Report Im Tal der Klick-Arbeiter

Andrea Nahles und Reiner Hoffmann erkunden im Silicon Valley die Arbeitswelt von morgen. Was sie sehen, stimmt sie optimistisch: Deutschland steht im Vergleich nicht schlecht da. Ein frommer Wunsch?

Von Guido Bohsem, San Francisco

Die Reise in die Zukunft gerät ins Stocken. Andrea Nahles und Reiner Hoffmann stehen im Stau. Auf dem Highway 82 von San Francisco ins Silicon Valley geht an diesem Mittwochmorgen so gut wie nichts mehr. Stockender Verkehr, Stop and Go. Kurz vor der Ausfahrt in das legendäre Tal, in dem gerade die Wirtschaft der ganzen Welt neu erfunden wird, hat es einen Unfall gegeben. Einen Elektro-Flitzer der Marke Tesla hat es erwischt.

Ausgerechnet einen Wagen aus der Produktion des Herstellers aus Palo Alto. Einer Firma also, die sich anschickt, den deutschen Automobilherstellern davonzufahren, weil sie es besser schaffte, schnelle und sportliche Elektroautos zu bauen. Passiert ist nicht viel, doch reichlich verbeult sieht die Front schon aus. Als es schließlich weitergeht, steht der Wagen am Straßenrand und all die Fahrzeuge der alten Industrie fahren daran vorbei - die Toyotas, Hondas, VWs, BMWs, Fords, Chryslers und Mercedes. Da kann auch ein Silicon-Valley-Flitzer nicht mehr als alle anderen Autos.

In dem Unfall mit dem Tesla steckt mehr Wahrheit als man denken mag. Denn trotz der übermächtigen Firmen aus dem Silicon Valley, hat zumindest die deutsche Industrie noch eine Chance.

Das jedenfalls finden Nahles und Hoffmann. Die Arbeitsministerin und der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sind nach Kalifornien geflogen, um der Zukunft der Arbeit auf die Spur zu kommen. Sie wollen wissen, was die immer schneller wachsenden Rechnerleistungen, die immer umfassendere Vernetzung, die revolutionären Erfindungen der nerdigen Wunderkinder aus dem Valley mit den Arbeitsplätzen machen werden. Eine Woche lang haben die beiden deshalb Gespräche mit den zuständigen Ministern in Washington geführt. Sie haben Google, Facebook, Cisco, Airbnb und andere Unternehmen in Kalifornien besucht und am Ende festgestellt, dass sich ausgerechnet die notorisch ängstlichen Deutschen gar nicht so übermäßig sorgen müssen.

Eine "Waldsterben-Debatte" werde sie nicht führen, sagt Nahles. Denn trotz berechtigter Sorgen bestehe kein Anlass für Horrorszenarien.

Wirklich nicht? Das Silicon Valley fordert die alten Unternehmen der Welt immer offensiver heraus. In zehn Jahren, so sagt es eine Studie der renommierten Babson Hochschule für Unternehmenswirtschaft, werden 40 Prozent der Großunternehmen nicht mehr existieren. Die beiden Oxford-Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne haben errechnet, dass etwa 47 Prozent aller Berufe in den USA überflüssig werden durch die digitale Revolution mit Ursprung in Kalifornien.

Getrieben wird der Umbruch durch den enormen Zuwachs bei den Speicherleistungen der Computer, die sich schon seit Jahrzehnten alle eineinhalb Jahre verdoppeln.

Auch können die Computer durch neue, bessere Sensoren ihre Umwelt immer präziser wahrnehmen, was zu einem verstärkten Einsatz von intelligenten Robotern in den Fabriken führen wird. Weil diese Maschinen zudem über das Internet vernetzt sein werden, steht nach Meinung von Erik Brynjolfsson und Andrew MacAfee vom Massachusetts Institute of Technology MIT ein zweites Maschinenzeitalter bevor. Die Wirtschaft und auch die Art und Weise, wie die Menschen in dieser Wirtschaft arbeiten, werden wird sich völlig verändern.

Unternehmen wie der Privat-Taxi-Anbieter Uber oder die Privat-Unterkunft-Vermittlung Airbnb haben nur noch für den Betrieb ihrer Internet-Plattform Angestellte. Die eigentliche Dienstleistung erbringen Leute, die mit dem Unternehmen nichts mehr zu tun haben, für die weder Rentenbeiträge gezahlt noch eine Krankenversicherung abgeschlossen wird.

