Report Ab- und zunehmen

Verzicht ist der neue Luxus, das Fasten ein lukratives Geschäft. Plötzlich fehlt alles, was Spaß macht: Essen, Alkohol, Zigaretten, Shoppen, Fernseher, Familie - das Smartphone.

Von Elisbeth Dostert, Überlingen/Halberstadt

Jana Keller bäckt heute Apfelstrudel aus Dinkelmehl mit Vanille-Kürbis-Soße. Sie steht am Herd in der Lehrküche der Buchinger Kliniken in Überlingen. Die Küche sieht ein wenig aus wie die aus den Fernsehshows. Über der Kochinsel hängen Kameras, die aufzeichnen, wie Jana Keller Äpfel reibt, Nüsse mahlt oder Teig knetet. Jeder Handgriff wird auf große Bildschirme übertragen. So kann jeder der Köchin und Ernährungsberaterin in die Töpfe schauen. Eine Stunde dauert der Kochkurs. Ein gutes Dutzend Zuschauer hat sie an diesem Abend, mehr Frauen als Männer. "Manchmal kommen auch nur zwei oder drei", sagt Keller.

Die Köchin spricht Englisch, das Publikum ist international. Zum Auftakt des Kurses bietet Keller Wasser mit selbstgemachtem Holunderblütensirup. Eine junge Frau mit langen blonden Haaren fragt besorgt, ob sie "das" überhaupt trinken darf. Sie ist eine der "Faster". So heißen die Menschen, die in die Buchinger Klinik am Bodensee kommen, um ein paar Tage oder auch Wochen zu fasten. Sie verzichten auf feste Nahrung und nehmen nur Wasser, Säfte, Gemüsebrühen und Tees zu sich.

"Es kommen oft Menschen, bei denen alles aus dem Ruder gelaufen ist, privat und beruflich."

Für ihre exklusiven Fastenkuren ist die Buchinger Klinik am Bodensee in der ganzen Welt bekannt. Manche kommen, weil sie Gewicht verlieren wollen, andere, um durch das Fasten zu sich selbst zu finden.

"Es kommen oft Menschen, bei denen alles aus dem Ruder gelaufen ist, privat und beruflich", sagt Françoise Wilhelmi de Toledo: "Diese Patienten wollen sich dem Stress entziehen und Ruhe finden. Fasten eröffnet eine körperliche, mitmenschliche und spirituelle Dimension." Sie, 63, und ihr Mann Raimund Wilhelmi, 67, leiten die Klinik. Ihrer Familie gehört die Klinik in Überlingen und eine weitere auf Marbella. Sie führen das Familienunternehmen in der dritten Generation. Es trägt einen berühmten Namen. Wilhelmis Großvater Otto Buchinger gilt als Begründer des therapeutischen Heilfastens, Fasten als Medizin gegen Krankheiten. Nach Überlingen kommen jährlich 3000 Gäste, nach Marbella 2000. "Es gibt meines Wissens weltweit keine andere Einrichtung für Heilfasten mit so vielen Gästen", sagt Wilhelmi.

Er ist Jurist und kümmert sich um die Finanzen, er redet von Gästen. Sie ist Ärztin, sie redet von Patienten. Er hat sein Büro im Haupthaus, sie ihres im Doktorhaus. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sie sich tagaus, tagein. Wilhelmi de Toledo ist eine zierliche Frau mit energischer Stimme. "Und ich gehöre zu meiner eigenen Zielgruppe", sagt ihr Mann. Zu viele Kilos, zu viel Stress. Das ganz normale Leben. Zwei Mal im Jahr fastet er. Im Schnitt nehme er zehn Kilo ab. Und dann im Laufe der nächsten zwölf Monate wieder zu.

Es ist sieben Uhr morgens. Auf einer der Bänke im Garten der Klinik sitzt eine schlanke Frau in der Sonne. Sie schaut über das Schwimmbecken hinweg auf den See. Sie trägt T-Shirt und einen kleingeblümten Rock. "Mein Vater hat immer von der Fastenklinik in Überlingen gesprochen. Er wollte da hin, irgendwann. Er hat es nie geschafft", erzählt sie. Ihr Vater sei vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Jetzt ist sie für zwei Wochen in Überlingen.

Sie komme aus der Schweiz, sie erzählt von ihrem Leben in einer scheinbar perfekten bürgerlichen Familie: zwei Kinder, Mann, Haus, gutes Einkommen. Ihre Tochter habe heute Geburtstag, sie ist in den USA. "Wir haben schon telefoniert", sagt die Frau, sie lächelt. "Ich bin jetzt 46. Die Kinder sind bald aus dem Haus. Ich habe gemerkt, dass sich mein Leben an einem Wendepunkt befindet. Ich dachte, ich finde hier die Antworten auf alle Fragen. Wo ich stehe? Was noch kommt? " Sie ist schon ein paar Tage in Überlingen, sie fastet. "Ich habe inzwischen begriffen, dass ich hier keine Antworten finden werde", sagt die Frau: "Aber ich weiß jetzt, dass ich hier lerne, die richtigen Fragen zu stellen."

