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Report:Das Wunder von Wanfried

Dem Städtchen in Nordhessen erging es wie vielen in der Provinz: Menschen zogen weg, Läden schlossen, Häuser verfielen. Doch dann schaffte der Ort das Comeback.

Es gibt hübschere Tage für einen Bummel durch Wanfried. Es ist ein trüber Februartag, Schmuddelwetter, Wind pfeift durch den Mantel. Aber der Blick auf den Schatz des Städtchens entlohnt für Gänsehaut und kalte Füße: Ein prächtiges Ensemble alter, oft hochherrschaftlicher Fachwerkhäuser. Keine windschiefen Butzen, nein, tipptopp renovierte Gebäude. Die hätten den Ort einst fast in den Ruin getrieben, retteten ihn aber auf wundersame Weise schließlich vor dem Niedergang. Der Ort an der Werra ist ein, wenn auch ungewöhnliches, Beispiel dafür, wie eine Provinzkommune ohne Autobahnanschluss, Hochschule und Großunternehmen ihr Überleben einigermaßen sichern kann.

"Ja, die Niederländer", sagt Wilhelm Gebhard, lächelt und zerteilt ein stattliches Stück Matjesfilet. Er ist ein Sohn der Stadt, daheim nur "der Wilhelm" genannt, Bürgermeister von Wanfried, Christdemokrat, Betriebswirt und Reserveoffizier. Er trägt die Haare kurz, sehr kurz. Mit etwas Fantasie kann man ihn sich als Komparsen in einem Tom-Cruise-Film vorstellen. Er ist 42 Jahre alt, ein ebenso heimatverbundener wie ehrgeiziger Mann und hat eine hohe Meinung von Holländern. Kein Wunder. Die nämlich brachten Hoffnung an die Werra. Und sorgten dafür, dass Wanfried und der Bürgermeister heute über die Grenzen ihrer nordhessischen Heimat hinaus ein Begriff sind.

Weniger Menschen, weniger Geld, weniger Leistungen der Gemeinde - ein teuflischer Kreislauf

Der Matjes mitsamt Kartoffeln, Soße und Nachtisch steht an diesem Freitag auf der Karte der neuen Speisewirtschaft mit dem schönen Namen "Gerichtssaal". Jeden Tag eine frische Mahlzeit für höchstens 5,90 Euro, an Sonntagen zahlt man etwas mehr. Die Tische sind gut besetzt, das kleinstädtische Leben, man sieht's, floriert. Eben auch dank jener Niederländer, die vor etwa zehn Jahren ein Faible für Wanfrieder Fachwerkhäuser entdeckten.

Am Beginn dieser Liebelei stand, man kann es nicht anders sagen, pure Not. Die alte Hafenstadt an der hessisch-thüringischen Grenze dörrte nach der Wiedervereinigung sozusagen aus. Die Leute zogen weg, auf der Suche nach besseren Jobs, andere starben. Dutzende Häuser, auch altehrwürdige Fachwerkhäuser im Ortskern standen leer, blinde Scheiben, bröckelnder Putz. Es herrschte Trauer, auch Angst. Man bangte um die Existenz. Weniger Menschen, weniger Geld, weniger Leistungen der Gemeinde - ein teuflischer Kreislauf, ein Albtraum, den andere ländliche Gemeinden jenseits der Speckgürtel und wohlhabenden Mittelzentren der Republik nur zu gut kennen.

Dann, um das Jahr 2007 herum, nahm das Wunder von Wanfried seinen Anfang. 2007 wurde Gebhard Bürgermeister, als Schwarzer wohlgemerkt, im traditionell roten Nordhessen. Seine schmerzhafte, wenngleich ehrliche Botschaft an die Wanfrieder lautete: "Es gibt in der Stadt nichts mehr zu verwalten. Wir müssen jetzt vermarkten." Mit diesem Motto setzte er sich gegen den langjährigen SPD-Bürgermeister durch. Zugleich hatte sich zu dieser Zeit eine Bürgergruppe zusammengefunden, aus einer Mischung von Verzweiflung und Leidenschaft. Sie alle waren und sind Liebhaber von Fachwerkhäusern, denen das Herz blutete, wenn sie auf die verfallenden historischen Gebäude blickten. Bei diesen Enthusiasten wiederum holte sich ein holländisches Ehepaar Rat, das an der Renovierung eines alten Forsthauses zu scheitern drohte. Fachwerkgebäude, das muss man sagen, können ziemlich kapriziös sein. Sie brauchen Augenmerk, eine kundige Hand, ab und an auch eine Sanierung. Preiswert und komplett pflegeleicht sind solche Immobilien nicht. Sie sind eher eine Lebensaufgabe.