Taxifahrer oder Hotelangestellte, die ehedem noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, werden durch eine neue Generation von schlechter bezahlten und mangelhaft abgesicherten Selbständigen abgelöst, sogenannte Klick- oder Crowd-Worker. Es sind vor allem solche Unternehmen, die Nahles und Hoffmann Sorgen bereiten. Macht das Beispiel Schule, werden nicht nur viele Menschen arbeitslos, auch die sozialen Sicherungssysteme funktionieren nicht mehr, weil keiner mehr in sie einzahlt.

Auch vor dem Industrieland Bundesrepublik wird der Umbruch nicht haltmachen. Nach einer Zukunftsstudie des Münchner Kreises glaubt mehr als die Hälfte der befragten Experten, dass deutsche Unternehmen weniger, langsamer und häufig mit geringerem Erfolg digitale Innovationsstrategien umsetzen. Nicht nur Tesla könnte den Deutschen in die Parade fahren, Google arbeitet an einem selbstfahrenden Auto, der Computerriese Apple gerüchteweise auch. Scharenweise pilgern die Manager nach Kalifornien, um sich anzuschauen, wie es die Googles, die Facebooks, die Apples und all die anderen machen. Wenn sie nicht schon da sind: VW hat eine Technikabteilung dort, Bosch forscht im Valley, Axel Springer hat eine Residenz.

Die MIT-Forscher Brynjolfsson und MacAfee rechnen damit, dass sich die Schar der Arbeitnehmer durch die digitale Revolution zweiteilt. Wer die neuen Techniken beherrscht und sie erfolgreich auf die alten Geschäfte anwendet, wird zu den Gewinnern gehören und nicht nur gut, sondern sehr gut verdienen. Wer sich aber nicht zurecht findet und durch die modernen Zeiten stolpert wie Charlie Chaplin im gleichnamigen Film, wird zu den Verlierern gehören. Für ihn bleiben schlecht bezahlte Jobs in der Service-Industrie, monotone Tätigkeiten, wenig Geld und wenig soziale Sicherheit. Die Mitte der heutigen Arbeitswelt - der klassische Facharbeiter oder der Büroangestellte - sie existiert in der neuen Welt nicht mehr. Die Arbeitswelt werde zwei Pole erhalten, glauben die Forscher.

Das Valley, das die Welt bewegt: Ihr Besuch bei Google habe sie am meisten beunruhigt, sagt Andrea Nahles.

(Foto: Erin Lubin/Bloomberg)

Es wird nur noch lausige oder großartige Jobs geben.

Kein Grund zur Panik? Auch der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Ulrich Grillo, war kürzlich im Silicon Valley. Er sei mit ganz schönem Bammel dorthin gefahren, erzählte er nach seiner Rückkehr. Doch je länger er sich dort umgeschaut habe, desto zuversichtlicher sei er geworden. "Ich bin jetzt eigentlich wieder optimistisch."

"Die reichsten Unternehmen arbeiten inmitten einer Region mit der höchsten Armut."

Nun gibt es in der Regel so gut wie keinen Punkt, an dem Nahles und Grillo einer Meinung wären. Doch zumindest in diesem sind sie sich weitgehend einig. Die deutsche Industrie hat die Chance, der Herausforderung aus Silicon Valley entgegenzutreten. Zweimal war Nahles vorher schon da. Beeindruckt hat sie das nicht. Doch jetzt droht das Tal die gewerkschaftlich-regulatorisch geordnete Welt der Bundesrepublik zu bedrohen, und die ehemalige IG-Metall-Funktionärin Nahles klemmt sich hinter das Thema, obwohl sie streng genommen gar nicht richtig zuständig ist.