"Fasten ist gerade wieder in", sagt Françoise Wilhelmi de Toledo. Das Angebot ist riesig, schwer zu durchschauen. Es gibt andere Methoden als die von Buchinger. Es gibt Wasserfasten, Molkefasten, Basenfasten, Obstfasten, Schleimfasten, F.X. Mayr-Kuren, Schroth-Kuren. Frauen- und Fitness-Magazine greifen das Thema auf und Online-Portale. Es gibt Fastenakademien, Fastenwanderungen, Fastenklöster und Fastenhäuser. Das klinische Wörterbuch Pschyrembel kennt weder das Wort Fasten noch Heilfasten. Es gibt im Internet wilde Diskussionen über den Sinn des Fastens.

Es gibt viele Versprechungen: Fasten macht schön. Fasten heilt. Fasten verlängert das Leben. Es gibt viele Studien, Puzzleteile, es gibt noch kein Gesamtbild, was Fasten bewirkt. In durch Wohlstand und Überfluss geprägten Bevölkerungsgruppen erscheint der Verzicht wie ein neuer Luxus. Wenig essen, viel zahlen. Fasten als lukratives Geschäft mit der Sehnsucht nach Entsagung. Fasten in jeder Preisklasse.

Wilhelmi de Toledo sitzt in ihrem Büro im Doktorhaus. Sie malt einen wackligen waagerechten Strich auf ein Blatt Papier. "Das Fasten ist ein Prozess. Es gibt einen Anfang und ein Ende." Zwei Wochen seien eine gute Zeit, um richtig zu fasten. Wilhelmi de Toledo setzt einen senkrechten Strich an den Anfang der Linie, der Anreisetag. Es gibt einen kleinen Snack und jede Menge Informationen. Dann folgt ein Entlastungstag. "Wir sind für sanfte Übergänge." Die Patienten sollen sich ein, zwei Tage daran gewöhnen, keine feste Nahrung mehr zu sich zu nehmen. Es gibt Obst oder Reis mit Apfelmus oder Tomatengemüse.

Es kommt der Tag, an dem der Darm gereinigt werden muss, wieder ein senkrechter Strich auf der Linie. Der erste Fastentag. "Der Stoffwechsel stellt sich um vom Essen von außen auf das Essen von innen. Dann holt sich der Körper die meiste Energie aus den Fettreserven. Ketose heißt dieser Stoffwechselzustand." Wilhelmi de Toledo kann sehr anschaulich erklären.

"Das Essen von außen kennen wir, das genießen wir." Ist das wirklich so, ist Essen ein Genuss? Sie muss nie lange über eine Antwort nachdenken. "Zumindest ein sehr kurzfristiger, ein Genuss für ein paar Sekunden, selbst wenn es Junk Food ist", antwortet die Ärztin. "Den wahren Genuss empfinden Menschen, wenn sie hungrig sind. Dann stillt Essen einen Bedarf und ist mehr als ein kleines Feuerwerk für die Geschmacksnerven."

"Für Menschen, die zum ersten Mal fasten, ist das wie eine Geburt", sagt Françoise Wilhelmi de Toledo. Der Stoffwechsel stellt sich um, die Hormone spielen verrückt, die Stimmung schwankt. "Es gibt trotzdem keine Abbrecher", beteuert Wilhelmi de Toledo. Zumindest nicht in der Klinik. Zu Hause, auf sich allein gestellt, sei die Gefahr größer, sich irgendwann über den Inhalt des Kühlschranks herzumachen. "Aber hier in der Klinik herrscht ein anderer Spirit, hier ist der Patient nicht allein."

"Ich habe manchmal den Eindruck, dass der digitale Verzicht am schwersten fällt."

Es gibt kleine Videos, die sich die Patienten auf dem iPad ansehen können, wenn sie das "Kofferpackensyndrom" oder das "Krückenverlustsyndrom" packt. Alles, was Spaß gemacht hat: Essen, Alkohol, Zigaretten, Shoppen, Smartphones, der Fernseher, die Familie, alles, was Alltag ist und oft toxisch sein kann, fehlt plötzlich. "Wir nehmen den Menschen das zunächst für einige Tage weg und doch, allmählich, tritt die innere Ruhe ein", sagt Wilhelmi de Toledo: "Dann fangen die Zellen an, sich zu regenerieren, und ein tiefer Frieden tritt ein."

