Rekordstrafe Toshiba muss büßen

Pressekonferenz von Toshiba-Chef Masashi Muromachi - doch viele Fragen bleiben offen.

(Foto: Kiyoshi Ota/Bloomberg)

Der Traditionskonzern hat Gewinnzahlen einfach erfunden und muss nun eine Rekordstrafe zahlen. Selbst eine Insolvenz ist nicht mehr ausgeschlossen.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Wenn die Oberen ein bestimmtes Ergebnis erwarten, wird ihnen dieses in vielen japanischen Unternehmen auch serviert. Unabhängig davon, ob es erreicht wurde. Und keiner sagt etwas. Gruppendruck und eine strenge Hierarchie verhindern offene Worte. Beim Elektronikkonzern Toshiba wussten wenigstens 27 Manager, dass in den letzten sechs Jahren um mindestens 152 Milliarden Yen, 1,15 Milliarden Euro, zu hohe Einnahmen verbucht wurden. Wie der Betrug schließlich doch aufflog, wer der Whistleblower war, das weiß die Öffentlichkeit bisher nicht.

Tokios Börsenaufsicht wird dem 1875 gegründeten Konzern eine Geldstrafe von sieben Milliarden Yen aufbrummen, 53 Millionen Euro, wie die japanischen Medien nun melden. Das ist die bisher höchste Geldstrafe für Konzerne in Japan überhaupt. Toshiba hat für Strafbefehle, Schadenersatz und die Anwaltskosten 63 Millionen Euro zurückgestellt. Dieser Betrag wird davon schon fast aufgefressen. Das Unternehmen hat außerdem gegen fünf seiner ehemaligen Top-Manager wegen Untreue geklagt, unter ihnen die letzten drei Firmen-Präsidenten. Unabhängig davon ziehen 70 Anleger gegen Toshiba vor Gericht. Angesichts der zu erwartenden Kompensationskosten ist eine Insolvenz der Firma nicht mehr auszuschließen. Toshiba ist die Nummer zwei unter Japans Elektrokonzernen und hat weltweit 210 000 Mitarbeiter.

Im Laufe des Sommers sind nach und nach immer neue Fälschungen in den Büchern von Toshiba entdeckt worden. Aus angeblichen Einzelfällen, in denen eine in der Zukunft erwartete Zahlung schon als aktuelle Einnahme verbucht worden war, kristallisierte sich ein Muster. Und das ging so: Der ehemalige Konzernchef Hisao Tanaka rief sehr früh am Morgen die Leiter verschiedener Abteilung an und setzte sie unter Druck, ihre Resultate zu verbessern. Viele hätten dies als Anweisung verstanden, aufgeblasene Zahlen zu melden. Besonders dreist hat Toshiba bei komplizierten, langjährigen Infrastrukturprojekten betrogen, etwa bei der Erneuerung der elektronischen Autobahn-Maut-Schranken für die Region Kansai. Die künftigen Profite mehrerer Jahre wurden bereits als Einnahmen verbucht, obwohl sich das Projekt massiv verzögerte und die Kosten explodierten. Auch die Einnahmen aus einem stockenden Auftrag für Haushaltsstromzähler mit Internetanschluss wurden geschönt.

Toshiba steht mit diesen Tricks nicht alleine da. In den vergangenen Monaten sind mehrere solche Skandale aufgeflogen. Das Bauunternehmen Asahi Kasei hat - im Erdbebenland Japan - 266 Großaufträge auf ungenügenden oder potenziell instabilen Fundamenten errichtet. Das waren neun Prozent seiner Aufträge. Der Automobil-Zulieferer Takata verkaufte jahrelang Airbags, von denen er wusste, dass sie in einigen Fällen Fahrgäste getötet hatten, statt sie zu schützen. Toyo Tire & Rubber hat die technischen Daten seiner Reifen "verbessert". Vor der Katastrophe von Fukushima unterdrückte Tepco die Tsunamiwarnungen einer firmeneigenen wissenschaftlichen Studie und beschwor stattdessen einen Sicherheitsmythos. Die Firma macht bei den Aufräumearbeiten so weiter. In all diesen Fällen klammerten die Unternehmen sich an das optimistischste Szenario und ignorierten mögliche Rückschläge, Hindernisse oder Fehler.

Auch die Regierung tut es. Für "Abenomics", ihr Programm zur Ankurbelung der Wirtschaft, geht sie vom Idealfall aus und behandelt ihn als Normalität - um sich dann zu wundern, wenn sie ihre Ziele nicht erreicht, wie jetzt, da die Wirtschaft wieder in eine Rezession zurückschlittert.

"Es ist fast widerlich, wie wenig das Top-Management erkannte, was vor sich ging."

Angeblich soll Toshiba die Gewinne auch deshalb aufgeblasen haben, weil der Konzern über seine eigene Strategie gestolpert ist und - gedrängt von der Regierung - massiv auf die Kernenergie gesetzt hat. Dazu kauften die Japaner unter anderem den US-Atomkonzern Westinghouse, der nach Fukushima plötzlich ein Klotz am Bein war und Verluste machte. Die daraus möglicherweise entstehenden Verluste erklären freilich nicht, warum ein altes renommiertes Großunternehmen seinen Ruf und seine Existenz so aufs Spiel setzt. Das liegt auch an der Firmenkultur, sagen Experten. Der Jurist Nobuo Gohara leitete vor vier Jahren die Kommission, die den Olympus-Skandal aufklären sollte. Der Kamera-Hersteller hatte in seinen Büchern über anderthalb Jahrzehnte 1,3 Milliarden Euro Verluste versteckt. Gohara macht für Toshibas Fälschungen die "problematische Unternehmenskultur" verantwortlich. Es sei "fast widerlich, wie wenig das Top-Management erkannte, was in der Firma vorging". Doch das werde auch jetzt nicht aufgeklärt. Die Kompetenz der Kommission, die den Fall untersuche, sei viel zu begrenzt. Sie durfte nicht einmal selber entscheiden, was sie untersuchen wollte, klagt Gohara, der in der Belegschaft von Toshiba eine "enorme Unzufriedenheit" vermutet.

Wie konnten die vielen Fälschungen so lange unentdeckt bleiben? Toshibas externer Buchprüfer Shin Nihon ist ein Ableger von Ernst & Young. Shin Nihon prüfte einst auch die Bücher von Olympus und von IHI, einem Schiffs- und Rüstungskonzern, der seine Zahlen bis vor acht Jahren mit den gleichen Tricks verfälschte. "Hat Toshiba die externen Buchprüfer hinters Licht geführt, oder stecken diese mit Toshiba unter einer Decke?", fragt der Jurist Gohara. Eine Antwort wird er nicht erhalten. Die Kommission durfte das nicht untersuchen.