Kein Grund zur Panik? Die amerikanischen Gewerkschaften sehen das anders. "Die Zukunft der Arbeit ist äußerst Angst einflößend", urteilt Angie Wei von der California Labor Federation. Es gebe keinen Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Kapitalismus. Es gehe weiter nur um das eine: mehr Geld. Die Menschen, die sich bei Firmen wie Uber von Job zu Job hangeln, blieben dabei auf der Strecke. Shelley Kessler vom Central Labor Council wirft Airbnb vor, die Hotelbranche mit ihren guten und sozial abgesicherten Jobs gezielt zu zerstören und damit gleichzeitig die Preise für Wohnungen in San Francisco in schwindelnde Höhen zu treiben. Benjamin Field vom South Bay Labor Council wirft den Internet-Unternehmern vor: "Die reichsten Unternehmen der Welt arbeiten inmitten einer Region mit der höchsten Armut."

Um die Aussagen der Gewerkschafter beurteilen zu können, muss man wissen, dass sie in den USA kaum Rückhalt haben und die Unternehmen sie bis aufs Messer bekämpfen. Sie sind deshalb deutlich radikaler als beispielsweise die IG Metall in Deutschland. Hierzulande wird es jedenfalls nicht zu einer tiefen Auseinandersetzung zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern kommen, wie es sie noch in den 70er- und 80er-Jahren über die damaligen Innovationsschübe gegeben hat. "Ich werde nicht wie die Kollegen damals empfehlen, Stahlspäne in die Computer zu kippen, um sie lahmzulegen", sagt Hoffmann. Jedoch seien neue Leitplanken notwendig, um auch weiterhin anständige Jobs zu gewährleisten. Die Frage sei, wie man einen unkontrollierten Strukturwandel verhindere, der viele Arbeitsplätze koste.

Nahles jedenfalls ist zuversichtlich, und wahrscheinlich will sie das auch grundsätzlich sein. Ein Grund für ihren Optimismus steht vor dem Gelände des VW-Forschungszentrums im Silicon Valley und hört auf den Namen "Jack". "Jack" ist ein Audi A7. Und der Clou an "Jack" ist, dass es sich um ein Auto handelt, das zumindest streckenweise in der Lage ist, selbständig zu fahren. Den Rest übernimmt ein menschlicher Fahrer, und so ist es auch gedacht, wenn "Jack" in Serie gehen sollte.

Nahles nimmt Platz, vorne als Beifahrerin: Nach kurzer Zeit habe der Fahrer dann den Autopiloten angestellt und das Fahrzeug habe einen Schlenker nach links getan, berichtet die Ministerin. Doch das sei es dann auch gewesen. "Nach 20 Minuten habe ich mich an das Gefühl im Auto gewöhnt", sagt Nahles und dann schwärmt sie nur noch: "Wunderbar!", "Schön", "Sehr gut". So könne das funktionieren. Das sei doch viel besser als das Mini-Fahrzeug von Google, das nur maximal 25 Meilen in der Stunde fahren soll. Und das Apple-Car: "Wir müssen schneller und besser sein", so Nahles. Und das werde auch gelingen.

Die Zukunft der Arbeit ist auf dem Firmengelände Googles dem Campus einer Universität nachempfunden. In den Gebäuden sieht es eigentlich auch so aus wie in den Computer-Arbeitsräumen einer amerikanischen Universität - Waschbeton, Lüftungsrohre, Stahlelemente, Tische mit Computer an Computer. Natürlich ist das bei Google alles eine Nummer schicker, etwa so, als ob zwischendurch mal der Starbucks-Designer vorbeigeschaut hätte. Und so sind die riesigen Räume mit bunten Zwischenwänden durchzogen, dazwischen immer wieder große Sperrholzelemente und gemütliche Rückzugsräume für Besprechungen. Jeder kann seinen Laptop mitnehmen und überall arbeiten. Das Essen ist kostenlos, der Espresso auch.

DGB-Chef Reiner Hoffmann und Arbeitsministerin Andrea Nahles (von rechts) haben Google, Facebook, Cisco, Airbnb und andere Firmen besucht.

(Foto: R. Deischl/BMAS)

In der Kantine steht eine Bühne, auf der die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page ihre wöchentlichen Ansprachen halten, Ideen vorstellen, Ziele benennen, den Google-Geist beleben. Wer hier beschäftigt ist, kann im Prinzip sein Universitätsleben weiterführen. Ältere Mitarbeiter sieht man wenige. Kitas gibt es keine. Die Struktur des Geländes soll für kreative Ideen sorgen, für Kommunikation, für den neuesten Irrsinn, das nächste große Geschäft.

