Familienholding Etablissements Peugeot Frères (EPF), in der alle Firmen und Beteiligungen des Clans gebündelt sind.

(Foto: Privat)

Jüngst zum Beispiel steckte Robert Peugeot 150 Millionen Dollar in den Fonds JAB, der Marken wie Jacobs-Kaffee und Softdrinks wie Dr. Pepper besitzt. Hinter JAB steht die deutsche Industriellenfamilie Reimann; die wurde mit Calgon und Kukident reich. Die Peugeots betrachten das Bündnis mit den Chemie-Erben als glückliche Fortführung der wechselvollen Geschichte, die sie mit Deutschland verbindet - von den Weltkriegen bis zur Opel-Übernahme. Vor allem jedoch ist es ein Mittel, das Risiko zu mindern. Das Risiko Auto. "Wir suchen Anlagen, die so stark wie möglich vom Automobil abgekoppelt sind, aber auch untereinander entkoppelt sind", sagt Robert Peugeot. "In Kaffee zu investieren, ist wirklich etwas ganz anderes."

Die zwei Peugeot-Häuptlinge zweifeln nicht grundsätzlich am Geschäft mit Autos, was in Zeiten der Sharing Economy auch passieren könnte. Es ist die "Nahtoderfahrung" von 2014, die nachwirkt. So nennt der gegenwärtige PSA-Vorstandschef Carlos Tavares die Fast-Pleite, die von der Familie durch strategische Fehler mitverursacht wurde. Der Peugeot-Löwe, 1847 als Symbol der Stärke erfunden, war so schwach geworden, dass eine Not-Rekapitalisierung unausweichlich war. Die Peugeots wollten und konnten die fälligen Milliarden allerdings nicht aufbringen. So mussten der französische Staat und ein chinesischer Zulieferer Europas zweitgrößten Autokonzern retten. Eine Schmach für die Unternehmerfamilie. Ihr Anteil am PSA-Kapital schmolz auf 13 Prozent.

"Es war ein Überlebenskampf", erzählt Jean-Philippe Peugeot. "Ich spürte die Pflicht, 200 Jahre Geschichte zu retten." Sein in aller Welt bekannter Name drohte ein Synonym für Niedergang zu werden. Heute geht es PSA wieder gut; der Hersteller hat sich vom Gründerclan gelöst. Nur umgekehrt fällt die Abnabelung schwer. Der Glaube der Familie an ihre eigene Gestaltungskraft war ja unerschütterlich: "Der Vorstandschef ist nicht der Erste, der direkt nach Gott kommt", pflegte Ex-Aufsichtsratschef Thierry Peugeot zu sagen. Er wurde während der Krise 2014 von seinen Vettern Robert und Jean-Philippe in einem bitteren Streit entmachtet, weil er die Retter-Aktionäre ablehnte. Heute versichert Jean-Philippe: "Niemand in der Familie widersetzt sich der Diversifizierung."

Cousin Robert war als Anleger in den vergangenen Monaten äußerst aktiv, um das geschrumpfte Vermögen wieder zu mehren. Die vier Milliarden Euro seiner FFP-Holding muten im Vergleich zum Reichtum etwa der Partnerfamilie Reimann fast bescheiden an. "Wir bewundern die Wertbildung dieser Familie sehr", sagt Robert Peugeot. Auch er vertraut auf Investments zum Anfassen, will Sachen, die er versteht, wie er sagt. Also legt er das Geld des Clans jetzt beim Flugzeugausrüster Safran, dem Pflegeheimbetreiber Orpea und in Kaffee an. Start-ups finanziert Robert Peugeot höchstens indirekt, über Fonds.

Das alles mag etwas altmodisch wirken. Es stört die Peugeots nicht. Der Konservatismus - der früher darin gipfelte, dass nur die männlichen Stammhalter Firmenanteile erben konnten - gehört zur Familie. Genau wie die protestantische Wirtschaftsmoral. Das Gebiet um Sochaux zählte bis zur Französischen Revolution 400 Jahre lang zu Württemberg, dessen Herzöge Luthers Lehre dorthin trugen. "Wir erkennen uns bei Max Weber wieder", zitiert Robert Peugeot den Theoretiker des protestantischen Kapitalismus. Mit Weber'scher Verantwortungsethik begründen er und Jean-Philippe in der Rückschau auch ihren Verzicht auf die Macht bei PSA 2014.

Doch die Entsagung kennt Grenzen. Im Restaurant des Peugeot-Museums in Sochaux offenbart sich Monsieur Jean-Philippe gern als Bonvivant. Er gönnt sich eine deftige Wurstplatte und einen feinen Burgunderwein, um dann von seinen Geschäftsideen zu erzählen. Brillengestelle, Uhren, Socken. Es gibt viele Dinge, auf denen er sich seinen Namen vorstellen kann. Er sucht gerade nach Herstellern, die er kaufen kann. Immer schon hat sich die Familie als Generalausstatter französischer Haushalte verstanden - von Korsettstäben bis zu Zahnkronen produzierte sie alles. "Unser Name ist Synonym von Qualität und Respektabilität", meint Jean-Philippe Peugeot. Nur die legendären Peugeot-Fahrräder darf er nicht bauen. Die Rechte dafür hat PSA, nicht er.

