Reiseanbieter:Castel Tui

Einst kaufte der größte Reisekonzern der Welt ein ganzes Dorf in der Toskana. Nun versucht er, es ohne weitere Verluste zu betreiben.

Von Michael Kuntz, Castelfalfi

Es riecht nach Thymian, Salbei und Lavendel. Hier könnte die Toskana toskanischer nicht sein. Im hügeligen Dreieck zwischen Florenz, Pisa und San Gimignano kaufte die Tui im Mai 2007 fast komplett das mittelalterliche Dorf Castelfalfi. Nur fünf Menschen lebten damals noch ständig im Borgo, einer Burganlage voller Ferienwohnungen. Der Urlaubsanbieter kaufte die Umgebung gleich dazu: Fast zwölf Quadratkilometer anmutiges Italien, das entspricht sechs Mal der Fläche des Fürstentums Monaco. Es entsteht das mit Abstand größte Ferienresort in Europa, den Golfplatz mittendrin gab es bereits. Der Reisekonzern aus Hannover erwarb mit Castelfalfi allerdings zunächst einmal eines: eine sichere Quelle von Verlusten.

Sicher waren der Tui in den zehn Jahren viel Spott in den Medien und nörgelige Nachfragen bei den Aktionärstreffen. Die war vom staatlichen Mischkonzern Salzgitter zum Reiseveranstalter mit angeschlossener Seeschifffahrt mutiert, für Container und Passagiere. Die Tui Group nennt sich heute größter Reisekonzern der Welt.

Das Prestigeprojekt des früheren Tui-Chefs wurde als Castel Fiffi verspottet

Ihr Verlustbringer Castelfalfi wurde als Castel Fiffi verspottet, weil man angeblich in der Konzernzentrale das Prestigeprojekt des damaligen Tui-Chefs Michael Frenzel so nannte. Es wurde verunglimpft als dessen größte und schönste Altlast, als Altenheim für Millionäre. Drei Investorengruppen hatten sich an der Großimmobilie abgearbeitet, als die Tui einstieg. Bis 2013 steckte der Reiseveranstalter 160 Millionen Euro in die Restaurierung des verwaisten Dorfes rund um eine ehemalige Tabakfabrik, schrieb die Hälfte davon ab. Eigentlich sollte das Drama 2009 beendet sein.

Nun soll ein neues Luxushotel in Castelfalfi dazu beitragen, dass die Tui aus ihrer Toskana-Nummer doch einigermaßen glimpflich herauskommt. Es wurde Ende voriger Woche eröffnet und Paolo Pomponi hatte seine Amtsschärpe umgelegt. Der Bürgermeister von Montaione durchschnitt das rote Band an der Tür zum Neubau mit 120 Zimmern und Suiten. Castelfalfi gehört zu Montaione, wo sie den Plänen der Tui anfangs kritisch gegenüberstanden. Die lokale Toskana-Fraktion fühlte sich von Spekulanten attackiert, befürchtete eine neue deutsche Invasion, sorgte sich um den Erhalt der einmaligen Landschaft.

Das neue Hotel nun ist das Flaggschiff unter den 300 Beherbergungsbetrieben, die der Tui gehören. Sie betreibt überwiegend Vier-Sterne-Ferienhotels in Meeresnähe. Das Il Castelfalfi bietet Fünfsterneluxus zu Zimmerpreisen ab 230 Euro, es ist als ein Hotel der neuen Marke Tui Blue angereichert mit allerlei digitalem Schnickschnack. Und sie haben mit Marco Metge einen Direktor geholt, der für die Hotelkette Jumeirah in Frankfurt, Dubai und zuletzt Bangkok tätig war. Für Metge, 41, ist Castelfalfi bereits die vierte Neueröffnung in seinem Berufsleben. Sein Luxushotel leistet "einen wichtigen Beitrag zur Neubelebung des mittelalterlichen Ortes Castelfalfi", so der Auftrag.

Dort produziert der Reisekonzern auf einem eigenen Landgut Wein und Olivenöl. Vor allem aber sucht er noch Käufer für einige Casali, jene aufwendig reanimierten Gehöfte, für die jeweils mindestens anderthalb Millionen Euro fällig werden. Interessenten konnten bislang vor Ort nur in der alten Tabakfabrik übernachten, einem ebenfalls der Tui gehörenden Viersternehaus mit gerade 30 Zimmern. Das Luxushotel ist also wahrscheinlich dringend notwendig - für den Verkauf der feudalen Anwesen im Resort insgesamt.

Der neue Resort-Verwalter hatte vorher den Jagdausrüster Kettner saniert

Denn nun können Interessenten gediegen logieren und sich die teuren Immobilien anschauen, die verstreut über einen 18-Loch-Golfplatz entstehen. Dies mag der Grund gewesen sein, erst ein Fünfsternehaus zu bauen und keinen Klub Robinson, der lange im Gespräch war und für den immer noch reichlich Platz wäre. Die Klub-Klientel hätte vielleicht doch nicht so viel Interesse am Kauf von Immobilien gezeigt wie das sehr internationale Publikum des Top-Hotels, darunter Amerikaner, die mal für drei bis fünf Tage vorbeischauen.

Gleich als der frühere Vodafone-Mann Fritz Joussen im Frühjahr 2013 als Tui-Chef antrat, gab er das Prestigeprojekt seines Vorgängers Frenzel in die Hände des umgänglichen und zugleich etwas raubeinigen Vorstandes Sebastian Ebel. Der weiß auch im Nebenjob als langjähriger Präsident des Fußball-Zweitligisten Eintracht Braunschweig mit schwierigen Situationen umzugehen. Ebel setzte ein Zeichen und kaufte für seine Familie ein Appartement im Borgo, dem Herzstück des 1700 Fußballplätze großen Areals. Er verpflichtete als CEO der Localita Castelfalfi den gleichfalls ziemlich unerschrocken wirkenden Stefan Neuhaus, heute 47. Der Insolvenzverwalter war durch die Sanierung des Jagdausrüsters Kettner aufgefallen.

Neuhaus kann den Verkauf von 47 Appartements im Borgo vermelden, nur eines ist noch übrig. Von den 25 historischen Casali sind zwölf restauriert und verkauft. Dazu kommen Golfvillen und Appartementhäuser im Toskana-Stil als Neubauten. Seit Ebel das Sagen hat, wird erst verkauft und dann gebaut. Das Investment liegt deutlich unter den mal eingeplanten 250 Millionen Euro, sagt Ebel. Das Resort beschäftigt 200 Mitarbeiter, dazu entstanden gut 300 Jobs in der Region.

Die als börsennotiertes Unternehmen quartalsweise berichtende Tui Group macht Tempo in Castelfalfi. Etwas Geduld würde wirtschaftlich vielleicht auch nicht schaden. Denn zumindest die restaurierten Bauernhöfe steigen kräftig im Wert. Sie zu behalten, könnte für die Tui also auch gewinnbringend sein. Heute leben übrigens in Castelfalfi wieder 500 Menschen, so viele wie früher einmal.

© SZ vom 03.04.2017
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