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Porträt:"Liebling der Ökoanleger"

Demonstration Fridays for Future zur städtischen Verkehrspolitik

Spezialisierte Institute wie die GLS-Bank profitieren auch von der Bewegung „Fridays for Future“.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Die GLS-Bank vergibt Darlehen nur an Firmen, die nach bestimmten Kriterien nachhaltig wirtschaften - und ist damit erfolgreich. Ein Grund, warum das kleine Institut in der Branche genau beobachtet wird.

Von Marcel Grzanna

Seit der Finanzkrise 2008 und im Zuge der Bewegung "Fridays for Future" weckt das ethische Geschäftsmodell zunehmend Interesse. Ein Beispiel dafür ist die GLS-Bank, die Kredite nur an Unternehmen vergibt, die nach ihren Kriterien sozial-ökologisch verantwortlich wirtschaften. Wäre der Zeitgeist messbar, dann wäre die GLS-Bank so etwas wie sein Seismograf. Die Genossenschaftsbank aus dem Ruhrgebiet verzeichnete im vergangenen Jahr einen Zuwachs von mehr als 12 000 neuen Mitgliedern, 25 Prozent mehr als 2018. Sie begrüßte 35 000 Neukunden und betreut nunmehr knapp eine Viertelmillion Menschen und damit mehr als doppelt so viele wie die zweitgrößte ethische Bank in Deutschland. "Liebling der Ökoanleger" haben Finanzexperten das Institut deshalb inoffiziell getauft.

Das Geldhaus ist die größte sozial-ökologische Bank in Deutschland. Nachhaltigkeit ist die zentrale Handlungsmotivation der GLS. Sie finanziert Unternehmen, die nach bestimmten Kriterien sozial-ökologisch verantwortlich wirtschaften. Dabei deckt sie die Sektoren Erneuerbare Energien, Ernährung, Bildung und Kultur, Soziales und Gesundheit oder Baufinanzierung ab. Ihre Kreditgeschäfte legt die GLS allesamt transparent offen. Wer dort ein Konto anlegt, kann selbst entscheiden, wo sein Geld hinfließt.

"Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt zunehmend die gesamte Branche."

Der Zulauf, den ethische Banken in den vergangenen Jahren erleben, erklärt sich nicht über hohe Verzinsungen oder üppige Renditen. Deren herkömmliche Mitbewerber winken meist mit höheren Erträgen. Eher scheint es eng mit der wachsenden Relevanz bestimmter gesellschaftlicher Themen zusammenzuhängen. Beispiel Finanzkrise 2008: Damals knackte die GLS nach 34 Jahren ihrer Existenz erstmals die Summe von einer Milliarde Euro in ihrer Bilanz. Seitdem setzte sich der Aufwärtstrend ununterbrochen fort, auch weil das Misstrauen in konventionelle Institute den ethischen Bankern Auftrieb verschaffte. 2019 belief sich die Bilanzsumme auf den Höchstwert von 6,7 Milliarden Euro. Der Bilanzgewinn betrug 5,4 Millionen Euro.

Den jüngsten Schub allerdings führt Marc Oliver Rieger, Finanzexperte an der Universität Trier, vor allem auf das wachsende Bewusstsein in Deutschland für den Klimawandel zurück. "Die GLS-Bank befindet sich auf einem stetigen Wachstumskurs. Gerade im letzten Jahr war es ein bedeutsamer Zuwachs. Ich sehe da einen deutlichen Zusammenhang zur Bewegung 'Fridays for Future'", sagt Rieger.

Die Klimaschutzinitiative der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg erlebte 2019 den bisherigen Höhepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung. Mit "Fridays for Future" wuchs offenbar auch das Interesse an den nachhaltigen Finanzierungskonzepten ethischer Banken. 2019 beschloss die GLS, ihr Anlage- und Kreditgeschäft bis zum Jahr 2022 kompatibel zu machen für einen Maximalanstieg der Durchschnittstemperatur auf der Erde von 1,5 Grad, wie es auch im Pariser Klimaabkommen festgeschrieben ist.

"Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt zunehmend die gesamte Branche, weshalb dort die Aktivitäten der ethischen Banken sicherlich auch interessiert verfolgt werden. Die GLS ist keine Großbank. Aber sie ist ernst zu nehmen", sagt Rieger.