Die Pfeffermühlen-Fertigung stand vor der Pleite - nun läuft sie wieder rund

Was schon richtig gut läuft, sind die Pfeffermühlen. Der Betrieb mit 200 Mitarbeitern steht heute 100 Kilometer weiter südwestlich, in einem Dorf namens Quingey. Jean-Philippe Peugeot hat ihn 2014 übernommen und so vor der Pleite bewahrt. 2014, das war das Jahr der großen PSA-Krise - und der Moment der Rückbesinnung auf kleine, in Holz gefasste Präzisions-Mahlwerke. Peugeot setzte in Quingey einen Sanierer ein, der Produktion aus China zurückholte und die Fabrik modernisierte. Heute wird dort im Dreischichtbetrieb gefräst, gedreht, geschliffen, lackiert. Zwei Millionen Pfeffermühlen und Salzstreuer stellt die Fabrik jährlich her, der Export geht in 90 Länder. "Klar profitabel" sei die Firma, sagt Peugeot, und es schwingt schon ein bisschen Stolz mit. In fünf Jahren will er den Umsatz von 35 Millionen Euro auf mehr als 100 Millionen Euro steigern. Peugeot soll eine Marke für hochwertige Kochutensilien aller Art werden.

Nicht überall, wo ein notleidender Betrieb mit Peugeot-Vergangenheit in der Region zu kämpfen hat, lässt sich die Familie in die Pflicht nehmen. Das Werk für Peugeot-Roller wurde nach Indien verkauft. Dem FC Sochaux, von Jean-Philippes Großvater gegründet und mehrfach französischer Fußballmeister, droht nach der Übernahme durch einen windigen Chinesen Lizenzentzug samt Abstieg in die fünfte Liga. "Jedes Mal, wenn ein Stück verloren geht, tut es mir im Herzen weh", beteuert Jean-Philippe Peugeot. Ach ja, das Herz.

Charpentier steuert den Wagen vor einen großen Hangar. In ihm verbirgt sich ein Firmenarchiv - ein besonderes: In Hochregalen stapeln sich hier über vier Ebenen mehr als 400 alte Peugeots. Klassiker aus den Dreißigern wie der 302, Nachkriegs-Bestseller wie der 504, Rallyewagen, Kuriositäten. "Den hier liebe ich", ruft Jean-Philippe Peugeot. Er streicht über die Haube eines Sportwagens. Da wird der Autodynast ein bisschen sentimental.

Es ist nicht so einfach mit der Loslösung von den Autos, vor allem nicht der inneren. Etwas fehlt, seit sich die Familie die Macht bei PSA teilen muss. Wie viele andere aus seiner Peugeot-Generation, der achten, hat Jean-Philippe sein Leben im Konzern verbracht. Von der Marktbeobachtung bis zum Aufsichtsrat hat er alles gemacht. 2018 arbeiten nur noch drei Familienmitglieder bei dem Hersteller. Und das ausgerechnet jetzt, wo es drüben im riesigen Stammwerk Sochaux plötzlich wieder richtig brummt. Sogar Opels werden dort jetzt gebaut. Der Kauf der verlustreichen deutschen Marke bringt PSA nicht in neue Gefahr, glaubt Peugeot, sondern ist der Anfang einer neuen Erfolgsära.

Wie verständlich wäre es da, wollte die Gründerfamilie doch wieder in Autos investieren und den Anteil an PSA aufstocken - mit dem Geld aus Kaffee und Pfeffermühlen. "Das ist nicht tabu, darüber kann man nachdenken", sagt Jean-Philippe Peugeot. Vor 2024 geht zwar nichts, besagt ein Aktionärspakt mit den anderen wichtigen PSA-Eignern. Aber dann? Es dürfen nur nicht wieder alle Eier im selben Korb liegen.

Wer auf zwei Jahrhunderte Unternehmensgeschichte zurückblickt, denkt in langen Zeiträumen. "Ich hoffe, dass auf uns noch mindestens ein Dutzend Generationen folgt", sagt Jean-Philippe Peugeot. Er selbst hat zwei erwachsene Kinder. Diese Generation, die neunte also, zählt etwa 100 Mitglieder. Bei so vielen Erben wird es nicht leichter, das Geschlecht der Peugeots und sein Geld zusammenzuhalten.

"Wir dürfen uns bei den Berufungen an die Spitze unserer Firmen nicht vertun", räumt Peugeot ein. Zurzeit erarbeitet er ein familieninternes Führungskräfteprogramm, das Talente ausmachen und an ihre Aufgaben heranführen soll. Noch einmal darf eine Beinahe-Katastrophe wie in Jean-Philippe Peugeots Generation nicht passieren. Womöglich ist es für die Kinder und Enkel eines Tages sogar das Richtige, den Autobau aufzugeben. Wer weiß.

Monsieur Jean-Philippe nimmt einen kräftigen Schluck Wein. "Für mich selbst habe ich einen einzigen Wunsch", sagt er dann. "Dass es in ferner Zukunft in der Familie von mir heißt: Onkel Jean-Philippe hat keinen zu großen Scheiß gebaut." Das heißt auch nichts anderes als: vor der großen Peugeot-Geschichte bestehen.