Die Patienten sind auch Kunden.

"Eigentlich wollen wir nicht, dass die Gäste ihre Smartphones außerhalb des Zimmers benutzen", sagt Wilhelmi. Jeder Gast muss das auch unterschreiben. "Ich habe manchmal den Eindruck, dass der digitale Verzicht am schwersten fällt", sagt er: "Wir wollen hier eine Gemeinschaft haben, das funktioniert nicht, wenn jeder auf sein Smartphone starrt. Dann ist er nicht bereit für Begegnungen im echten Leben."

Vor dem Morgengebet gibt es "eine Runde Sonnengruß zum Wachwerden"

Der Zeigefinger von Wilhelmi de Toledo gleitet über die Linie. Sieben, zehn oder 14 Tage Fasten. Rituale, jeden Tag die gleichen, um in einen Rhythmus zu kommen. Wanderungen von sechs bis acht Uhr im Sommer, wer will. Frühstück. Anwendungen, Arzttermine, manchmal nichts tun. Ein Viertelliter Saft im Raum für die "Faster". Mittagsruhe, Leberwickel, Anwendungen, Freizeit. "Wir zwingen niemanden." 18 Uhr Gemüsebrühe. 19.30 bis 20.30 Uhr Programm, ein Vortrag, ein Film oder eben ein Kochkurs mit Jana Keller.

Die "Faster" müssen viel trinken. Überall steht Wasser - in jedem Zimmer und auf den Gängen elektrische Wasserkocher, die mehrere Liter fassen, um Tee aufbrühen zu können. Die Kocher blubbern Tag und Nacht vor sich hin, in der Stille der Klinik klingt das Blubbern wie Lärm.

Wilhelmi de Toledo macht jetzt eine Studie mit der Berliner Charité. Sie springt auf, sucht nach Tabellen. "Wir haben hier eine lange Tradition", sagt sie, schon der Gründer Otto Buchinger und die Ärzte, die nach ihm kamen, haben die klinischen Werte ihrer Patienten erfasst. "Unsere Therapieform hat eine wissenschaftliche Basis, auch wenn einige denken, es sei Hokuspokus. Man kann sehen, wie sich viele Blutwerte durch das Fasten verändern, wie sich Gewicht und Blutdruck reduzieren, man kann sehen, wie manche Gene aktiviert werden." Der Therapieerfolg lasse sich nachweisen. "Die Leute kommen oft mit Schmerzen und sie gehen mit weniger oder manchmal sogar keinen Schmerzen." Chronisch entzündliche Krankheiten lassen sich, sagt Wilhelmi de Toledo, durch medizinisch begleitetes Fasten "positiv beeinflussen". Alles mit "-itis." Neurodermitis, Arthritis, aber auch Allergien, Asthma. "Ich sage nicht, dass die Patienten für immer geheilt sind", sagt die Ärztin. "Dafür müssen die Menschen Lebensstil und Essgewohnheiten dauerhaft optimieren."

Die Klinik kann der Anfang sein.

Der Marinearzt Otto Buchinger fastete einst, um sein schweres Gelenkrheuma loszuwerden, und gründete nach dem Heilerfolg 1920 erst eine Fastenklinik in Witzenhausen, 1935 zog er nach Bad Pyrmont um. Auch die Klinik dort gibt es noch, sie wird von seinem Enkel, Andreas Buchinger, geführt. Die Klinik am Bodensee gründeten 1953 seine Tochter Maria und sein Schwiegersohn Helmut, dort starb Otto Buchinger auch 1966. Schon Buchinger sah das Fasten ganzheitlich: "Der sogenannte Gesunde soll fasten! Sein jährliches, ehrliches Fasten soll ihn vor Krankheit und Siechtum bewahren!" Jede Zeit hat ihre Gründe.

Françoise Wilhelmi de Toledo fastet zum ersten Mal mit 17 Jahren. Sie hatte darüber gelesen. "Ich bin ein Kind der 68er. Wir lehnten die Lebensweise unserer Eltern ab. Ich war neugierig auf alle neuen Strömungen: Feminismus, Makrobiotik, den Vegetarismus. Ich habe für ein ökologisches Straßentheater gearbeitet. Yoga hat mich fasziniert. Und dann das Fasten." Es habe sie in eine Euphorie versetzt. "Ich glaubte, mir geht es so gut wie noch nie. Alle Probleme schienen Vergangenheit."