Hoffmann und Nahles treffen bei Google Obi Felten. Felten trägt einen Titel, den es sonst wohl nirgends Welt gibt. "Head of getting Moonshots ready for contact with the real World", was ungefähr bedeutet, dass sie die Abteilung leitet, die all die verrückten Ideen zu Geld machen soll. Google und die deutsche Regierung haben bekanntlich ein angespanntes Verhältnis und doch ist der deutsche Markt wichtig und interessant für das Unternehmen. Die beiden Politiker mit ihrer Delegation dürfen deshalb ins sagenumwobene X-Lab, wo die neuesten Projekte geplant werden.

"Unheimlich ist der Glaube, die Probleme der Welt mit Technik lösen zu können."

Dennoch berichten Teilnehmer, dass die Google-Leute eigentlich keine Fragen beantworten wollten - etwa danach, ob die Mitarbeiter der Zulieferfirmen nicht viel zu schlecht bezahlt würden. Hängen geblieben sei der unbedingte Wille zum Wachstum, zur nächsten Übernahme, zur Investition in das nächste große Ding. "Unheimlich ist der Glaube, die Probleme der Welt mit Technik lösen zu können", sagt Nahles später dazu. Sie habe zwischendurch das Gefühl gehabt, bei den Maschinenmenschen Borg aus "Star Trek" gelandet zu sein, lacht sie und zitiert: "Sie werden assimiliert. Widerstand ist zwecklos." Am Ende der Reise wird sie sagen, der Besuch bei Google habe sie am meisten beunruhigt. Die seien gut und hätten das nötige Geld.

Das Valley sei voll von Leuten, die überzeugt davon seien, dass ihr nächstes Projekt die Welt verändern werde, hat der Internet-Pionier und Digitalisierungs-Warner Jason Lanier einmal gesagt. Man könne felsenfest davon ausgehen, dass sie es auch so meinten. Typen wie Safwan Shah zum Beispiel. Shah hat vor drei Jahren ein Start-up verkauft und 400 Millionen Dollar eingestrichen. Er wollte nur noch Golf spielen. Doch er hielt es nicht aus und machte sich an die Arbeit, an ein neues Start-up. Jetzt steht er vor Nahles und sagt: "Ich mache das, weil ich die Art und Weise ändern möchte, wie Arbeitnehmer ihr Geld erhalten." Wenn die Leute jeden Tag zur Arbeit gingen, könnten sie auch jeden Tag das Geld dafür überwiesen bekommen, lautet seine Argumentation. Das sei nur fair. Mit seiner Methode werde verhindert, dass viele Leute vor der nächsten Gehaltszahlung ihren Dispokredit belasten oder ihre Kreditkarte überziehen müssten.

Am Tag, an dem Nahles Facebook besucht, twittert der Gründer des Unternehmens, Mark Zuckerberg, dass es an einem einzigen Tag eine Milliarde Nutzer in seinem sozialen Netzwerk gegeben habe. "Ein Meilenstein", findet er. Nahles und Hoffmann treffen Geschäftsführerin Sheryl Sandberg, die allerdings zu erkältet ist, um mit den beiden sprechen zu können. Sie bietet ihnen zur Begrüßung den rechten Ellbogen an - wegen der Bakterien.

Überall in der neuen Fabrikhalle bei Facebook stehen Desinfektionsmittel herum. Sie wollen gar nicht so recht passen in das Design aus Waschbeton, Stahlelementen, Röhren und Spanplatten. Wobei man hier betonten muss, das Gebäude stammt nicht von einem Starbucks-Architekten, sondern vom Star-Architekten Frank Gehry . Beim Rundgang durch den Betrieb hätten sie ihn treffen können. Er saß an einem dieser Tische voller Computer.

Auf dem Rückweg zum Flughafen gibt es keinen Stau, keiner hat seinen Tesla zu Schrott gefahren. Wissen Sie nun mehr über die Zukunft der Arbeit? Nahles schüttelt den Kopf. "Ich verstehe das Biotop Silicon Valley jetzt besser, aber die Antworten auf meine Fragen muss ich weiter suchen."

Anfangen will Andrea Nahles in ihrem Ministerium. Die Führungskräfte dort sollen vom Herbst an von der Hasso-Plattner-Schule für Design in moderner Kooperation und Kommunikation geschult werden.