Stattlich und proper: Das Rathaus von Wanfried ist eines der vielen Fachwerkhäuser, die renoviert wurden.

(Foto: Hans P. Szyszka/Novarc/mauritius)

Bürgermeister Gebhard, der früherer in seinem Leben schon Pferdesportartikel und Autozubehörteile vermarktet hatte, kam auf die Idee, in den Niederlanden Werbung für seine Häuser zu machen, die waren damals noch zu einem Spottpreis zu erwerben. Die Interessenten aus dem Westen reisten an, manche kauften und restaurierten mithilfe der Experten von der Bürgergruppe. Wunderbar. Aber kann man mit zwei Dutzend zwar solventen, aber nicht mehr ganz jungen Niederländern eine Stadt retten? Natürlich nicht. Skeptiker, Kritiker und Neider mokierten sich seinerzeit, dass die Entwicklungen in Wanfried eine Art Gentrifizierungs-Firlefanz seien, nicht nachhaltig und deshalb Unfug. Unfug? Von wegen.

Denn die Berichte über diese Holländer, die unbedingt an die Werra wollten, machten auch Deutsche neugierig. Aus Frankfurt, aus Wiesbaden und Freiburg meldeten sich Leute, die es aus den Zentren in die Provinz zog. "Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Aber jetzt ist ein Trend von der Stadt aufs Land deutlich zu spüren", erinnert sich der Bürgermeister beim Spaziergang durch den Ort und schwärmt vom ländlichen Leben. Ruhiger, preiswerter, sicherer. Natürlich wird auch in Nordhessen geklaut und eingebrochen. In Wanfried aber lassen die Einheimischen ihr Fahrrad tatsächlich unverschlossen auf der Straße stehen.

Kurzum, die 21 einst leer stehenden Fachwerkhäuser sind verkauft, 13 an Niederländer, fünf davon werden dauerhaft von ihnen bewohnt, die übrigen dienen als Ferienwohnungen. Der kleine Fachwerkrausch war eine Art Urknall. Inzwischen werden auch weniger herrschaftliche Immobilien saniert, finden Mieter und auch Käufer. In der Marktstraße, der Wanfrieder Prachtmeile des Zentrums, trifft Gebhard eine zierliche Frau mit ihren beiden Kindern. Anne Krauße hat 20 Jahre im britischen Sussex gelebt. Sie kam vor einem knappen Jahr zurück, des Jobs wegen, und ist, wie sie sagt, sehr zufrieden mit dem Leben an der Werra.

Auch die Siedlungshäuser am Ortsrand, gebaut in den 1950er-Jahren für Flüchtlinge aus der DDR, werden hergerichtet, Block für Block. Die Kita sei proppenvoll, die Schule auch, sagt der Bürgermeister. Auch das haben, wenn nur indirekt, die Niederländer bewirkt. Und natürlich die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die Sparanlagen kaum rentabel machte. Wer immer konnte, legte sich eine Immobilie zu. Gern in der Stadt, inzwischen aber auch auf dem Land. In Wanfried jedenfalls gibt es längst keine historischen Super-Schnäppchen mehr. In den Dörfern drumherum, die so poetische Namen tragen wie Altenburschla, Aue, Heldra oder Völkershausen (dort gibt es ein altes Rittergut, in dem man auch Hochzeit feiern kann) kann man mit Glück noch fündig werden. Aber auf schnelles Internet muss man dort, anders als in der Kernstadt, noch warten.

Erst kauften Holländer die alten Häuser. Dann wurden auch Deutsche neugierig

Die Wanfrieder können mit der Bilanz der vergangenen Jahre zufrieden sein. Der Bevölkerungsschwund wurde gestoppt. 1991, ein Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung, lebten noch 4938 Menschen in der Stadt. 2015 waren es gerade noch 4131. Inzwischen geht es wieder leicht aufwärts: Im vergangenen Jahr zählte man immerhin 4177 Einheimische.