Wer nicht auf das eigene Auto verzichten will, kann trotzdem etwas für sein Gewissen tun

Die GLS setzt am Gewissen der Menschen an, die das Gefühl haben, sie sollten etwas Gutes tun. Wer schon nicht auf Flugreisen und das eigene Auto verzichten will, um beispielsweise beim Kampf gegen die Erderwärmung mitzuhelfen, kann sich ein bisschen Erleichterung verschaffen, indem er sein Vermögen über nachhaltige Anlagen in ökologische oder eben sozial wirtschaftliche Aktivitäten kanalisiert. "Geld ist für uns ein Mittel, Umwelt und Gesellschaft zu gestalten. Wenn wir das gut machen, ist der ökonomische Gewinn eine Folge - aber nicht der Zweck - unseres Handelns", heißt es seitens der Bank. 30 000 kleine und mittlere Unternehmen, die zu ihren Kunden zählen, zeigten, "dass konsequent nachhaltiges Wirtschaften auch ökonomisch erfolgreich ist."

Die GLS-Bank selbst ist ein gutes Beispiel für so ein Geschäftsmodell, obwohl sie nur Kunden bedient, die bestimmte Nachhaltigkeitskriterien erfüllen. Gelder fließen etwa nur an Unternehmen, die nachweisbar nicht in Waffen und Rüstung investieren, nicht von Kinderarbeit, Menschenrechts- und Arbeitsrechtsverletzungen profitieren, nicht mit Atomkraft oder fossilen Brennstoffen ihr Geld verdienen oder industrielle Tierhaltung oder Glücksspiel fördern.

Im Bereich der Mikrofinanzierung hat die Bank einen Fonds angelegt, aus dem Unternehmen gespeist werden, die Kleinstkredite vergeben. Die Verbraucherzentrale Bremen bescheinigte der GLS, wie nur vier anderen von insgesamt 14 ethischen und kirchlichen Banken, die Nachhaltigkeit fördern wollen, alle untersuchten Kriterien zu erfüllen. Firmen, die einen Kredit erhalten, müssen jedoch akzeptieren, dass die Kreditvergabe öffentlich gemacht wird. Kunden akzeptieren derweil vergleichsweise hohe Gebühren, die sie bei der GLS zahlen müssen. Neben den Kosten für die Kontoführung fällt ein Jahresbeitrag von 60 Euro an. EC- und Kreditkarten gehen noch einmal extra. Girokonten bei unmittelbaren Mitbewerbern wie Triodos oder der Ethikbank sind günstiger.

Dennoch wählen die Kunden der GLS ihre Bank gleich in mehreren Verbraucherumfragen regelmäßig zur besten Bank des Jahres. "Die GLS macht wohl generell gute Arbeit. Allerdings sollte man Kundenbefragungen oft mit Vorsicht genießen, weil das Ergebnis auch davon abhängt, wie viel Werbung eine Bank bei ihren Kunden für eine bestimmte Umfrage macht", sagt Rieger.

In Verbraucherportalen kommt die GLS nicht ausschließlich gut weg. Manche Kunden monieren Schwächen beim Service und der digitalen Kommunikation. Für die meisten Kunden ist die GLS eine klassische Online-Bank. In Deutschland betreibt sie nur Filialen an den Standorten Bochum, Berlin, Hamburg, Frankfurt, Freiburg, München und Stuttgart und den Hauptsitz in Bochum.

Ihre wachsende Bedeutung nutzt die Bank zunehmend auch für politisches Engagement. In diesem Jahr wolle sie, "neben der weiteren Transformation der Wirtschaft in eine CO₂-arme", den "Klimaschutz auf die öffentliche und politische Agenda setzen." Die Corona-Krise beinhalte auch die Chance, dass das Thema Nachhaltigkeit bei den Menschen noch mehr in den Fokus rücke, heißt es bei der Bank. Ob die Mitglieder der Genossenschaft 2020 eine Dividende kassieren, die zwischen ein und drei Prozent liegt, entscheiden die Mitglieder erst im November. Die Bankenaufsicht hatte die Kreditinstitute aufgefordert, in der Corona-Krise bis Oktober 2020 keine Gewinne auszuschütten.

© SZ vom 06.08.2020
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