Unter den E-Mails von Wilhelm Jakobus, 49, steht meist nur Bruder Jakobus. Er ist Benediktiner und lebt im Kloster Huysburg nahe Halberstadt. Es bietet seit drei Jahren eine Fastenwoche an. "Wir orientieren uns an der Methode von Otto Buchinger. Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht", sagt Bruder Jakobus. Sieben Tage für gut 400 Euro im Einzelzimmer. Schlichte Räume im Gästehaus, Linoleumböden, kein Teppich, Tisch, Schrank, Bett, Fernseher im Gemeinschaftsraum, keine Mini-Bar, keine Wellness-Oase, kein Spa, viel frische Luft, ausgedehnte Spaziergänge.

Smartphones seien der "eigenen Verantwortung" anheimgestellt, sagt Bruder Jakobus. Es gibt Wlan, also eine drahtlose Verbindung ins Internet, auf den Zimmern. "Wir empfehlen, es zu lassen", sagt Jakobus. Es gibt Säfte, gute Gemüsebrühen - und Gebetszeiten. "Wir laden dazu ein, aber das ist kein Muss." Nichts ist ein Muss. Bloß nicht zu viel Programm.

Vor den Laudes, dem Morgengebet, gibt es einen Tee, "wer will", und eine Yoga-Einheit. "Eine Runde Sonnengruß zum Wachwerden", sagt Bruder Jakobus. Nach dem Gebet gibt es Tee für alle. Der "Impuls" im Stuhlkreis mit Kerze in der Mitte beginnt mit Übungen, sich des eigenen Körpers bewusst zu werden. Bruder Jakobus singt einen Psalm, dann liest er einen Text vor, Lyrik oder Christliches. "Ich möchte, dass die Menschen bei sich ankommen", sagt der Mönch. Nach Huysburg komme keiner allein wegen des Abnehmens.

"Der Gewichtsverlust ist nur ein Nebeneffekt. Viele Menschen wollen einfach raus aus dem Alltag. Runterfahren, Entschleunigung ", sagt Bruder Jakobus. Fasten ist älter als jede Religion. Es gab Zeiten, in denen die Ernährung vom Jagderfolg oder der Ernte abhing. "Der Körper war auf Hungerzeiten eingestellt", sagt Bruder Jakobus. Bereits im Alten Testament werde das Fasten erwähnt, als Mittel, sich auf etwas zu konzentrieren, sich auf etwas Größeres vorzubereiten. "Die spirituelle Dimension kommt heute häufig zu kurz. Für uns sind Körper, Seele und Geist eine Einheit", sagt der Benediktiner.

Sieben Tage bei Buchinger kosten in der Kategorie Standard 2121 Euro. Dafür gibt es ein "kleineres Nordzimmer ohne Balkon, ab ca. 9 qm, Einzelbett, mit Dusche, WC" im Haupthaus. Die "Mainau Suite" mit zwei Zimmern, Balkon, Wohn- und Schlafraum, ca. 100 Quadratmeter, Kingsize-Bett, Ankleidezimmer, Teeküche, Badezimmer mit Jacuzzi und Regendusche, WC, Gäste-WC, Sauna kommt für eine Person auf 14 273 Euro. Der Fernseher ist versteckt hinter einer Schiebetür mit Schloss. In den Suiten erinnern an ein Krankenhaus nur Plastikbecher für die Urinprobe auf dem Waschbecken, die Teststreifen und die Anleitung zur Ketosemessung. "Das hier ist kein Chichi. Wir sind eine Mischung aus Kloster, Krankenhaus, Wellness-Hotel und Akademie", sagt Wilhelmi. Er hat viele Konkurrenten. Das weiß er.

"Mein Großvater empfahl das Wandern in der Natur."

Eine Tür führt von Wilhelmis Büro direkt auf die Terrasse. Da steht er oft. Der Bodensee glitzert. Es gibt einen Klostergarten, einen asiatischen Garten, einen Heilkräuter- und einen Kneippgarten. Manchmal sieht man Menschen in Badeanzügen barfuß auf dem Rundkurs mit unterschiedlichen Belägen: Holz, Steine, Gras - manche bewegen sich, als gingen sie auf Glas.

Morgens ist die Stille am lautesten.

Sie wird manchmal unterbrochen von dem flappenden Geräusch, wenn sich Badelatschen von den Fersen lösen. Im Fitnessstudio mit Blick auf den See trainiert ein korpulenter Mann auf dem Laufband. Psychisch sei alles in Ordnung. Er ist hier "nur" zum Abnehmen, versichert der Mann. "Mein Großvater empfahl das Wandern in der Natur", sagt Wilhelmi.

Er steht auf der Terrasse. Es ist ein später Vormittag. Ein paar Männer und Frauen aus Saudi-Arabien warten auf ihr Taxi in die Stadt. "Hierher kommen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen", sagt Raimund Wilhelmi. "Oft begegnen sich hier Menschen, die zu Hause verfeindet sind oder Krieg gegeneinander führen. Fasten macht friedlich."