Alles gut also im Ort? Nicht ganz. Mehr Arbeitsplätze zum Beispiel wären schon schön. Es gibt keine großen Firmen und Fabriken, dafür Handwerk und mittelständisches Gewerbe. Etliche Einwohner pendeln ins nahe Eschwege, manche auch nach Kassel oder noch ein Stückchen weiter. Wer kann und darf, arbeitet im Home-office, das Netz funktioniert schließlich anständig. Gebhard erzählt, dass sich alsbald ein Betrieb aus Thüringen ansiedeln will, 30 neue Jobs könnten entstehen. Und da ist noch der Unternehmer aus Baden-Württemberg, der das Keudell'sche Schloss gekauft hat, eine Burg, ursprünglich aus dem Jahr 1000 mit wechselvoller Geschichte, zweimal ausgebrannt, zweimal wieder aufgebaut, ein Prachtbau, der aber der Stadt lange Zeit Sorgen bereitete. Man wusste nicht, was damit anzufangen wäre. Noch ist das Heimatmuseum dort untergebracht, eine Wohnung dient als Unterkunft für Flüchtlinge. In zwei Jahren soll aus dem großen Haus ein Seminar- und Gästehaus werden. Könnte funktionieren in der Mitte Deutschlands, in vergleichsweise schöner Umgebung. Man kann reiten, wandern, Fahrrad und Kanu fahren. Ein Städtchen, das gerade noch zehn Hektar Gewerbegebiet zu offerieren hat, tut gut daran, Touristen anzulocken.

Denn andere Leute finden eben nur schwer den Weg in den Ort. 1990, kurz nach der Wende, hatte Wanfried 1312 sozialversicherungspflichtige Jobs. 2005 waren es gerade noch 666. Jetzt sind es immerhin wieder 770. Kein Boom, sicher nicht. Aber es geht langsam aufwärts. Immerhin. Und schließlich kümmert sich inzwischen auch die große Politik intensiver um die Provinz. Seit die AfD erstarkt, die Mieten in den Städten steigen und die Metropolregionen in Staus ersticken, haben die Landesregierungen und selbst der Bund die abgelegeneren Regionen entdeckt und schwärmen allesamt von der Kraft der Heimat.

Bürgermeister Gebhard hatte den Reiz des ländlichen Lebens schon früh entdeckt. Für ihn war immer klar: "Hier geh' ich nicht weg". Ganz wörtlich darf man das aber nicht nehmen. Eigentlich säße er jetzt gern im Wiesbadener Landtag, als Parlamentarier. Aber seine Partei stellte statt seiner erneut den langjährigen Wahlkreis-Abgeordneten auf, der im Oktober den Wiedereinzug in den Landtag verpasste. Gut möglich, dass Gebhard in vier Jahren einen neuen Anlauf in Richtung Wiesbaden nimmt. Sein Zuhause bleibt aber an der Werra. Gebhard ist ein Hansdampf-Typ, war Schützenkönig, kennt die übrigen Vereine und kümmert sich um kleinste Dinge. Wer vergisst, das Kellerlicht zu löschen, erhält noch am späten Abend eine SMS von Gebhard. Zur Not sammelt er auch Hundekötel von der Straße auf.

Apropos Hunde. Die kosten in Wanfried etwas mehr als anderswo im nordhessischen Werra-Meißner-Kreis. Auch die Grundsteuer ist höher als in Nachbarkommunen, ein Überbleibsel aus den alten, schlechteren Zeiten. Vor vier Jahren habe man sie anheben müssen, weil man sonst keinen ausgeglichenen Haushalt habe vorlegen können. Etatdisziplin der Kommunen wurde - und wird - von der Landesregierung finanziell belohnt. "Klar, das war nicht schön. Aber dafür haben wir die Kita-Gebühren niedrig gehalten. Familien gehen vor", sagt Gebhard. Er ist eines von sechs Kindern, selbst Vater von zweien. Wenn in einer Kommune kaum noch Babys geboren werden und Familien mitsamt dem Nachwuchs fortgehen, sieht es trübe aus.

Bürgermeister Wilhelm Gebhard ist ein Hansdampf-Typ. Wenn nötig, kümmert er sich auch um vergessene Hundekötel.

(Foto: Christoph Braun)

Und wenn die Ärzte fehlen, wird es ganz schwierig. In Wanfried gibt es derzeit noch sechs Allgemeinmediziner, vier von ihnen sind allerdings im Rentenalter. Eine Frau Doktor zieht bald weg, in einer Stadt mit vielen älteren Leuten sorgen solche Nachrichten für Aufregung. Vor Weihnachten herrschte Unruhe im Ort. Wie soll das gehen in der Zukunft mit nur noch einer Praxis? Die Gemeinde fand Abhilfe. Nun kommt ein junges Ärztepaar an die Werra, die medizinische Versorgung ist erst einmal gesichert. Wanfried hatte Glück, wieder einmal. Viele kleine Orte müssen längst ohne einen Mediziner auskommen.

