bedeckt München 20°

Post-Mitarbeiter stimmen für Streik:Angst vor überquellenden Depots

Obwohl Verdi und die Post wieder verhandeln - die Postangestellten votierten klar für den Streik. Der würde Privatkunden und Versandhandel hart treffen.

Konrad Fischer

Offiziell sieht die Deutsche Post den Streikplänen der Gewerkschaft Verdi gelassen entgegen. "Wir wissen zwar nicht, was uns erwartet, aber bisher sind wir gut damit klargekommen", so ein Sprecher des ehemaligen Staatskonzerns. Das, was der Post in den Tagen des Warnstreiks gelungen ist - nach eigenen Angaben konnten 75 Prozent aller Postsendungen ausgeliefert werden - verspricht sie auch für einen möglichen Vollstreik. "Die Abläufe in unseren Postzentren sind hoch automatisiert, da bleibt bei einem Streik nicht viel Arbeit liegen." Die eigentliche Zustellung könne zum Teil durch Beamte oder Aushilfskräfte aufgefangen werden. "Wir sind auch für einen längeren Streik gut gerüstet", glaubt man daher bei der Post.

Allein unter gelben Kisten: Ein umfassender Streik würde viele Depots lahmlegen, glaubt man bei Verdi.

(Foto: Foto: AP)

Ganz anders sieht das die Gewerkschaft Verdi. "Wir sind schließlich der Post immer einen Schritt voraus", so ein Sprecher. Denn wo die Gewerkschafter streiken, erfährt der Arbeitgeber meist erst, wenn es wirklich so weit ist. Hinzu kommt, dass der Organisationsgrad von Verdi bei der Post sehr hoch ist. Fast 70 Prozent der Beschäftigten sind in der Dienstleistungsgewerkschaft organisiert, im Zweifel könnten damit knapp 100.000 Beschäftigte in den Ausstand treten. Die Gewerkschafter sind sicher, die Deutsche Post damit unter Druck setzen zu können. "Mal sehen, wie die Post reagiert, wenn die Depots nach ein paar Tagen überquillen", sagt ein Sprecher. An die Taktik der Post, die angestellten Postboten mit Leiharbeitern zu ersetzen, glaubt man bei Verdi nicht. "Die kennen ja ihr Einsatzgebiet nicht, da braucht man zwei Aushilfen für Strecken, die sonst ein Postbote bedient."

Letzter Vollstreik 1994

Dass es zu einem Vollstreik kommt, ist jedoch eher unwahrscheinlich. Denn bisher scheinen die Fronten im Arbeitskampf lange nicht so verhärtet, wie es zuletzt bei der Bahn der Fall gewesen ist. Jüngst hat die Gewerkschaft der Konzernleitung ein neues Verhandlungsangebot vorgelegt, auch die Post-Oberen betonen immer wieder die vorrangige Alternative einer Lösung am Verhandlungstisch. "Sollte es bis Freitag dennoch zu keiner Einigung kommen, hoffen wir zunächst auf moderate regionale Streiks", so ein Post-Sprecher, "mit einem Vollstreik rechnen wir vorerst nicht." Bei der Gewerkschaft will man diese Möglichkeit zwar nicht ausschließen, spricht aber in erster Linie von "Nadelstichen", mit denen man den Konzern "empfindlich treffen" könne.

Einen Vollstreik hat es zuletzt 1994 gegeben. "Inzwischen sind wir viel schlagkräftiger geworden", glaubt man bei der Gewerkschaft. Schließlich ist die Zahl der Beamten in dem Unternehmen seither deutlich gesunken und liegt heute nur noch bei gut 50.000 - dem gegenüber stehen inzwischen gut 130.000 Angestellte. Da den Beamten ihr besonderer rechtlicher Status grundsätzlich kein Streikrecht einräumt, sind die Auswirkungen eines Streiks daher deutlich verheerender als noch vor Jahren. Zudem erlebt die Gewerkschaft Verdi einen Zulauf wie nie zuvor: Allein seit Beginn der Warnstreiks sind gut 2500 neue Mitglieder hinzugekommen, "und es werden täglich mehr", so ein Sprecher.

Keine Alternative für Privatkunden

Die konkreten Folgen des bevorstehenden Poststreiks sind bisher kaum abzuschätzen. Einige neuralgische Punkte sind jedoch offensichtlich. So ist bei der Post, ähnlich wie bei der Bahn, der Anteil der Angestellten an der Gesamtbeschäftigtenzahl in Ostdeutschland deutlich höher - die Auswirkungen eines Streiks könnten hier schneller und deutlicher zu spüren sein.

Außerdem ist damit zu rechnen, dass der Streik private Sendungen stärker trifft als die Geschäftspost. Bei der Deutschen Post heißt es zwar, alle Kunden würden gleich behandelt, die Marktabdeckung des Ex-Monopolisten ist unter den Privatkunden jedoch deutlich höher als bei Geschäftssendungen. Hier sind gut 10 Prozent des Marktes in der Hand von Mitbewerbern, auf dem Privatpostsektor gibt es noch keinen nennenswerten Gegenspieler. Da die großen Sendungsvolumina von Geschäftskunden außerdem eher kostenneutral auf Mitbewerber übertragen werden, sind die Ausweichmöglichkeiten hier größer.

Privatkunden sollten sich daher am besten frühzeitig auf den Poststreik einstellen, meint Eike Böttcher vom Verbraucherportal posttip.de. Denn einen Haftungsanspruch gegenüber der Post gibt es nicht. "Die Post will mit Aushilfskräften den Betrieb aufrechterhalten", erläutert Böttcher. "Jedoch werden Briefkästen vermehrt leer bleiben, insbesondere wenn es zum Dauerstreik kommt." Die sicherste Alternative ist es also, dringende Sendungen frühzeitig aufzugeben, bevor sie wegen des Streiks im Depot bleiben.

Große Sorgen wegen des Streiks macht sich vor allem der Versandhandel. "Im Interesse der Verbraucher müssen die Verhandlungen schnellstmöglich zum Abschluss gebracht werden", appelliert Wirtschaftsexperte Olaf Roik vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels. Der deutsche Versandhandel versendet täglich Waren im Wert von 75 Millionen Euro - wenn da Warenlieferungen und die eingeplanten Bezahlungen ausbleiben, kann das im Zweifel existenzbedrohend sein.

© sueddeutsche.de/jkr
Zur SZ-Startseite