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Prostituierte:Sexarbeit mit erhöhtem Risiko

Salomé Balthus, 34 Jahre, ist High-Class Escort in Berlin, ihr fehlen die Messe- und Kongresskunden.

"Ich bin High Class Escort und arbeite nur für mich selbst. Den Betrieb von Bordellen und Agenturen hat die Politik untersagt - aber ich könnte eigentlich weiter machen. In der Praxis ist das schwer. Meine Kunden sind Besucher von Messen und Kongressen. Wenn die abgesagt werden, kommen sie nicht nach Berlin. Außerdem treffe ich sie meist im öffentlichen Raum, in Restaurants oder in Hotels, die nur noch stark eingeschränkt arbeiten oder geschlossen haben.

Es ist auch psychisch schwer. Ich habe Angst, mich anzustecken und als Virenschleuder durch die Gegend zu laufen. Außerdem funktioniert mein Geschäftskonzept nicht mehr richtig. Ich verkaufe lasziven, ausschweifenden Sex in einer anregenden Atmosphäre, mit Gesprächen zu aktuellen Themen. Wer hat denn dafür noch den Kopf? Diese Woche hatte ich ein Date - vermutlich das letzte für Monate. Ich habe mich geduscht, geschminkt - aber die Vorstellung, gleich einen Fremden zu küssen, war zu viel. Ich habe dem Mann abgesagt. Finanziell ist das unheimlich schwierig. Ich habe Rücklagen für ungefähr zwei Monate, wie es danach weitergeht, weiß ich nicht. Andere Kolleginnen trifft es noch viel härter. Frauen, die drogenabhängig sind oder hohe Schulden haben, leben oft von Freier zu Freier. Und viele von den Kolleginnen aus Osteuropa stehen jetzt auf der Straße. Die Grenzen sind dicht, sie wissen nicht, wohin. Auf staatliche Hilfe machen wir uns keine große Hoffnung. Unser Beruf ist immer noch sehr stigmatisiert. Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft in der Corona-Krise erkennt, dass wir ein Teil von ihr sind. Sie verlangt von uns, dass wir aus Rücksicht auf andere unseren Beruf nicht ausüben. Da sollte auch Solidarität zurückkommen." Hannah Beitzer/Foto: oh

© SZ vom 21.03.2020
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