Was, bitteschön, kann ein Städtchen im Hunsrück, in Vorpommern oder im Saarland nun also von Wanfried lernen? Der Bürgermeister und die famose Fachwerk-Bürgergruppe reisen inzwischen in der Weltgeschichte umher und berichten, wie sie ihre Gemeinde herausgeputzt haben.

Nun hat natürlich nicht jeder Ort einen historischen Fachwerkbestand. Aber irgendeinen Schatz gibt es immer. Sei es eine zentrale Lage, mit guten Straßenverbindungen in den Rest der Republik. Seien es fruchtbares Ackerland oder alte Kasernen, die man zu Wohnungen, Büros oder Gewerberäumen umbauen kann. Eine Kita mit langen Öffnungszeiten und ausreichend Personal kann auch ein Zuwanderungsmagnet sein, ebenso ambitionierte Schulen, es muss nicht ein Gymnasium sein. Wer als Vater oder Mutter vergleichsweise preiswert und mit viel frischer Luft leben will, nimmt bei solchen Angeboten auch längere Pendelfahrten zur Arbeit in Kauf.

Und Wanfried lehrt auch: Es lohnt sich, das heimische Silber zu putzen. Man muss das Zentrum mit allen Mitteln pflegen und schützen. "Was hilft uns ein Neubaugebiet, wenn die Ortskerne verkommen?", fragt Bürgermeister Gebhard beim Stadtrundgang. Nichts hilft es, gar nichts. Dennoch sind in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Gemeinden in Ost und West, Nord und Süd der Versuchung erlegen, die das gemeinschaftliche Leben oft nicht beflügelt, sondern lähmt. Im Zentrum ist es inmitten baufälliger Gebäude öde und leer, die Neubau-Leute gehen nicht zum Sommerfest auf den Marktplatz, sondern grillen lieber hinter den Thuja-Hecken im eigenen Garten.

Die Neuankömmlinge, sagen sie hier, hätten die Stadt offener gemacht

Und es gibt eine dritte Botschaft von der Werra. Ohne rührige Kommunalpolitiker kommt eine Gemeinde nicht auf die Beine. Aber auch nicht ohne eine engagierte Ortsgemeinschaft. Ohne die Fachleute der Bürgergruppe hätten sich die Niederländer nicht in Wanfried eingekauft, ohne die wiederum wären die Leute aus Frankfurt, Wiesbaden und Freiburg womöglich woandershin gegangen und Anne Krauße aus Sussex vielleicht auch. Die Neuankömmlinge, so erzählen die Herren aus der Bürgergruppe, hätten die Stadt bereichert. Man sei offener geworden in der Gemeinde, keine ganz leichte Sache für die eher schwerblütigen Nordhessen, die auch heutzutage Neuem weniger mit Neugier als mit Skepsis begegnen. Um Wanfried herum wird inzwischen auch Hanf angebaut. Wäre noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Hanf, so sagen die Enthusiasten von der Bürgergruppe, sei ein wunderbares Dämmmaterial für Gebäude. Warum, um Himmels willen, solle man es für teures Geld heranschaffen, wenn man es selbst produzieren könne?

Bürgermeister Gebhard blickt mit Stolz auf sein Städtchen und die Einwohner. Aber es gibt natürlich auch Dinge, die ihn ärgern. Quälende bürokratische Vorschriften etwa. Wanfried muss in den nächsten Jahren seine Kanalisation erneuern. Es wird ein kostspieliges Unterfangen werden. Dass die Rohre dicht sein müssen, weiß auch der Bürgermeister. Aber warum das auch für einen Regenwasserkanal gilt, kann er nicht begreifen. Und die Vorschriften für Anträge auf finanzielle Förderung für Kommunalprojekte seien oft schlichtweg unzumutbar. "Für einen Zuschuss von 5000 Euro muss ich eine Flut von Anträgen ausfüllen. Das lohnt sich nicht, ich lass' es inzwischen bleiben." In Wanfried geht es also wirklich aufwärts. Jedenfalls muss man nicht mehr unbedingt um jeden einzelnen Euro kämpfen.